Kreml hält Dopingvorwurf für unbewiesen

10. November 2015, 12:28
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Russland hält trotz eines vernichtenden Wada-Berichts an Sportminister Mutko fest: "Beschuldigungen haben weder Hand noch Fuß"

Sotschi – Der Kreml hält die schweren Vorwürfe von Dopingermittlern gegen die russische Leichtathletik für unbewiesen. Der Bericht der unabhängigen Ermittlungskommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) sei nicht stichhaltig, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow am Dienstag. Die Frage eines Rücktritts von Sportminister Witali Mutko stelle sich nicht.

"Mutko ist der amtierende Minister", sagte Peskow nach Angaben der Agentur Tass. "Solange nicht irgendwelche Beweise genannt werden, fällt es schwer, die Beschuldigungen anzunehmen. Sie haben weder Hand noch Fuß."

Die Ermittler berichten von verbreitetem Doping in Russland, das von der Sportpolitik bis hinauf zu Minister Mutko gedeckt werde. Als eine Maßnahme schlagen sie vor, russische Leichtathleten aus dem Weltverband und von den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio auszuschließen.

Präsident Wladimir Putin habe in den kommenden Wochen mehrere Termine mit Mutko, sagte Peskow. Dabei gehe es um Olympia, aber nicht speziell um den Dopingskandal.

Moskauer Labor stillgelegt

Als erste Reaktion auf den Bericht der Kommission sperrte die Wada das Moskauer Anti-Doping-Labor mit sofortiger Wirkung. Damit darf das Labor keine Blut- und Urin-Proben mehr analysieren. Gegen die Entscheidung, die mindestens für sechs Monate gelten soll, kann innerhalb von 21 Tagen vor dem internationalen Sportgerichtshof CAS Einspruch eingelegt werden. Das Labor soll am Betrug mitgewirkt haben, Blutproben sollen zuletzt in großem Stil vernichtet worden sein. Sein Chef, Gregori Rodschenkow, dem der Bericht vorwirft, vor einer Prüfung durch die Wada selbst Hand angelegt zu haben, sagte: "Der Report ist voller Lügen, und die meisten Zeugen sind unglaubwürdig."

Ines Geipel, Vorsitzende des deutschen Doping-Opfer-Hilfe-Vereins (DOH), zeigte sich ob der Enthüllungen bestürzt. "Es sieht danach aus, dass sie (die Manipulation, Anm) unter systematischer, staatlicher Vorgabe geschehen ist. Die Grundlage wäre also dieselbe wie zu DDR-Zeiten", sagte Geipel. "Dadurch, dass es aber bis in den Weltverband IAAF hineingreift, hat das Desaster eine völlig neue Dimension."

Demnach sollen die Olympischen Spiele in London sabotiert worden sein, weil Dopingvergehen im Vorfeld der Wettbewerbe vom russischen Verband ARAF in Zusammenarbeit mit höchsten Ebenen der IAAF vertuscht worden seien. Die Kommission fordert den Ausschluss russischer Leichtathleten von Olympia in Rio.

Und nun?

"Die entscheidende Frage ist: Was passiert jetzt", sagte Geipel, selbst anerkanntes DDR-Dopingopfer. In den neuen IAAF-Präsidenten Sebastian Coe setzt die 55-Jährige keine großen Hoffnungen auf einen Neuanfang: "Seine bisherigen Handlungen sind nicht sehr vertrauenerweckend."

Die Gremien der internationalen Verbände sind nun jedenfalls am Zug. Zunächst muss die Wada die weiteren Empfehlungen der Kommission unterstützen, dann die IAAF und das IOC die geforderten Maßnahmen umsetzen.

Österreichs Anti-Doping-Agentur zeigte sich am Dienstag "beunruhigt" über den Kommissions-Bericht. Die erhobenen Anschuldigungen sein schwer. Als eine von mehreren Konsequenzen aus den aufgedeckten Missständen die Nada Austria die Stärkung des Compliance-Systems der Wada. Die Kontrolle der Einhaltung der Richtlinien dürfe "nicht nur auf dem Papier stattfinden", sondern müsse stichprobenartig auch vor Ort erfolgen. Länder, die die Vorgaben des Welt-Anti-Doping-Codes nicht erfüllen, seien zu sanktionieren. (sid/APA,/red 10.11.2015)

Der Bericht der Wada-Kommission zum Download

  • Sportminister Witali Mutko und Präsident Vladimir Putin.

    Sportminister Witali Mutko und Präsident Vladimir Putin.

  • Im Moskauer Antidoping-Zentrum sollen eigenartige Dinge vorgegangen sein.
    foto: apf/kadobnov

    Im Moskauer Antidoping-Zentrum sollen eigenartige Dinge vorgegangen sein.

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