Wieder dramatische Quartiernot in Traiskirchen

10. November 2015, 05:30
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190 Flüchtlinge an einem einzigen Tag auf der Straße – Private Notschlafstellen am Limit – Keine Lösung in Sicht

Traiskirchen – Peter Wesely drückt es diplomatisch aus: "Fakt ist, dass ohne die Hilfsbereitschaft der Ehrenamtlichen in Traiskirchen vermutlich wieder eine ganz schwierige Situation entstanden wäre", sagt der Sprecher von Flüchtlingskoordinator Christian Konrad im Gespräch mit dem STANDARD.

Wesely denkt zum Beispiel an den Dienstag vor einer Woche. An diesem Tag holten besagte Ehrenamtliche – Privatleute rund um die Traiskirchner katholische und evangelische Pfarre sowie des türkischen Kulturvereins, kurz Moschee genannt – insgesamt 190 Flüchtlinge von der Straße. Quartiere gab es für sie weder im Lager Traiskirchen noch in einem der beiden behördlichen Notquartiere in der Umgebung.

Tee, Decken, Bus

Also brachten die Ehrenamtlichen, die seit Wochen mit heißem Tee und Decken die Straßen in der Nähe des Lagers abfahren und die Aufstellung eines Busses als Wärmestube mitinitiiert haben, die Gestrandeten in die von den Religionsgemeinschaften zur Verfügung gestellten Quartiere: bis zu 20 im evangelischen, rund 30 im katholischen Pfarrhaus, bis zu 150 (in Notfällen) in der Moschee.

"Mit regelmäßig 50 bis 70 Übernachtungen kommen wir seit Wochen zurecht. Aber 190 Menschen auf einmal, das ist zu viel, das schaffen wir als Private nicht mehr", sagt die Traiskirchner Ehrenamtlichensprecherin Birgit Pinz. Am gestrigen Montag waren sie und ihre Mitstreiter frühnachmittags mit über 40 Asylantragstellern konfrontiert, für die es keine Quartiere gab. Dabei wurden im Lager erneut die Garagen zu Übernachtungszwecken geöffnet. Das bestätigte am Montag auch das Innenministerium.

Direkt aus Spielfeld

"Die Menschen kommen vielfach auf eigene Faust vom Grenzübergang Spielfeld her, weil sie gehört haben, dass es in Traiskirchen ein Lager gibt; vom Aufnahmestopp wissen sie nichts", schildert Pinz. Auch die schleppender gewordene Abfertigung Richtung Deutschland sei hier ein Faktor. Und weiter würden Flüchtlinge von manchen Polizeiinspektionen einfach nach Traiskirchen geschickt, ergänzt Wesely.

Was den Umgang mit den Freiwilligen betrifft, pflichtet er Pinz bei: Behörden und Politik müssten "strukturelle Lösungen" zur Flüchtlingsunterbringung in Traiskirchen schaffen, statt still auf weitere Hilfsbereitschaft zu setzen, meint er. Allein, auch er und Ex-Raiffeisengeneral Christian Konrad scheinen in der niederösterreichischen Stadtgemeinde vor Mauern zu stehen.

1.550 unbegleitete Minderjährige im Lager

"Es müssten dringend geeignete Quartiere für die über 1.550 unbegleiteten Minderjährigen geschaffen werden, die immer noch in Traiskirchen leben", mahnt Wesely. Ohne sie würde es im Lager Platzreserven geben. Und es brauche dringend ein drittes Notquartier, "in Traiskirchen oder ganz in der Nähe". "Ich hab gar nichts mehr, keine Turnhalle, kein Sonstwas", antwortet der Traiskirchner Bürgermeister Andreas Babler (SPÖ). Überlegungen, wieder mehr als die derzeitige Höchstzahl von 1.820 Insassen im Lager zuzulassen, will er erst gar nicht aufkommen lassen.

Angesichts der sich zuspitzenden Lage entstand vergangene Woche der Plan, die Traiskirchner Moschee selbst zum offiziellen Notquartier zu erklären. Nach einer Begehung wurde klar: Die dortige Infrastruktur würde die offiziellen Vorgaben im Fall von Vollbelegung nicht erfüllen. (Irene Brickner, 10.11.2015)

  • Flüchtlinge vor dem Lager Traiskirchen. Hier und in der Nähe treffen die Ehrenamtlichen die Obdachlosen an und bringen sie für eine oder einige wenige Nächte in die Notquartiere der Religionsgemeinschaften.
    foto: afp / joe klamar

    Flüchtlinge vor dem Lager Traiskirchen. Hier und in der Nähe treffen die Ehrenamtlichen die Obdachlosen an und bringen sie für eine oder einige wenige Nächte in die Notquartiere der Religionsgemeinschaften.

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