Zeig mir deine Eltern, und ich sage dir deine Bildung

Userkommentar16. November 2015, 10:59
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Wie Österreichs Schulsystem den Schülern Möglichkeiten verbaut und ihre Talente ungenützt lässt

Kamil ist zehn Jahre alt. Seine Eltern sind vor mehr als zwanzig Jahren nach Österreich gezogen, haben die Pflichtschule nachgeholt. Kamil ist das, was viele einen guten Schüler nennen. Auch Alexandra schreibt regelmäßig gute Noten. Die Familie – der Vater ist Altenfachbetreuer, die Mutter arbeitet für eine Baufirma – lebt auf dem Land. Kamil und Alexandra werden beide keine höhere Schule besuchen. Sie werden beide wohl nicht studieren.

Wie kann man das jetzt schon abschätzen, wo sie doch gerade erst zehn sind? Es liegt am heimischen Schulsystem, in dem nach wie vor Wohnort, Geschlecht, Bildung der Eltern und die Alltagssprache über den Bildungsweg entscheiden. Bildung wird vererbt. Je höher der Bildungsstand der Eltern, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit eines hohen Bildungsabschlusses (Matura oder Universität) der Kinder. Das ist der Vorteil von Friedrich. Seine Eltern sind Akademiker und wohnen am Stadtrand. Er besucht das Gymnasium, wenn es wo zwickt, zahlen seine Eltern die Nachhilfe.

Soziale Ungleichgewichte

Selten ist die Statistik so eindeutig wie im Schulbereich. 69 Prozent der Volksschüler, deren Eltern mindestens einen Maturaabschluss haben, wechseln in eine AHS-Unterstufe. Hingegen besuchen nur 32 Prozent der Schüler, deren Eltern maximal einen Lehrabschluss aufweisen, die AHS-Unterstufe. Beim Übergang in die Sekundarstufe II (Oberstufe) verschärft sich dieser Effekt ein weiteres Mal: In der AHS-Oberstufe sind nur ein Viertel der Kinder von Eltern mit Lehrabschluss, bei den anderen drei Vierteln haben die Eltern zumindest auch selbst maturiert.

Auch die soziale Zusammensetzung der Schüler an einer Schule hat beträchtlichen Einfluss auf die Schullaufbahn. Denn der Bedarf an Fördermaßnahmen ist in sozialen Brennpunktschulen stärker als in Schulen, deren Schüler aus höher gebildeten Familien kommen. An Schulen in sozioökonomisch benachteiligter Umgebung ist es daher für gleich begabte Kinder schwieriger, die gleichen Leistungen zu erzielen. Das Schulsystem schafft es derzeit nicht, vorhandene Ungleichheiten auszugleichen. Das liegt nicht an den Lehrern, sondern am System, das diese Unterschiede nicht berücksichtigt und keine individuelle Förderung zulässt.

Verschränkter Unterricht

Die verschränkte Ganztagsschule ist die optimale Schulform, um die Talente der Schulkinder bestmöglich zu fördern. Unterrichts-, Lern- und Freizeitphasen wechseln mehrmals im Laufe eines Tages ab, Hausübungen und Schularbeitsvorbereitungen werden unter professioneller pädagogischer Aufsicht erledigt. Auch den modernen Familienmodellen und geänderten gesellschaftlichen Herausforderungen wie Sprachförderung und soziales Lernen kann besser Rechnung getragen werden. Außerdem bleibt Zeit für die individuelle Förderung der Kinder.

Sozial schlechtergestellte Kinder besuchen derzeit meist Schulen in sozioökonomisch prekärer Umgebung, was zu doppelter Benachteiligung führt. Einerseits werden ihre individuell schlechteren Startbedingungen in der Schule nicht kompensiert. Andererseits führen Schulen mit schwierigeren Rahmenbedingungen zusätzlich zu schlechteren Lernerfolgen unabhängig von der Begabung. Nur mit verstärkter (individueller) Förderung und Betreuung der Kinder kann ein langfristiger Ausgleich der unterschiedlichen Startvoraussetzungen geschaffen werden. Dafür brauchen "Brennpunktschulen" aber auch mehr finanzielle Mittel, um gezielt Fördermaßnahmen durchführen zu können.

Chance für alle

Der Rahmen einer ganztägigen Schule, die bedarfsgerecht finanziert wird, ist die Gesamtschule. Die Idee der gemeinsamen Schule beruht auf der Überzeugung, dass es für keinen Jugendlichen zumutbar ist, mit zehn Jahren über den gesamten restlichen Lebensweg zu entscheiden. Diese frühe Form der Selektion ist europaweit nahezu einzigartig und verstärkt soziale Ungleichheiten. Diese Gesamtschule ist eine Chance für alle: für Kamil, Alexandra und Friedrich. Denn jedes Kind hat unterschiedliche Stärken und Schwächen, die es in den Klassenverband einbringen kann und von denen andere Kinder wiederum profitieren.

Die Diskussion über die Umstellung des sozial selektiven Schulsystems hin zu einer sozial gerechten Schule ist so alt wie das System selbst. Schon zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts sprach sich der große österreichische Schulreformer Otto Glöckel gegen die "Monopolisierung der Bildung" für die Eliten und für eine "Einheitsschule" aus. Bis heute maßgeblich gegen diese zentralen und notwendigen Reformen stellen sich die ÖVP und die von ihr dominierte Lehrergewerkschaft. (Klaus Baumgartner, Sarah Ortner, 16.11.2015)

  • Die verschränkte Ganztagsschule ist die optimale Schulform, um die Talente der Schulkinder bestmöglich zu fördern.
    foto: apa/helmut fohringer

    Die verschränkte Ganztagsschule ist die optimale Schulform, um die Talente der Schulkinder bestmöglich zu fördern.

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