Berliner Philharmoniker im Musikverein: Beethoven als Rätsel

11. November 2015, 17:15
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Das Orchester und Dirigent Simon Rattle zu Gast in Wien

Wien – Alle neun Beethoven-Symphonien an fünf aufeinanderfolgenden Tagen: Das ist schlicht und ergreifend das Programm des aktuellen Gastspiels der Berliner Philharmoniker im Musikverein. Die Konzertserie ist Teil einer Tournee, die die Musiker auch nach Frankfurt, Paris und New York führt.

Der erste Abend zeigte am Dienstag neben Qualität und Routine noch anderweitig Erfreuliches, das zu erkennen der Zuhörer gar nicht erst die Projekte anderer Orchester mit demselben Programm zum Vergleich heranziehen musste.

Kein fauler Kompromiss

Wenn man die Sache sehr vereinfachen würde, dann ließe sich feststellen, dass es Simon Rattle gelungen ist, zwei Dinge einander anzunähern, ohne dass es nach Kompromiss schmeckt: eine historisch informierte Aufführungspraxis, die auch für die Beethoven-Interpretation neue Maßstäbe gesetzt hat, und als zweite Hauptlinie eine symphonisch-philharmonische Aufführungstradition, die sich aus dem späten 19. und dem frühen 20. Jahrhundert speist und in den letzten Jahren manche neue bombastische Blüte trieb.

Schon bei der 1. Symphonie zeigte das Orchester eine atmende, durchartikulierte Tongebung mit scharfen Akzentuierungen, die jedoch dem übergeordneten Phrasenbau stets eingegliedert waren – ein frisches Musizieren voller Klarheit und Lust am Pointieren, das Rattle zuweilen wie durch die Brille von Joseph Haydn anleitete.

Triumph mit Fragezeichen

In der 3. Symphonie (Eroica) zeigte der Dirigent dann mit wieder zügigen, Beethovens Vorgaben recht nahen Tempi nicht nur das Triumphale auf, sondern vor allem die Zurücknahmen, sozusagen die Fragezeichen, von denen das Stück voll ist, wenn nur jemand genauer hinsieht – nicht nur im Kopfsatz, wo das heroische Thema fast immer so gar nicht heroisch verebbt.

Beethoven sozusagen nicht als Behauptung, sondern als Rätsel – ein schöner Zugang in einer Zeit der einfachen Lösungen. (Daniel Ender, 12.11.2015)

Weitere Termine: 12., 13. und 14. 11.

  • Sir Simon Rattle am Pult  der Berliner Philharmoniker.
    foto: imago / kai horstmann

    Sir Simon Rattle am Pult der Berliner Philharmoniker.

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