Ein Ökotest für Chinas Mittelstand

18. November 2015, 16:33
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Ein deutsch-chinesisches Konsumentenschutzportal darf bisher nur Produkte ausländischer Hersteller testen

Ein deutsch-chinesisches Portal punktet aktuell bei Chinas schweigender Mehrheit: den Verbrauchern. 35 Mitarbeiter des Gemeinschaftsunternehmens Ökotest arbeiten im vierten Stock eines Bürohauses in der Süd-Sanlitun-Straße in Peking. Am 15. Mai ging die Website okoer.com (eine lautmalerische Übersetzung für Ökotest) online.

26 Testreihen wurden bisher zu Milchpulver, Babylotions, Lippenstiften, Zahnpasta, Tafelwasser, Olivenöl, Kosmetik und T-Shirts veröffentlicht. Minuspunkte erhielten Produkte, wenn sie etwa Spuren von verwendeten Reinigungsmitteln oder nachweisbare Schadstoffe etwa durch Verwendung belasteten Wassers aufwiesen.

"Wir bieten eine Dienstleistung an, die es bisher so in China nicht gab. Unsere Zielgruppen kommen aus dem mehr als 300 Millionen Menschen zählenden neuen Mittelstand", sagt der deutsche Projektmanager Thomas Böwer. Die Sicherheit von Nahrungsmitteln und Konsumgütern sei für Chinesen zu einem wichtigen Thema geworden, "so wie es auch vor 30 Jahren in Deutschland war, als das Magazin 'Ökotest' gegründet wurde".

Prüfverfahren wie in Deutschland

Vier Jahre dauerte die Vorbereitung, bis das Projekt auf Chinas Markt kam. Die Website arbeitet nach den eingespielten Prüfverfahren des 1985 gegründeten Magazins "Ökotest". Für jeden Test werden unter Vorgaben eines Lebensmittelingenieurs mindestens zehn der wichtigsten Marken in China eingekauft. Sprachlich versierte Okoer-Mitarbeiter übersetzen die Beipackzettel ins Deutsche.

Alle Waren werden dann per Luftfracht an deutsche Labore geschickt. Vor der Veröffentlichung der Ergebnisse erhalten die Hersteller Gelegenheit, Stellung zu nehmen. "Wir haben inzwischen eine Reichweite von 15 bis 17 Millionen Zugriffen auf unsere Tests über verschiedene Internetplattformen", sagt Böwer. Auch behördliche Websites würden langsam die Testergebnisse auf ihren Websites übernehmen.

Das deutsch-chinesische Konsumentenschutzprojekt scheint im richtigen Moment nach China gekommen zu sein. Seit Anfang des Jahres lässt Premier Li Keqiang die Entwicklung von IT-Gewerbe, E-Kommerz und Dienstleistungen als Paradigmenwechsel für eine neue Wirtschaftsweise besonders stark fördern. Chinas Parteiführung diskutiert gerade in Klau- sur, wie sie die neue Strategie im Fünfjahresplan 2016 bis 2020 verankert.

Einst Korruption, jetzt Lebensmittelskandale

"Die Zeit in China ist reif für glaubwürdige Verbraucheraufklärung", sagt der Chefredakteur der Website, Luo Changping. Lebensmittelskandale und die weitverbreitete Furcht in der Bevölkerung vor belasteten und verseuchten Nahrungsmitteln haben den Boden bereitet. Der 34-Jährige zählt zu Chinas bekanntesten Journalisten. Zwölf Jahre lang hat er Skandale und hochrangige Korruptionsfälle enthüllt.

Luo hat sein Metier nicht wirklich gewechselt. Als Leiter des ersten unabhängigen Online-Konsumentenmagazins "erziele ich heute mehr Wirkung als mit meinen Artikeln". Zehn seiner 35 Mitarbeiter, die im Durchschnitt 25 Jahre alt sind, arbeiten im IT-Bereich, bauen die Website und die seit Ende September entwickelte App aus, die bereits 100.000-mal heruntergeladen wurde.

Verbraucher sollen in Zukunft mit der App nicht nur bezahlen können, sondern beim Einkauf ihr Smartphone nur über das gewünschte Produkt halten und die Ökotest-Bewertung erhalten. Ziel ist ein verantwortlich und umweltbewusst einkaufender Konsument. "Wir wollen dem Verbraucher zur Mündigkeit verhelfen", sagt Luo.

Mehrheitseigentümerin des Joint Ventures ist die SPD-eigene Medienholding DDVG. Sie besitzt 50,06 Prozent, während drei chinesische Privatinvestoren sich die übrigen 49,94 Prozent aufteilen. Als online erscheinendes Testmagazin hat okoer.com mehr Freiräume als andere Medien. Dennoch steht es unter Auflagen. Die Redaktion darf nur Tests der in China verkauften Markenprodukte ausländischer Hersteller veröffentlichen, nicht aber solche von chinesischen Herstellern.

Vertrauen zurückgewinnen

Doch das ist nur eine Frage der Zeit. Auf der Reformagenda der Pekinger Führung hat die Wiederherstellung des Vertrauens der Bevölkerung in chinesische Nahrungsmittel Priorität. Luo beruft sich auf den ZK-Disziplinwächter Wang Qishan, Mitglied der höchsten Parteiführung. Wang meint: "Vor 30 Jahren standen wir noch vor dem Problem, wie wir die Menschen satt bekommen. Heute geht es darum, wie wir ihnen sichere und gesunde Lebensmittel garantieren können." Die dafür zuständige Staatsbehörde für die Sicherheit von Arznei- und Nahrungsmitteln hat dem Konsumentenprojekt zugestanden, eine "sinnvolle Ergänzung" für ihre staatliche Kontrollaufgabe zu sein.

Luo hofft, spätestens ab 2017 auch rein chinesische Produkte testen zu dürfen. Dann könnte die Website eine größere Reichweite bekommen und somit Bezahlschranken einführen und Werbeeinnahmen lukrieren, die finanziell unabhängig machen. In Zukunft könnte sich Okoer als Onlinemodell des Verbraucherschutzes für viele große Aufstiegsländer empfehlen. Zumindest überall dort, wo die Bevölkerung ihren Produkten nicht mehr traut und starke neue Mittelschichten nach Aufklärung verlangen. (Johnny Erling aus Peking, 18.11.2015)

  • Artikelbild
    foto: reuters/kyung-hoon
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