Es hört nicht auf

Kolumne11. November 2015, 17:10
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Pessimisten fürchten, dass sich eine Migrationswelle anbahnt, von der wir bisher nur einen Vorgeschmack erlebt haben

Hört denn das nie auf?, fragt sich der Medienkonsument beim Anblick der Bilder endloser Flüchtlingskolonnen, die über den Balkan und Österreich nach Norden ziehen. Wie lange halten wir das aus? Ist nicht endlich Schluss? Nein, es hört nicht auf. Nein, es ist nicht so bald Schluss. Und ja, wir halten das aus. Weil uns gar nichts anderes übrigbleibt. Aber es wird enger.

Das UN-Flüchtlingskomitee und andere einschlägige Organisation haben zuletzt viele Studien über Migrationsbewegungen veröffentlicht, über solche, die im Gange sind, und über solche, die in naher Zukunft zu erwarten sind. Die Zahlen sind ernüchternd. Da ist zunächst einmal der Ist-Zustand. 60 Millionen Menschen sind zurzeit weltweit auf der Flucht. Von 23 Millionen Syrern befinden sich vier Millionen im Ausland, die meisten in Flüchtlingslagern im Libanon, in Jordanien und der Türkei. Viele von ihnen leben seit Jahren dort, in der Hoffnung, nach Kriegsende wieder nach Hause zurückzukehren. Jetzt freilich haben viele von ihnen diese Hoffnung aufgegeben und sich auf den Weg nach Europa gemacht.

Nicht einmal sie, unbestreitbar Kriegsflüchtlinge, können derzeit in Österreich und Deutschland mit vollem Asylstatus rechnen. Viele Afghanen, die zweitgrößte Flüchtlingsgruppe, sollen nächstens aus dem liberalen Deutschland abgeschoben werden. Ist Afghanistan, oder sind zumindest Teile davon sicher? Auf einer internationalen Rangliste gilt es als eines von drei Ländern auf der Welt, in denen am meisten Gewalt herrscht. Wohin man Leute zurückschicken kann und wohin nicht, ist derzeit denn auch eines der heißesten Diskussionsthemen.

Da ist Eritrea, ein Land, aus dem Zehntausende geflohen sind. In jeder Familie, schreibt die New York Times, gibt es einen Sohn, der weg möchte. Der Grund: Alle jungen Männer werden zum National Service verpflichtet, einem lebenslangen Arbeitsdienst, den man auch Sklaverei nennen könnte. Aus Nigeria, mit 174 Millionen Einwohnern das bevölkerungsreichste Land Afrikas, würden 40 Prozent der Einwohner gern weggehen, wenn sie könnten. In 30 afrikanischen Ländern wird sich die Bevölkerung im Laufe dieses Jahrhunderts verdreifachen. Wovon sollen sie leben? Gleichzeitig breitet sich die Wüste immer weiter nach Norden aus. Der Klimawandel lässt den Meeresspiegel steigen, jetzt schon haben zahlreiche Bewohner der Küstenstriche von Bangladesch ihre Dörfer und Felder verlassen müssen. Pessimisten fürchten, dass sich eine Migrationswelle anbahnt, von der wir bisher nur einen Vorgeschmack erlebt haben.

Die Flüchtlinge von heute sind die Mutigsten, Stärksten, Initiativsten unter den vielen, die auch gern nach Europa möchten. Welche Strategien auch immer die europäischen Staaten wählen, um diese historische Völkerwanderung zu bewältigen – alle sind sich einig, dass der Kontinent sich in den kommenden Jahrzehnten grundlegend verändern wird. Das gilt auch für Österreich. Dass dieses kein Einwanderungsland ist, wie noch vor kurzem behauptet, sagt heute nicht einmal mehr die ÖVP. Und Streitereien über Zäune oder Türln mit Seitenteilen wirken vor diesem Hintergrund nur noch lächerlich. (Barbara Coudenhove-Kalergi, 11.11.2015)

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