"Ich bin ein Museum": Bosnier kämpften erfolgreich für ihr Nationalmuseum

Blog11. November 2015, 14:35
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Bürger haben so lange Museumswärter gespielt, bis das geschlossene Museum in Sarajevo wieder geöffnet wurde

Es ist für ihn der absolute Lieblingsplatz in seiner Stadt. Und weil er jetzt drei Jahre lang nicht hier hereinkonnte, ist er sehr aufgeregt. Der Historiker Mustafa Nikšić läuft zwischen den Steinskulpturen aus der Zeit des bosnischen Königreichs und dem Richterstuhl mit den Steinblumen herum. Er zeigt das Runenalphabet aus dem fünften Jahrhundert, das merkwürdigerweise in Bosnien gefunden wurde und das Wappen der bosnischen Könige mit der Lilie, die als Symbol für viele Bosnier bis heute sehr wichtig ist.

"Eigentlich haben die Bosnier die Lilie vom Haus Anjou abgekupfert", erklärt Nikšić. Zu den wichtigsten Artefakten hier im Nationalmuseum gehören die mittelalterlichen Sarkophage, die stećci, die in der Region einzigartig sind. Im naturkundlichen Pavillon heult Nikšić den Wolf hinter dem Glaskasten an und der Wolf heult zurück. Das hat Nikšić schon getan, als er ein Kind war. Das Museum hat ihn – wie kein anderer Ort – geprägt.

Im Jahr 2012 reduzierte das Ministerium für zivile Angelegenheiten die Überweisungen an das Nationalmuseum von 450.000 auf 150.000 Euro. Deshalb musste es zusperren. Drei Jahre mussten es die Sarajlis von außen betrachten. Nur reiche Touristen konnten für ein paar hundert Euro die Behörden dazu bringen, die Tür zu öffnen, um die weltberühmte Haggadah zu bestaunen. Für den Normalbürger blieb das große Tor des Gebäudes, das 1913 von Karl Paržik gebaut wurde, geschlossen. Das Museum – vier Pavillons im Sezessionsstil, die einen botanischen Garten umringen – wurde nach dem Krieg (1992–1995) restauriert und wieder geöffnet. Im Krieg lag es genau in der Pufferzone zwischen den Belagerern und den Verteidigern der Stadt.

Auf die Kultur vergessen

Das Nationalmuseum ist eine von sieben bosnischen Kulturinstitutionen, die in einem legalen Vakuum verharren, weil beim Abschluss des Friedensvertrags von Dayton vor 20 Jahren die Kulturagenden einfach vergessen wurden. Auf Staatsebene gibt es nicht einmal ein Kulturministerium und der Landesteil Republika Srpska will keine bosnischen Kulturinstitutionen unterstützen, weil der gemeinsame Staat eigentlich abgelehnt wird.

Doch im Jänner traten einige Leute auf den Plan. "Wir wollten daran erinnern, dass die wichtigste kulturelle Institution des Landes geschlossen ist und die Angestellten nicht bezahlt sind", sagt Ines Bulajić von der NGO Aktion, die die Kampagne für das Museum initiierte. "Wir wollten klarmachen, dass die Leute zählen. Deshalb der Name der Aktion: 'Ich bin ein Museum'." Der Fotograf Ziyah Gafić begann, Fotos der Museumsmitarbeiter zu machen, die obwohl sie seit Jahren kein Gehalt mehr bezogen und obwohl es im Museum ohne Heizung eisig kalt ist, weiter ihrer Arbeit nachgingen. Die 39 Porträts der Widerständigen wurden veröffentlicht.

Promis als Museumswärter

Die NGO Aktion forderte zudem bekannte Persönlichkeiten auf, für ein paar Stunden eine Museumswärterschicht einzulegen. Und es kamen viele – und noch mehr. In Sarajevo war es im Sommer geradezu ein "Must", Museumswärter zu spielen und sich dabei fotografieren zu lassen. Es galt als Beweis, zur Elite zu gehören, als Symbol gegen die Apathie, aber vor allem als Unterstützung für das eigene Land. Denn das Nationalmuseum ist für manche Bosnier so etwas wie das Symbol dafür, dass es ihr Land trotz aller Unkenrufe und Anfeindungen doch gibt. Auch das erste Treffen der drei Mitglieder der bosnischen Präsidentschaft fand nach dem Krieg hier im Museum statt.

Erfreulich war, dass nicht nur Sarajlis sich für das Museum engagierten, sondern auch Bosnier aus der Republika Srpska kamen. In Bosnien-Herzegowina gilt es im Sport wie auch in der Kultur als symbolischer Akt, wenn sich auch Serben zum gemeinsamen Staat bekennen. Alle Religionsgruppen setzten sich für das Museum ein. Nicht nur der Großmufti und der katholische Bischof kamen, sondern auch Vertreter der serbischen Orthodoxie. Und natürlich Sarajevos Gesangsstar, der queere Sevdah-Sänger Božo Vrećo.

Keine Geld-, nur Sachspenden

Bulajić erzählt, dass man verhindern wollte, dass die VIPs einfach Geld spenden. Man nahm nur Sachspenden entgegen. Zurzeit braucht man noch dringend ein Gerät zur Trockenlegung des Schimmels an den Wänden. Schließlich waren die Gebäude jahrelang nicht beheizt.

Zum Museumswärterspielen kamen natürlich auch Politiker. Sie mussten sich allerdings als normale Bürger bewerben und ihren bürgerlichen Beruf angeben. Man wollte nicht vereinnahmt werden. Im September kam es dann aufgrund des Drucks der Amerikaner zu einer Einigung, sodass das Geld für die nächsten zwei Jahre gesichert ist. Die US-Botschaft spendete 500.000 Euro für Renovierungen. Einige der zehn Kantone und der Landesteil Föderation zahlen die laufenden Kosten.

Das Prunkstück des Museums

Seit Mitte September hat das Museum wieder geöffnet. Das Herzstück ist die weltberühmte Sarajevo-Haggadah, das älteste Zeugnis jüdischer Buchkunst in Spanien, eine Anleitung für einen Sederabend, die 1314 in Spanien verfasst wurde und von sephardischen Auswanderern gegen 1492 nach der Vertreibung der Juden aus Spanien nach Bosnien gebracht wurde. Die Haggadah ist im Nationalmuseum umgeben von wertvollen Schriften der katholischen, serbisch-orthodoxen und muslimischen Kirche. Sie liegt in der Mitte.

Heute arbeiten wieder 48 Personen in dem Museum, seit September werden sie wieder bezahlt. Und die bosnischen Schüler können wieder über die Geschichte ihres Landes lernen. Das Museum umfasst eine archäologische, eine naturkundliche und eine ethnologische Sammlung, wie auch eine wissenschaftliche Bibliothek. "Wenn man es mit anderen Museen in Europa vergleicht, dann ist es natürlich nicht so groß wie in Paris oder in Wien", sagt der glückliche Herr Nikšić. "Aber es eröffnet die Möglichkeit für alle, sich in der Geschichte und Kultur Bosnien-Herzegowinas zu verlieren. Und man kann sich nur in der Fülle verlieren." (Adelheid Wölfl aus Sarajevo, 11.11.2015)

  • Seit Mitte September ist das Museum in Sarajevo wieder eröffnet.
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    Seit Mitte September ist das Museum in Sarajevo wieder eröffnet.

  • Mustafa Nikšić heult wie immer den Wolf im Nationalmuseum an.
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    Mustafa Nikšić heult wie immer den Wolf im Nationalmuseum an.

  • "Man kann sich nur in der Fülle verlieren", sagt Nikšić über die zahlreichen Artefakte.
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    "Man kann sich nur in der Fülle verlieren", sagt Nikšić über die zahlreichen Artefakte.

  • Das Museum von außen.
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    Das Museum von außen.

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