"Verkabelung ist kein naturschonender Eingriff"

Interview11. November 2015, 09:00
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Austrian-Power-Grid-Chefin Ulrike Baumgartner-Gabitzer drängt trotz Protesten auf den raschen Bau von Hochspannungsleitungen

STANDARD: Die deutsche Regierung hat Anfang Oktober beschlossen, künftig Hochspannung-Gleichstrom-Leitungen (HGÜ) vorzugsweise als Erdkabel im Boden zu verlegen. Wäre das auch eine Option für Österreich?

Baumgartner-Gabitzer: Wir bauen Wechselstrom-Hochspannungsleitungen, das ist eine andere Technologie. In Deutschland geht es darum, große Distanzen zu überbrücken, da eignet sich eine HGÜ gut. Wir haben wesentlich kleinere Entfernungen zu überwinden, das geht mit Wechselstrom besser, abgesehen von den deutlich niedrigeren Kosten.

foto: dpa / martin schutt
Der Bau von Hochspannungsleitungen stößt zunehmend auf Widerstand. Erdkabel sind nicht in allen Situationen eine Alternative.

STANDARD: In Deutschland will man mit der Verkabelung die Proteste mindern, die es gegen die bis zu 75 Meter hohen Masten der Stromautobahn gibt.

Baumgartner-Gabitzer: Das bringt jede Menge Probleme. Eine Verkabelung ist kein naturschonender Eingriff. Ich bezweifle, dass die Naturschützer da klein beigeben werden. Tief wurzelnde Dinge darf man gar nicht anbauen auf diesen Trassen. In Österreich ist das, was wir machen, die naturschonendere Vorgehensweise.

STANDARD: Wann beginnen Sie mit dem Bau der 380-Kilovolt-Leitung in Salzburg, ein ewiger Aufreger?

foto: ho
Verbund-Managerin Ulrike Baumgartner-Gabitzer hält nationale Alleingänge für kontraproduktiv.

Baumgartner-Gabitzer: Die Behörde ist dabei, den Umweltverträglichkeitsbescheid auszustellen, wir erwarten ihn bis Ende des Jahres. Dann gibt es noch Möglichkeiten für Einsprüche, sodass wir mit den Bauarbeiten frühestens 2017 beginnen können. Mit der Inbetriebnahme ist für 2020/21 zu rechnen.

STANDARD: Warum kaprizieren Sie sich so sehr auf dieses Leitungsstück in Salzburg – trotz der vielen Proteste in der Bevölkerung?

Baumgartner-Gabitzer: Mehr Sicherheit in der Stromversorgung. Wir können damit die Energie von den dezentralen Windkraftanlagen besser verteilen und auch in Kaprun speichern. Wir bauen 128 Kilometer neue Leitungen und demontieren im Gegenzug 193 Kilometer alte Leitungen. Außerdem – die bestehende Salzburg-Leitung ist auch schon 60 Jahre alt, das sagt alles.

STANDARD: Wie kann die Energiewende gelingen?

Baumgartner-Gabitzer: Wenn man genügend Leitungen hat und dafür sorgt, dass es ein europäisches Projekt ist.

STANDARD: Nationale Alleingänge ...

Baumgartner-Gabitzer: ... sind kontraproduktiv. Wir sind europäisch vernetzt. Alles, was ein Land macht, hat Auswirkungen auf die Nachbarländer. Die Lösung muss sein, dass man gemeinsam den Leitungsbau forciert, was ja zum Teil auch geschieht. Beim Umbau des Energiesystems gibt es bessere und schlechtere Zeiten.

STANDARD: Wie sind die Zeiten im Moment?

Baumgartner-Gabitzer: Schwierig, weil wir sehr viel diskutieren und wenig weiterbringen. Für das Gelingen der Energiewende brauchen wir dringend Sicherheitskraftwerke – kalorische Kraftwerke, die einspringen können, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Solche Kraftwerke brauchen wir europaweit gut verteilt. Was wir in dieser Übergangszeit absolut nicht dürfen, ist, den Fokus zu verlieren. Die Nationalstaatlichkeit, die im Moment auch bei anderen Themen dominiert – siehe Flüchtlinge -, wirft uns eher zurück.

STANDARD: Wie viel Reservekapazität ist nötig?

Baumgartner-Gabitzer: Wir brauchen im Grunde alle kalorischen Kraftwerke, die da sind, von Timelkam in Oberösterreich über Theiß in Niederösterreich und Mellach bei Graz bis zu den zwei Wiener Standorten Simmering und Donaustadt. Diesen Sommer haben wir alle fünf zur Stabilisierung des Stromnetzes gebraucht. Dass ein Betreiber ein Kraftwerk stilllegen will, wenn es sich nicht rechnet, ist verständlich. Dann muss aber der Staat in Zusammenarbeit mit dem Übertragungsnetzbetreiber sagen, das darf nicht geschlossen werden und der Betreiber bekommt eine Entschädigung.

STANDARD: Die Interventionen am Strommarkt nehmen zu, warum?

Baumgartner-Gabitzer: Das hängt unter anderem mit der Witterung zusammen. Wir hatten heuer eine extreme Trockenheit im Sommer, eine extreme Hitzewelle. Einige polnische Kraftwerke haben beispielsweise nicht mehr funktioniert, weil sie kein Wasser zum Kühlen mehr hatten. Damit ist überdurchschnittlich oft eine Intervention nötig gewesen. Im Vergleich zum Vorjahr hat es fast doppelt so viele Interventionen gegeben, so viel wie noch nie. Die internationale Zusammenarbeit hat allerdings funktioniert. (Günther Strobl, 11.11.2015)

Ulrike Baumgartner-Gabitzer (58) ist seit 2014 Vorstandsvorsitzende der Verbund-Tochter Austrian Power Grid AG, die ein Stromnetz von 6700 Kilometern Länge auf den Spannungsebenen 380 kV, 220 kV und 110 kV betreut. Zuvor war die studierte Juristin und ehemalige Kabinettschefin (1995 bis 1997) des damaligen Vizekanzlers Wolfgang Schüssel (ÖVP) Generalsekretärin des Verbands der Elektrizitätsunternehmen Österreichs, ab 1997 war sie im Verbund-Vorstand für Netze und Wasserkraft zuständig.

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