Sterbehilfe: Zwischen Lebenserhaltung und Strafverfolgung

11. November 2015, 09:00
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Ein Fall in Salzburg heizt die Sterbehilfedebatte in Österreich erneut an

Salzburg – Was unmittelbar vor dem Tod einer Bewohnerin eines Pflegeheims in Salzburg passiert ist, sorgt in medizinischen Fachkreisen seit Wochen für Aufregung. Am Dienstag sah sich die im Bundeskanzleramt angesiedelte Bioethikkommission zu einer Stellungnahme veranlasst. Sie warnt darin vor einer "verstärkten Verlagerung medizinischer Entscheidungen zur Strafjustiz" und macht auf ihre Empfehlungen zum Thema "Sterben in Würde" von Februar 2015 aufmerksam.

Auslöser der Debatte war ein Prozess in Salzburg gegen einen Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin Anfang Oktober 2015. Der Mediziner musste sich wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung unter besonders gefährlichen Umständen verantworten. Die Richterin arbeitet laut einer Sprecherin des Landesgerichts Salzburg derzeit am schriftlichen Urteil. Da sogar ein Mordvorwurf im Raum stehe, sei sie nicht zuständig. Der Angeklagte habe Rechtsmittel angekündigt, daher ist das Urteil nicht rechtskräftig. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Die Vermutung des Neffen

Eine 79-Jährige hatte in der Nacht zum 30. Oktober 2014 in einem Seniorenheim einen Kreislaufkollaps erlitten, wurde reanimiert und ins Spital gebracht. Vermutlich im Zuge der Wiederbelebung sollen der Frau zwölf Rippen und das Brustbein gebrochen worden sein, wie der Anästhesist im Oktober auf der Anklagebank schilderte. Dort gab er auch an, gewusst zu haben, dass die Frau Vorerkrankungen gehabt habe und von Schmerzmitteln abhängig gewesen sei. Dem Mediziner wird vorgeworfen, der Frau zu viel Morphin gespritzt zu haben, in der Folge sei sie verstorben.

Die Dosis sei im klinisch üblichen Bereich gelegen, lautete wiederum die Verteidigungslinie. Zudem habe es im gerichtsmedizinischen Gutachten geheißen, dass die Dosis letal sein könne – aber nicht müsse. Der Neffe der Frau habe dem Arzt auch erklärt, es wäre wohl nicht der Wunsch seiner Tante gewesen, künstlich am Leben erhalten zu werden.

Mehrere medizinische Fachgesellschaften veröffentlichten nun Stellungnahmen zu dem Fall, in denen sie ihre Sorge ausdrückten. In der Österreichischen Palliativgesellschaft (OPG) sei man "fassungslos", dass "sich ein verantwortungsvoll handelnder Arzt juristisch bedroht sehen muss". Die Österreichische Gesellschaft für Ethik und Recht in der Notfallmedizin (Ögern) wies darauf hin, dass es keine Belege dafür gebe, "dass die klinische Wirkung von therapeutisch verwendeten Opioiden mit absolut gemessenen "Blutspiegelmessungen" korreliere. Auch sei ein Arzt rechtlich nicht verpflichtet, "in einen bereits natürlich begonnenen Sterbeprozess eines Patienten durch lebensverlängernde Maßnahmen einzugreifen, sofern der Krankheitsverlauf weitere Behandlung nicht sinnvoll erscheinen lässt".

"Therapiezieländerung"

Die Arbeitsgruppe Ethik der österreichischen Gesellschaft für Anästhesie, Reanimation und Intensivmedizin (Ögari) machte darauf aufmerksam, dass der Arzt eine "Therapiezieländerung" vorgenommen habe, sich also aus "lebenserhaltenden, intensivmedizinischen Maßnahmen" zurückgezogen und "auf palliative, symptomorientierte Komforttherapie" umgestellt habe, mit "Linderung des Leidens, nicht Lebensverlängerung im Vordergrund".

Die Bioethikkommission teilte mit, dass medizinische Interventionen, deren Belastung größer sei als der Nutzen "unverhältnismäßig" und "nicht zu rechtfertigen" seien. Kommissionsvorsitzende Christiane Druml sagte dem Standard, es sei eines der Hauptanliegen der Kommission, "Defensivmedizin" aus Angst vor rechtlichen Folgen zu vermeiden.

Es solle von Strafverfolgung abgesehen werden, wenn eine Prüfung ergebe, dass ein an ethischen Standards und Leitlinien erfolgter Entscheidungsfindungsprozess vorangegangen sei. Derlei Standards würden von Fachgremien publiziert. Auch regte die Kommission an, von der Terminologie "aktiver und passiver Sterbehilfe" Abstand zu nehmen. Diese sei veraltet und nicht mehr ausreichend. (Gudrun Springer, 11.11.2015)

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