"Asylant" und Co: "Dann darf ich das Wort eben nicht verwenden"

Interview13. November 2015, 11:18
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Es gibt keine Denkverbote, man darf alles sagen – man sollte aber wissen, was man damit bewirkt, sagt Sprachforscher Anatol Stefanowitsch

STANDARD: "Was darf man heute überhaupt noch sagen?", heißt es oft. Was antworten Sie?

Stefanowitsch: Man darf natürlich alles sagen – außer explizit Verbotenes wie Holocaustleugnung oder Beleidigung. Meistens meinen die Leute damit, man darf nichts mehr sagen, ohne kritisiert zu werden. Ich würde raten: Ist man unsicher, ob man ein Wort verwenden soll oder nicht, sollte man sich auf sein Gespür verlassen, ob mit diesem Wort Absichten verbunden werden könnten. In den meisten Fällen sollte es allgemein bekannt sein. Wer noch nicht mitbekommen hat, dass der "Zigeuner" als herabwürdigend empfunden wird und es auch gute historische Gründe gibt, das nicht zu verwenden, den kann man kaum ernst nehmen.

STANDARD: Nicht immer ist es so eindeutig. "Asylant" war früher gebräuchlicher, jetzt nicht mehr. Wer bestimmt, ab wann ein Begriff nicht mehr akzeptabel ist?

Stefanowitsch: "Asylant" war nie ein ganz normales Wort, es war immer negativ behaftet und grenzte sich von anderen Begriffen wie den "Asylsuchenden" ab, die es damals ja auch schon gab. Negativ behaftete Wörter werden aber oft als neutral empfunden – nämlich dann, wenn die Gesellschaft sich mehr oder weniger einig ist, dass das, worüber man spricht, negativ ist. Lebe ich in einer Gesellschaft, in der eine Art Alltagsrassismus selbstverständlich ist, dann kommen mir natürlich rassistische Bezeichnungen eher normal vor.

STANDARD: Ist die Gesellschaft also sprachsensibler als früher?

Stefanowitsch: Sehr vorsichtig würde ich sagen: ja. Wir führen zwar immer wieder dieselbe Diskussion, über Wörter in Kinderbüchern etwa, aber immerhin wird diskutiert – in den 1950ern war das anders.

STANDARD: Wenn aber heute jemand "Asylant" sagt und es gar nicht böse meint?

Stefanowitsch: Wenn ein Begriff nur von bestimmten rechten Gruppen verwendet wird, und ich verwende ihn auch, muss ich damit rechnen, dass ich dieser Gruppe zugeordnet werde. Will ich das nicht, dann darf ich das Wort eben nicht verwenden – auch wenn es mir selbst noch so harmlos erscheint.

STANDARD: Welche Begriffe stören Sie in der Flüchtlingsdebatte?

Stefanowitsch: Es klingt harmlos, ist aber perfide: die "Obergrenze". Das ist das neue "Das Boot ist voll". Diese Überfüllungsmetaphorik tut so, als ob das Erreichen der Obergrenze unmittelbar bevorstehe. Und sie sagt: Wir müssen die Menge reduzieren. Auch die "Flüchtlingsflut" oder "-welle" tut so, als gebe es nur die Option, Dämme zu bauen. Man könnte aber fragen, ob es in Deutschland nicht noch viel Platz gäbe. In der Flut und der Obergrenze ist ein produktiver Umgang mit dem Problem gar nicht vorgesehen.

STANDARD: Man kann sehr bemüht um sensible Sprache sein – und trotzdem grausame Dinge sagen.

Stefanowitsch: Ja, auf jeden Fall. Aber es schlägt auch niemand vor, diese grausamen Dinge nicht zu kritisieren. Und der Umkehrschluss – dann kann ich gleich diskriminierende Sprache verwenden, solange ich damit nur nette Dinge sage –, klappt auch nicht. Ich kann zwar mit neutraler, nüchterner Sprache Schreckliches sagen, ich kann aber nicht mit diskriminierender Sprache nicht diskriminieren. Auch Sprachaktivisten, die eine bestimmte Sprache propagieren, glauben übrigens nicht, dass damit das Problem gelöst ist.

STANDARD: Bei sensibler Sprache ist oft von Denkverboten die Rede. Zu Recht?

Stefanowitsch: Denken soll jeder, was er will. Es soll auch jeder reden, wie er will, aber jeder ist auch dafür verantwortlich. Entscheidet sich zum Beispiel ein Medium bewusst, "Flüchtlingswelle" zu schreiben, weil man es für angemessen hält, bestimmte Gruppen herabzuwürdigen, dann weiß ich, woran ich bin. Sich aber zurückzulehnen und zu sagen: Wir brauchen nicht über Sprache nachzudenken – das ist zu wenig. Es gibt keine neutrale Sprache.

STANDARD: Oft heißt es: Haben wir nicht Wichtigeres zu tun, als über gute und böse Begriffe zu sprechen?

Stefanowitsch: Das ist ein beliebiges Argument – wir können immer Wichtigeres finden als das, was wir gerade tun. Das Reden über Sprache hindert ja niemanden daran, das Wichtigere auch zu tun, auf Bahnhöfen Wasser an Flüchtlinge zu verteilen. Wir sprechen von zehn bis 20 Wörtern – sie nicht mehr zu verwenden belastet niemanden, aber es wäre viel gewonnen. (Maria Sterkl, 13.11.2015)

Anatol Stefanowitsch (Jg. 1970) ist Sprachwissenschafter, lehrt an der Freien Uni Berlin und bloggt zu Sprachpolitik.

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  • "Es soll jeder reden, wie er will, aber jeder ist auch dafür verantwortlich", meint Sprachforscher Anatol Stefanowitsch.
    foto: bernd wannenmacher/fu berlin

    "Es soll jeder reden, wie er will, aber jeder ist auch dafür verantwortlich", meint Sprachforscher Anatol Stefanowitsch.

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