"Die Krise war auch eine Chance"

Interview12. November 2015, 11:37
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Loukas Anastasiadis war lange für seinen Heimatverein Aris in Thessaloniki aktiv und arbeitet heute für das Fannetzwerk "Supporters Direct Europe". Im Interview spricht er über Polizei, alte Verbote und neue Abhängigkeiten

Unmittelbar vor dem Termin mit dem ballesterer ist Loukas Anastasiadis aus Bulgarien zurückgekommen, wo er für die UEFA zu tun hatte. Trotz seines dichten Kalenders nimmt sich der Fanexperte Zeit, und schnell wird aus einem kurzen Gespräch ein langes Interview.

ballesterer: Rivalitäten spielen eine große Rolle für die drei Athener Fangruppen. Wo sehen Sie die Differenzen zwischen den Kurven?

Loukas Anastasiadis: Das ist als Außenstehender keine einfache Unterscheidung. Die Olympiakos-Fans sind sicher sehr gut darin, Choreografien zu organisieren und für Stimmung zu sorgen. Die AEK- und Panathinaikos-Fans engagieren sich hingegen stärker auch außerhalb des Stadions. Es gibt dort mehr politische Konflikte, und sozialen Anliegen wird stärker Rechnung getragen. Was sie trotz aller Unterschiede verbindet, ist, dass sie eine hohe Loyalität gegenüber ihren Klubs zeigen.

Welchen Einfluss hat die Wirtschaftskrise auf den Fußball gehabt?

Anastasiadis: Es hat sicher Verschlechterungen gegeben. Das Problem war aber nicht die Krise selbst, sondern die fehlende Reaktion der Vereine darauf. Die Krise war ja auch eine Chance. Hätten sich die Funktionäre darauf geeinigt, auf die Fans zuzugehen, wären die Auswirkungen der wirtschaftlichen Probleme nicht so dramatisch gewesen. Doch die Matchkarten sind nicht billiger, sondern eher noch teurer geworden. Das hat die Zuschauerzahlen gedrückt und die Vereine finanziell geschwächt. Sie sind heute viel stärker von Großsponsoren abhängig, weil die Einnahmen durch die Stadionbesuche eingebrochen sind. Es ist aber auch gar nicht der Anspruch, die Stadien zu füllen oder auf die Fans zuzugehen. Nicht bei den Vereinen, nicht bei der Liga und auch nicht bei den Behörden.

Wie ist das Verhältnis der Fans zu den schwerreichen Eigentümern?

Anastasiadis: Es wäre sehr wichtig, die Fans von den Klubeignern unabhängig zu machen. Die Fans sollen kritisch sein, wenn sie das wollen. Aber wenn der Verein vom Geld eines Großsponsors abhängig ist, wird das schwierig. Das ist an sich schon ein Problem, hinzu kommt, dass der Einfluss der Präsidenten ganz und gar nicht positiv ist.

Ist die Gewalt mit der Krise gestiegen?

Anastasiadis: Gewalt ist kein Problem des Fußballs, sondern der Gesellschaft. Aber jetzt haben die Leute mehr Zeit, und sie sehen den Sport als eine Möglichkeit, um ihre Frustration loszuwerden. Die Stimmung in den Stadien ist generell negativer geworden, die Fans provozieren einander stärker. In der Folge kommt es zu mehr Gewalt.

Wie geht die Polizei damit um?

Anastasiadis: Es gibt keinen Dialog mit den Fans. Die Exekutive versucht meist nicht, Auseinandersetzungen zwischen Fans zu beruhigen, sondern heizt sie mit ihrer Brutalität nur noch weiter an. Das ist ein Teufelskreis. Das größte Problem ist, dass die Behörden einfach keinen Plan haben. Die Entscheidungsträger des Staats und der Vereine denken nicht darüber nach, wie man auf eine andere Weise mit den Fans umgehen könnte. Es geht immer nur um Repression. Das hat sich auch mit der Machtübernahme von Syriza nicht geändert. Die Regierung arbeitet gerade an einem Gesetz für Sportveranstaltungen, das im Dezember fertig sein wird. In den Gesetzwerdungsprozess sind Fanorganisationen nicht involviert – das ist nicht anders als früher. Fans werden a priori ausgeschlossen.

Ist das ein Sinnbild für den allgemeinen Umgang mit Fans?

Anastasiadis: Ja, das spiegelt sich hier sehr gut wider. Auch Kollektivstrafen werden bei Fans sehr häufig angewendet. Wenn es zum Beispiel bei einer Auswärtsfahrt von Aris kracht, werden die Gästesektoren im ganzen Land bis auf Weiteres gesperrt. Alle reden immer über Videoüberwachung und davon, dass man damit die Täter finden könne, und dann macht man so etwas.

Ein beliebtes Mittel dürfte ja auch das Verbot von Auswärtsfahrten sein.

Anastasiadis: Das basiert auf folgendem System: Zuerst müssen sich die beiden Vereine einigen, ob sie Auswärtsfans zulassen wollen. Wenn das Heimteam keine Karten an den Auswärtsverein vergeben will, ist das das Ende der Diskussion. Aber selbst wenn sich die Klubs einigen, befindet noch die Polizei darüber, ob es vernünftig ist, dass Auswärtsfans kommen. Wenn die Polizei das ablehnt, entscheidet in letzter Instanz das Sport-ministerium. Doch das Ministerium hält sich in der Regel an die Empfehlungen der Exekutive. Hinzu kommt, dass die Behörden immer öfter auch die organisierte Anreise verbieten. Die Polizei glaubt, dass sie dadurch Gewalt verhindern kann. Ich verstehe das zwar nicht, die Fans verstehen das auch nicht, aber die Behörden sind von dieser Vorgehensweise überzeugt.

Haben die Verbote der Auswärtsfahrten die Gewalt vielleicht sogar verstärkt?

Anastasiadis: Das glaube ich nicht. Gewalt war hier immer schon ein Problem – und es hat nie eine angemessene Reaktion darauf gegeben. Es hat in Griechenland nie Präventionsmaßnahmen gegeben. Die Politik hat sich immer nur dann mit dem Fußball beschäftigt, wenn gerade etwas passiert ist. Aber so wird sich nichts bessern. An diesem Punkt wird der Unterschied zu Nordeuropa extrem deutlich. Die Polizei ist dort im Umgang mit Fans geschult. Sie weiß, wie man sich gegenüber gewaltbereiten Anhängern verhalten kann – so etwas gibt es in Griechenland nicht einmal ansatzweise. Auch die Empfehlungen des Europarats zum richtigen Polizeiverhalten im Umgang mit Fans werden nicht befolgt. Das hat man zuletzt wieder bei der Champions-League-Partie zwischen Olympiakos und dem FC Bayern gesehen. Die Auswärtsfans sind von der Polizei grundlos verprügelt worden. (Moritz Ablinger, 12.11.2015)

Loukas Anastasiadis (31) lebt in Thessaloniki und ist seit 2013 Berater des Fannetzwerks "Supporters Direct Europe", das unter anderem mit der UEFA zusammenarbeitet. Zuvor war der Aris-Fan für die Mitgliedervereinigung "Aris Member Society" tätig, die die Mehrheitsanteile des Vereins besaß.

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