Betrugsprozess: 30.000 Euro für erotische Hoffnungen

11. November 2015, 16:15
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Eine Familie soll im Internet dutzende Männer um Geld gebracht haben, indem sie ihnen paarungsinteressierte junge Frauen vorgaukelte

Korneuburg – "I bin net so a misstrauischer Mensch, des is mei Fehler", sagt Herr K. als Zeuge und Opfer im Prozess um Betrug und Erpressung gegen vier Angeklagte. Am Landesgericht Korneuburg muss ein Schöffensenat unter Vorsitz von Rainer Klebermaß entscheiden, ob die Familie willigen Männern via Internet über 30.000 Euro herausgelockt hat, indem sie virtuellen oder realen Sex versprach. Mit einer nichtexistenten jungen Frau.

Schon bei der Überprüfung der Generalien zeigt sich, dass die wirtschaftlichen Familienverhältnisse eher sehr trist sind. Großvater Matthias G. ist 58 Jahre alt und hat es auf 26 Vorstrafen gebracht. "Von Beruf?", will Klebermaß von ihm wissen. "Arbeitslos", lautet die lapidare Antwort des Einzigen, der nicht geständig ist. "Schulden?" – "Waaß i ned."

Natascha G. ist seine Tochter, 34 Jahre und fünffache Mutter. Unterhalt bekommt sie für keines der Kinder, sie lebt von 587 Euro Mindestsicherung, hat 49.000 Euro Schulden und drei Vorstrafen.

Erstangeklagte Jennifer G. ist die Enkelin von Matthias, 18 Jahre alt und vor fünf Monaten Mutter geworden. Neben ihr sitzt Manuel G. (nicht verwandt, Anm.), der Vater des Kindes, und lebt mit seinen 27 Jahren von 800 Euro Arbeitslosengeld.

"Systematisch Opfer gesucht"

Die Motivlage der Angeklagten ist also recht offensichtlich. Weniger klar ist, wer was gemacht hat. Ab dem Sommer 2013 sollen sie in Heimarbeit aktiv gewesen sein. In einschlägigen Chatportalen hätten sie "systematisch Opfer gesucht", sagt Staatsanwältin Elisabeth Böhm-Gratzl. Der Älteste bestreitet allerdings, etwas von der Sache gewusst zu haben.

Das männliche Bedürfnis, nackte junge Frauen zu sehen und dafür auch Geld zu zahlen, scheint recht ausgeprägt zu sein. Manuel G. übernimmt die Hauptverantwortung. Er hat sich weibliche Tarnidentitäten zugelegt und Interessenten erotische Erlebnisse versprochen, die beiden Frauen haben geholfen beziehungsweise wurden selbst aktiv.

"Sind Leute darauf eingestiegen?", fragt der Vorsitzende. "Genug. Jedes Mal mindestens zweistellig." Zunächst chattete man, dann stieg man auf Skype um. Das Versprechen, die Webcam aufzudrehen, gab es ab 25 Euro, für ein reales Treffen musste man 50 bis 100 Euro überweisen. Vorab, ohne zu wissen, wer das Gegenüber überhaupt ist.

Damit gaben sich die Angeklagten aber nicht zufrieden. Wurde gezahlt, hieß es anschließend, das Geld sei nicht angekommen. Viele zahlten neuerlich. Und nochmals. Die Kamera blieb dunkel, reale Treffpunkte vereinsamt.

Mit Ausweis des Vaters registriert

Eingezahlt wurde auf Paysafe-Cards, die anschließend wie Kreditkarten benutzt werden können. Drei davon waren im Spiel, eine ist auf den leugnenden Drittangeklagten ausgestellt. Seine Tochter Natascha nimmt die Schuld auf sich. Sie habe den Ausweis ihres Vaters genommen und ihn registriert, er habe davon nichts gewusst.

Ein Mitarbeiter des Unternehmens bestätigt das als Zeuge. "Keep calm and stop fraud" (Ruhig bleiben und Betrug stoppen) steht auf dem Aufkleber, der auf seinem Laptop prangt.

Er erklärt auch, dass auf einer Karte maximal 1.000 Euro gespeichert sein können – was erklärt, warum mehrere nötig waren. Als er allerdings in Details gehen will und von "Loyal Customers" und "IP Ranges" spricht, blicken ihn alle Prozessbeteiligten ziemlich ratlos an und sind mit der grundsätzlichen Aussage zufrieden.

Der "zahlungskräftigste" Kunde war Herr K., der kein so misstrauischer Mensch ist. Der 24-jährige Landwirt hat die Angelegenheit angezeigt, nachdem er 1.300 Euro verloren hatte. "I hob des Göd fürs Winterdienstfahrzeug braucht", sagt er.

Die heilige Freundin

Er schämt sich für die Angelegenheit und sucht die Schuld auch bei sich. "I bin seit ocht Jahr mit meina Freindin zsam, sie woar mei erste. Die is mir heilig", beteuert er. Der Kontakt war jedenfalls intensiv. Neben der Konversation über Skype sind 77 Anrufe und SMS dokumentiert.

Er erhebt gleichzeitig schwere Vorwürfe: Jennifer und Manuel sollen ihn erpresst haben, was diese bestreiten. "Sie hot gsogt, sie sogts meina Freindin", schildert das Opfer. Nachdem er mit einer Anzeige drohte, habe ihm die damals Minderjährige gedroht, ihn als Kinderschänder in die Zeitung zu bringen. Allerdings: Geld sei dabei keines gefordert worden, und die Anzeige habe er dennoch erstattet.

Das junge Paar gesteht die Kinderschänder-Drohung, die sei aber nur die Retourkutsche gewesen, um K. davon abzuhalten, zur Polizei zu gehen – was ihnen der Senat am Ende glaubt und sie daher nur wegen versuchter Nötigung verurteilt.

Für Erheiterung sorgt der Zweitangeklagte Manuel G., als er sich zum Vorwurf verantworten muss, illegal Arbeitslosengeld bezogen zu haben, da er ja Einkünfte hatte. "Ich kann ja nicht zum AMS gehen und sagen, ich mache daheim einen Betrug!", gibt er zu bedenken.

Rechtliches AMS-Problem

Dem kann Vorsitzender Klebermaß durchaus etwas abgewinnen. Er fragt eine Zeugin vom AMS daher, ob man die Herkunft zusätzlicher Gelder detailliert anführen müsse. Müsste man, die Zeugin erlöst ihn allerdings von der rechtlich schwierigen Bewertung, indem sie erklärt, man könne sich auch ohne Begründung abmelden.

Am Ende gibt es einen rechtskräftigen Freispruch für Matthias G., da man ihm nichts nachweisen kann. Seine Enkelin erhält insgesamt 13 Monate bedingt, Manuel G. 16,5 Monate bedingt und Natascha G. 18 Monate bedingt, auch diese Entscheidungen sind rechtskräftig. (Michael Möseneder, 11.11.2015)

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