Säureangriffe in Indien: Die ätzende Antwort verschmähter Verehrer

10. November 2015, 08:21
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In Indien nehmen Attentate zu, die Täter zielen auf Gesicht und Augen. Die gefährlichen Chemikalien lassen sich problemlos kaufen

Die Täter lauerten der 30-jährigen Ärztin am Morgen auf dem Weg zur Arbeit auf. Während der eine das Motorrad steuerte, zielte der andere mit der Säure auf ihren Kopf. Als wollte er sicherstellen, dass sich niemals wieder ein Mann für sie interessiert. Die ätzende Chemikalie verbrannte ihr halbes Gesicht und ließ ihr rechtes Auge erblinden. Vergeblich rief die junge Frau um Hilfe, doch Passanten eilten einfach an ihr vorbei – und das mitten in Indiens Hauptstadt Delhi. Ein Kollege hatte die beiden Jugendlichen angeheuert, weil die Ärztin ihm einen Korb gegeben hatte.

Ihr Schicksal ist kein Einzelfall. Während im benachbarten Bangladesch die Zahl der Säureattacken im vergangenen Jahrzehnt gesunken ist, stieg diese Art Gewaltverbrechen in Indien zuletzt rasant an. Die Täter greifen meist zu Schwefel- oder Salpetersäure, manchmal auch Salzsäure.

Frei erhältlich und billig

Nur wenige Rupien kostet es, das Gesicht eines Menschen zu zerstören. Die Chemikalien sind etwa in Moped- oder Juwelierläden frei erhältlich. Eine Flasche von 750 Millilitern kostet umgerechnet nicht einmal 70 Cent.

Asien gilt als Hochburg dieser Art von Gewalttaten. Erstmals wurde 1967 in Bangladesch von einer Säureattacke berichtet, 1982 schließlich auch in Indien. Opfer sind meist Frauen, seltener Männer. Die Motive ähneln sich über die Grenzen hinweg: Oft sind es verschmähte Verehrer, die sich grausam rächen, indem sie die Frau so entstellen, dass sie keine Chance mehr auf ein normales Leben hat. Andere Gründe sind häusliche Gewalt, Eifersucht, aber auch Streitereien um Mitgift oder Landbesitz.

Die Opfer sind für immer gezeichnet. Laut Selbsthilfeorganisationen zielen die Täter fast immer auf Gesicht und Augen. Die Opfer müssen nicht nur mit schmerzhaften Vernarbungen leben, sie werden zudem auch noch sozial stigmatisiert und ausgestoßen. Viele trauen sich kaum noch aus dem Haus, weil sie verspottet und beschimpft werden. "Säuregewalttaten sind ein entsetzliches Verbrechen. Es gibt keinen Weg zurück mehr für die Opfer", sagt die frühere Richterin Leila Seth.

Gegenbeispiel Bangladesch

Dabei hat Bangladesch gezeigt, dass sich Säureattacken zumindest eindämmen lassen. Zwischen 1999 und 2013 zählte das Land 3512 Säureangriffe, mit dem Jahr 2002 als traurigem Höhepunkt mit laut Medien fast 500 Opfern. Die Regierung startete nicht nur eine Aufklärungskampagne, sie verschärfte auch die Strafen und schränkte den Handel mit Säure ein: Seitdem droht Attentätern die Höchststrafe, also der Tod. Und Händler brauchen eine spezielle Lizenz für den Verkauf. Die Maßnahmen fruchteten: Die Zahl der Angriffe mit den ätzenden Chemikalien sank – auf zuletzt 69 im Jahr 2013.

In Indien nehmen derlei Attacken hingegen weiter zu. Auch Delhi verschärfte 2013 die Gesetze – seitdem drohen Tätern mindestens zehn Jahre Haft, in besonders schlimmen Fällen lebenslänglich. Doch dies führte nicht zu einer Wende: 2014 gab es laut Innenministerium 310 Säureattacken, davon allein 27 im Stadtstaat Delhi und 186 im Bundesstaat Uttar Pradesh, der für seine gesetzlosen Verhältnisse berüchtigt ist. Das Nationale Kriminalitätsbüro Indiens geht sogar von rund 1000 Säureattentaten im Jahr aus, weil viele Opfer die Angriffe aus Angst oder Scham nicht anzeigen würden.

Studien haben festgestellt, dass es einen Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit der Säuren und der Zahl der Verbrechen gibt: Je einfacher die ätzenden Chemikalien erhältlich sind, desto mehr Säureattacken gebe es. Versuche, den Verkauf in Indien strenger zu reglementieren, liefen jedoch bisher ins Leere.

Richterspruch wird ignoriert

Zwar hatte Indiens Oberstes Gericht bereits 2013 angeordnet, dass sich Käufer künftig ausweisen und Verkäufer Personalien und Adresse aufnehmen müssen. Doch es ist Aufgabe der Bundesstaaten, die Anordnung umzusetzen. Und die scheren sich wenig um den Richterspruch.

Aktivisten berichten, dass Säure immer noch leicht und billig zu haben ist. Selbst in der Hauptstadt Delhi lassen sich die gefährlichen Chemikalien weiter ohne Papiere oder lästige Fragen in vielen kleinen Läden kaufen.

Die Zentralregierung plant daher, den Handel mit Säure nun online zu erfassen, um den Handel besser zu kontrollieren. Die Regierung sicherte den Opfern 300.000 Rupien Schadenersatz, umgerechnet 4200 Euro, sowie kostenfreie medizinische Behandlung zu. Innenminister Rajnath Singh forderte zudem die Bundesstaaten auf, Täter schärfer zu verfolgen. Nur ein Bruchteil der Täter wird bisher tatsächlich verurteilt, was wenig abschreckt. (Christine Möllhoff aus Neu-Delhi, 10.11.2015)

  • Eine indische Frau, die Opfer einer Säureattacke wurde, spricht während einer Demonstration im Zentrum von Neu-Delhi, um auf derlei Gewalttaten aufmerksam zu machen.
    foto: ap / tsering topgyal

    Eine indische Frau, die Opfer einer Säureattacke wurde, spricht während einer Demonstration im Zentrum von Neu-Delhi, um auf derlei Gewalttaten aufmerksam zu machen.

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