Flüchtlingsquartiere: Der Anstand als Zustand

Kommentar10. November 2015, 17:03
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Der Widerstand gegen die Unterbringung von Flüchtlingen kommt von den Bürgermeistern

Es sei eine Frage des Anstands. Also müssen die 36 Flüchtlinge weg. Landeshauptmann Wilfried Haslauer habe dem Bürgermeister von Bad Gastein, einem schwarzen Parteifreund, zugesagt, dass die Unterbringung vorübergehend sei – und sein Wort müsse man halten.

Deshalb wird dem Hotelier und Neos-Politiker Sepp Schellhorn der Vertrag mit dem Land Salzburg über die Unterbringung der Flüchtlinge nicht verlängert. Wegen des Anstands. Ein schöner Anstand: Den 36 Flüchtlingen droht die Obdachlosigkeit. Aber der Bürgermeister will nicht einen Flüchtling mehr im Ort haben als unbedingt notwendig.

Dass die Flüchtlinge anständige Leute sind, die anständig grüßen, brav Deutsch lernen und sich in Ausbildung befinden, tut nichts zur Sache. Niemand ist glücklich mit der Angelegenheit, der Landeshauptmann nicht, die grüne Landesrätin, die eigentlich zuständig wäre, nicht, aber gegen den Bürgermeister will sich niemand stellen.

Es ist ein Einzelfall, aber einer von vielen Einzelfällen, mit denen vor allem die Flüchtlingskoordinatoren im Land konfrontiert sind: Der Widerstand gegen die Unterbringung von Flüchtlingen kommt ganz massiv von den Bürgermeistern, und vor denen gehen die Landeshauptleute in die Knie. Nicht nur in Salzburg. Das ist ein Zustand. Dass dabei auch bereits gut funktionierende Strukturen zerstört werden, hat mit Anstand nichts zu tun, sondern ist angesichts der gesamten Herausforderung unverantwortlich. (Michael Völker, 10.11.2015)

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