Flüchtlinge: Jeder Wohnplatz soll ein Wirtschaftsimpuls sein

12. November 2015, 05:30
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Bis zu 50.000 Plätze werden derzeit für Asylwerber gebraucht. Die Fertigteilhausbranche wittert Aufträge

Wien – "Das Thema wird nicht einfacher, eher im Gegenteil", sagte Christian Konrad, "aber im Wesentlichen klappt es." Konrad, Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, sprach am Mittwoch auf Einladung der Arge Eigenheim über die Wohnbauoffensive 2016; was er meinte, war freilich die Flüchtlingssituation. Zwar habe er beobachtet, dass die "überschwängliche Willkommenskultur" zuletzt abgeflaut sei, doch Österreich müsse sich die Flüchtlinge leisten, "wie viele auch noch kommen", sagte der frühere Raiffeisen-Generalanwalt im Wiener Haus der Industrie.

Rund 443.000 "Transitflüchtlinge" haben seit Anfang September Österreichs Grenzen überschritten, mit den 19.500 davon, die im Land "haften geblieben" sind, gebe es derzeit laut Konrad Wohnraumbedarf für 40.000 bis 50.000 Menschen. Vorerst seien temporäre "Low-Cost-Unterkünfte" für Asylwerber nötig, später auch längerfristige Wohnmöglichkeiten für Antragsteller mit positivem Bescheid.

"Eine ordentliche Wohnsituation ist ein wesentlicher Faktor für die Integration, mindestens so wichtig wie der Spracherwerb", sagte Konrad. "Ich glaube, die Gesellschaft ist stark genug, so ein Thema positiv zu erledigen. Wer will, der kann." Doch das Thema solle nicht nur erledigt werden, es könne auch Profit bringen, sagte der Ex-Banker. Er erkenne "Impulse für die Wirtschaft", vor allem für die Bauwirtschaft.

Vermittler gegen den Betrug

"Wir brauchen jede Wohnung", mahnte Konrad und rief Eigentümer dazu auf, leerstehende Objekte auf den Markt zu bringen. Dabei sei vor allem die Zusammenarbeit mit NGOs nötig, deren Vermittlung Mietern wie Vermietern zugutekomme. Die Flüchtlingshilfe der Diakonie übernehme etwa für ihre Klienten die Abwicklung und Bezahlung der Miete. Zahlungsausfälle seien damit faktisch auszuschließen, sagte Diakonie-Sprecherin Petra Struber.

Umgekehrt sollen auch Asylwerber, die die Diakonie bis zu 24 Monate betreut, und später Asylberechtigte vor Betrug geschützt werden. "Derzeit gibt es Fälle, in denen monatlich 350 Euro für eine Matratze verlangt werden", so Struber. Die Organisation suche aktuell für Asylwerber nach Startwohnungen für eine bis zehn Personen um maximal sieben Euro pro Quadratmeter und gleich große "Finalwohnungen" für Asylberechtigte um höchstens zehn Euro pro Quadratmeter.

"Nicht nach Not aussehend"

Mit dem derzeitigen Leerstand allein werde der Bedarf an Wohnraum aber nicht zu decken sein, sagte Konrad. Neue Wohnbauvorhaben seien erforderlich, und dafür böten sich Fertigteilmodelle an. Diese Empfehlung nahm Christian Murhammer, Geschäftsführer des österreichischen Fertighausverbands, bereitwillig an. Seine Branche sei vorbereitet, gleichzeitig flexible und nachhaltige Projekte zu realisieren; "nicht nach Not aussehende" Notunterkünfte könnten später in reguläre Wohnungen, Studenten- oder Seniorenheime umgebaut werden. Aus einem rund tausend Quadratmeter großen Quartier mit 144 Betten könnten etwa später 16 Wohnungen werden, Errichtungskosten: 595.000 Euro.

Finanziert werden sollen solche Projekte unter Mithilfe der geplanten Wohnbauinvestitionsbank WBIB, über die bis zu 700 Millionen Euro an Krediten bei der Europäischen Investitionsbank (EIB) abgerufen werden können. Hinter vorgehaltener Hand spukt auch die Idee einer "Flüchtlingsanleihe" herum: So könnten auch Bürger in Bauprojekte investieren und von der Rendite profitieren. (Michael Matzenberger, 12.11.2015)

  • Fertighäuser in Elementbauweise sind nach wenigen Monaten schlüsselfertig und deshalb wie geschaffen für Asylunterkünfte, sagt Christian Murhammer vom Fertighausverband.
    foto: griffner

    Fertighäuser in Elementbauweise sind nach wenigen Monaten schlüsselfertig und deshalb wie geschaffen für Asylunterkünfte, sagt Christian Murhammer vom Fertighausverband.

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