Balkanroute: Raus aus der EU für die Flucht in die EU

Reportage11. November 2015, 07:06
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An der griechisch-mazedonischen Grenze verlassen Flüchtlinge die Union, um in den Norden Europas zu gelangen

"Point Zero ist 600 Meter entfernt", sagt Djoko Lazarev, während er zusieht, wie sich eine Gruppe aus Familien, Jugendlichen und jungen Männern zum Bahnsteig in Richtung Serbien bewegt. "Point Zero" ist für ihn der Bahnübergang am Grenzstein 59, wo die meisten Menschen, die sich auf den Weg nach Norden machen, die EU noch einmal verlassen. Von Griechenland nach Mazedonien – in eines der ärmsten Länder Europas.

Zuletzt war etwas weniger los im Transitzentrum, das nahe der Kleinstadt Gevgelija in den vergangenen Wochen eingerichtet wurde, und das Lazarev leitet. Wegen des griechischen Fährstreiks kamen vergleichsweise wenige Leute an. Doch nun, seit die Schiffe wieder fahren, kommen all jene, die sich zuletzt aufgestaut hatten, auf einmal. Am Montag war von einem neuen Rekord seit dem Aufbau des Transitzentrums die Rede: mehr als 10.000 Menschen innerhalb von nur 24 Stunden.

Rund 5.000 haben von Tagesanbruch bis zu diesem Abend schon die Grenze überquert, die meisten sind bereits in Bussen, Taxis und Zügen untergekommen. Sie sind nach staatlich geordnetem Takt zum mazedonisch-serbischen Grenzbahnhof Slanishte weitergefahren. Mehrere Tausend, schätzt die Polizei hier, warten noch in Griechenland auf die Einreise. Seit den Krawallen vom Sommer bemüht sich die Staatsgewalt, die Kontrolle zurückzugewinnen. Deshalb dürfen die Menschen nur in 50er-Gruppen über die Grenze.

"Sit down, sit down!"

Bewaffnete Beamte stehen dort in einer Linie. Ihnen gegenüber, in Griechenland, und im Dunkel kaum sichtbar, die Wartenden. "Sit down, sit down!", rufen die Beamten – das ist die Strategie, um für Ordnung zu sorgen und Unruhen wie jene im Sommer zu vermeiden. Sie funktioniert. Doch den Preis zahlen die Wartenden: Viele, auch Familien mit Kindern, sitzen bei frischen Nachttemperaturen stundenlang auf dem Feld.

Ein paar hundert Meter hinter den Menschen ist eine Reihe von Lichtern zu sehen. Alles Busse, sagen die mazedonischen Beamten – "privat, aber organisiert", heißt es bei der Leitung des Zentrums, ohne Griechenland direkt zu beschuldigen. Dass man auf Athen nicht gut zu sprechen ist, ist trotzdem nicht zu überhören: Nur drei griechische Beamte seien auf der anderen Seite der Grenze zu sehen, wird mehrfach wiederholt.

Winter kommt später

Hier an der Grenze sprechen viele Mazedonier aber auch von der EU: Diese könne ihre Grenze zur Türkei nicht schützen und drohe andererseits, jene im Norden des Balkans zu schließen. Darüber, dass das Land mit dem dann entstehenden Rückstau kaum fertig würde, herrscht weitgehende Einigkeit. Doch noch geht es, sagen die Helfer, auch weil der Winter diesmal später kommt. Man könne die Ankommenden einigermaßen versorgen.

Auf der anderen Seite des Lagers steht Faisal vor einem Zelt. Er kommt aus Daraa in Syrien, sagt er. Früher war er Fremdenführer. Jetzt will er nach Österreich, denn dort sei auch schon seine Schwester. Warum er jetzt geflohen sei? "Ich habe Kinder, und ich will, dass sie eine Zukunft haben." Diese hätten sie in Jordanien, wohin sie zunächst geflohen seien, nicht. Viele andere Syrer will er auf der Reise nicht getroffen haben: "Aus Syrien sind vielleicht zehn Prozent der Menschen hier. Viele sind aus Afghanistan, dem Irak, dem Iran oder Nordafrika."

Neid unter den Flüchtlingen

Tatsächlich, sagt auch UNHCR-Notfallkoordinatorin Alexandra Krause, seien lang nicht alle hier ankommenden Menschen aus Syrien. Derzeit aber immer noch rund 65 Prozent. Aussagen wie jene von Faisal höre sie immer wieder. Denn es gibt eine Art Konkurrenz des Leids. "Viele Syrer sind erbost, dass andere Leute scheinbar Nutzen aus ihrer Not ziehen wollen." Umgekehrt trage auch das Verhalten von EU-Staaten zu Spannungen und falschen Angaben bei, etwa in Griechenland, wo Syrer oft bevorzugt abgefertigt werden.

Das hat sich in den Köpfen festgesetzt. Kurz vor Abfahrt des letzten Abendzuges nach Norden beklagt sich ein Mann lautstark über Benachteiligung. "Sie haben gesagt, uns fertigen sie zuletzt ab." Dabei seien auch in seiner Gruppe viele Kinder, einige so wie er aus dem Iran. Ob man von dort wirklich flüchten müsse? "Sie haben mich erwischt, als ich Alkohol verkauft habe. Dafür hängen sie einen auf." Wohin genau er will, kann er nicht sagen. Nur so viel: Nach Deutschland möchte er nicht. "Dort ist es zu überfüllt." (Manuel Escher aus Gevgelija, 11.11.2015)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Reise nach Mazedonien erfolgte auf Einladung der EU-Kommission.

  • Flüchtlinge schlafen außerhalb des Transitzentrums nahe Gevgelija, das von der mazedonischen Regierung, internationalen Helfern und NGOs eingerichtet wurde. Ihr nächstes Ziel ist der Grenzbahnhof Slanishte an der mazedonisch-serbischen Grenze.
    foto: reuters / ognen teofilovski

    Flüchtlinge schlafen außerhalb des Transitzentrums nahe Gevgelija, das von der mazedonischen Regierung, internationalen Helfern und NGOs eingerichtet wurde. Ihr nächstes Ziel ist der Grenzbahnhof Slanishte an der mazedonisch-serbischen Grenze.

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