"Alle russischen Sportler für Olympia sperren"

Interview10. November 2015, 16:58
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Wolfgang Konrad, Veranstalter des Vienna City Marathons, wünscht sich im Dopingskandal strenge Sanktionen

STANDARD: Der Papst ist katholisch, in Russland wird gedopt. Hat Sie der Skandal, der die Leichtathletik erschüttert, wirklich überrascht?

Konrad: Es überrascht mich nicht, dass etwas aufgedeckt wird und wie viel aufgedeckt wird. Es überrascht mich auch nicht, dass vertuscht und manipuliert wurde. Aber dass sich, worauf alles hindeutet, der Präsident des Weltverbands schmieren ließ, um positive Dopingproben unter den Tisch fallen zu lassen, das zieht mir den Boden unter den Füßen weg. Das macht mich beinahe sprachlos.

STANDARD: Wir reden vom Senegalesen Lamine Diack, der 16 Jahre lang dem Weltverband vorstand und gegen den nun ermittelt wird. Wieso sollte in der Leichtathletik der Fisch nicht am Kopf zu stinken beginnen?

Konrad: Das Ausmaß der Dreistigkeit ist einfach gigantisch. Und wir reden ja nicht von Pfitschigogerln. Wir reden von der IAAF, dem Weltverband, und wir reden von der Leichtathletik, die eine der bedeutendsten Sportarten ist, eine olympische Kernsportart. Diesen Skandal hätte ich nicht für möglich gehalten.

STANDARD: Die Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada drängt den Weltverband und das IOC, die russischen Leichtathleten, von denen ohnedies derzeit zwei Dutzend wegen Dopings gesperrt sind, generell von den Olympischen Spielen 2016 auszuschließen. Wäre das für Sie die logische und richtige Konsequenz?

Konrad: Ich finde, die Sanktionen müssten sogar noch weiter reichen. Es handelt sich hier klar um ein System, und es wird doch niemand glauben, dass sich das in Russland nur auf die Leichtathletik beschränkt hat. Man sollte und müsste alle russischen Sportler für Olympia sperren, das wäre das richtige Zeichen.

STANDARD: Doch würden dann, selbst wenn es ein sozusagen staatlich gefördertes Dopingsystem in Russland gibt, nicht auch viele unschuldige Sportlerinnen und Sportler zum Handkuss kommen?

Konrad: Das müsste man in Kauf nehmen. Die Athleten sind natürlich die armen Schweine, viele zumindest. Einige wissen natürlich ganz genau, was sie tun oder was mit ihnen getan wird. Andere haben gar keine andere Wahl, als mitzumachen. Da passiert Ähnliches wie seinerzeit in der DDR.

STANDARD: Und das passiert einzig und allein in Russland?

Konrad: Das ist das Einzige, was mich an der aktuellen Entwicklung stört – diese Einseitigkeit. Ich will gar nicht darüber nachdenken, was alles in China passiert ist oder noch passiert.

STANDARD: Mir fällt zum Beispiel auch Kenia ein. Seit 2012 wurden 38 kenianische Leichtathleten positiv getestet. Für viele junge Afrikaner ist der Langstreckenlauf die Chance ihres Lebens. Wie gehen Sie als Veranstalter des Vienna City Marathons mit dem Risiko um, dass ein Gedopter auf einen Spitzenplatz läuft?

Konrad: Ganz ausschließen kann ich das nicht, weil das niemand kann. Wir schauen uns halt genau an, mit welchen Managern wir es zu tun haben, und hoffen, dass diese Manager sich genau anschauen, mit welchen Läufern sie es zu tun haben. Und wir haben in Wien seit 2009 die Regel, dass niemand, der eine Dopinggeschichte hat, an den Start gehen darf – auch wenn er nicht mehr gesperrt ist. Andere große Marathons ziehen da jetzt erst nach. Bei uns war Susanne Pumper der Anlassfall. Ich nehme nun sogar in Kauf, dass es im Rahmen des Vienna City Marathons keine Meisterschaften mehr gibt. Denn bei Meisterschaften dürfen Läuferinnen und Läufer, deren Sperre abgelaufen ist, an den Start gehen. Ich will das nicht.

STANDARD: Größere Dopingskandale der jüngeren Vergangenheit betrafen oft die USA. Misst man nicht mit zweierlei Maß, wenn man nun so strikt gegen Russland vorgeht?

Konrad: Ich glaube nicht, dass es in den USA ein flächendeckendes Dopingsystem gibt. Es gibt immer wieder Zellen, gegen die muss man vorgehen. Aber es ist auch für mich unerträglich, dass ein mehrfach überführter Dopingsünder wie Justin Gatlin wieder ein Superstar im Sprint werden kann.

STANDARD: Was machen ein paar Medaillen mehr oder weniger für ein Land wie Russland aus? Sind Sporterfolge wirklich so wichtig?

Konrad: Sind sie. Es geht um Prestige, es geht darum, der Welt zu zeigen, wie stark man ist. Das war der DDR wichtig, das ist den Russen wichtig, das ist den Chinesen wichtig. In Österreich liegt die Latte tiefer. Aber schauen Sie sich an, wie groß die Aufregung war, als wir in London 2012 ohne Olympiamedaille geblieben sind.

STANDARD: Lässt sich Österreichs Bedeutungslosigkeit in vielen Sportarten auch mit der größeren Dopingaffinität anderer erklären?

Konrad: Das ist oft eine Ausrede. Damit würde man es sich zu einfach machen. Denn natürlich gibt es Menschen, die auch mit fairen Mitteln Ausnahmeleistungen abrufen können. Daran müssen wir glauben. Sonst müssten wir ja wirklich verzweifeln. (Fritz Neumann, 10.11.2015)

Wolfgang Konrad (56) aus Tirol war Weltklasse-Mittelstreckenläufer und Weltbestenlistendritter 1979 und 1982 über 3.000 m Hindernis, Olympia-Semifinalist 1980 und EM-Fünfter 1982. 1988 wurde er VCM-Achter (2:23:17), seit 1989 ist er Veranstalter des Wien-Marathons.

  • Konrad: "Ich will gar nicht darüber nachdenken, was alles in China passiert ist oder noch passiert."
    foto: apa/neubauer

    Konrad: "Ich will gar nicht darüber nachdenken, was alles in China passiert ist oder noch passiert."

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