NSU-Prozess: Zschäpe will umfassend aussagen

9. November 2015, 19:06
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Verteidiger wird am Mittwoch eine Aussage verlesen

Berlin/München – Seit zweieinhalb Jahren steht Beate Zschäpe vor Gericht. In dieser Zeit hat sie kein einziges Wort gesprochen, nicht einmal am ersten Tag ihre Personalien angegeben. Doch nun gibt es eine Wendung: Am morgigen Mittwoch will die Hauptangeklagte im NSU-Prozess erstmals vor dem Oberlandesgericht München aussagen.

Allerdings wird die 40-Jährige nicht selbst das Wort ergreifen. "Frau Zschäpe wird sich am Mittwoch durch mich äußern. Sie wird nicht persönlich sprechen. Ich werde eine Erklärung abgeben", kündigte ihr Verteidiger Mathias Grasel an. Offen ist jedoch, ob Grasel danach auch Fragen der übrigen Prozessbeteiligten im Namen von Zschäpe beantworten wird.

Zschäpe wird vorgeworfen, gemeinsam mit den verstorbenen Gesinnungsgenossen Uwe B. und Uwe M. die rechtsterroristische Vereinigung NSU (Nationalsozialistischer Untergrund) gegründet zu haben. Die Bundesanwaltschaft macht sie für zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Raubüberfälle mitverantwortlich.

Mordserie

Die Mordserie ereignete sich zwischen 2000 und 2007. Die Opfer waren neun Kleinunternehmer mit Migrationshintergrund und eine deutsche Polizistin. Die mutmaßlichen Täter, Uwe B. und Uwe M., nahmen sich am Tag ihrer Verhaftung am 4. November 2011 das Leben. Zschäpe stellte sich vier Tage später der Polizei, nach jahrelangem Leben im Untergrund.

Zu anhaltendem Schweigen vor Gericht haben Zschäpe ihre drei Pflichtverteidiger Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer geraten. Doch in Justizkreisen spricht man seit Längerem darüber, dass die Angeklagte diese Strategie nicht mehr durchziehen will. Sie hat im Frühjahr einem psychiatrischen Gutachter erklärt, dass sie darunter leide.

Erst vor Kurzem bekam sie einen vierten Pflichtverteidiger, Mathias Grasel. Zu ihm hat sie Vertrauen, das Verhältnis zu Stahl, Heer und Sturm ist zerrüttet. Mit Spannung wird nun erwartet, ob Zschäpe weitere Personen nennt, die an den Taten beteiligt gewesen sein könnten und ob sie über Kontakte zum Verfassungsschutz aussagt. (bau, 9.11.2015)

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Interaktive Grafik: Das NSU-Netzwerk

Fragen und Antworten zum NSU-Prozess


Chronologie: 14 Jahre Untergrund in Deutschland: die "Zwickauer Zelle"

Knapp 14 Jahre lang konnte sich die "Zwickauer Zelle" der mutmaßlichen Neonazi-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe im Untergrund halten. Eine Chronologie nach den bisher bekannten Ermittlungsergebnissen:

  • 26. Jänner 1998: Nach einer Razzia in ihrer Bombenwerkstatt in Jena tauchen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe unter. Zunächst kommen sie bei einem Bekannten in Chemnitz unter. Sie beschließen, aus dem Untergrund mit Gewalt für ihr politisches Ziel zu kämpfen – ein nationalsozialistisches System in Deutschland.
  • 18. Dezember 1998: Mit einem Überfall auf einen Supermarkt versuchen Mundlos und Böhnhardt, das Geldproblem der Gruppe zu beheben.
  • April 1999: Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe ziehen in eine erste eigene Wohnung in Chemnitz.
  • 6. und 27. Oktober 1999: Überfälle auf zwei Postfilialen in Chemnitz. Sie erbeuten rund 5.800 und 63.000 Mark (rund 3.000 und 32.000 Euro).
  • 9. September 2000: Die Mordserie beginnt. Die Terroristen erschießen in Nürnberg den Blumenhändler Enver Simsek mit einer Pistole der Marke Česká.
  • 30. November 2000: Überfall auf eine weitere Postfiliale in Chemnitz.
  • 19. Jänner 2001: In einem iranischen Lebensmittelgeschäft in Köln explodiert ein Sprengsatz. Die 19-jährige Tochter des Inhabers wird schwer verletzt.
  • Frühjahr 2001: Die Gruppe zieht in eine neue Wohnung in Zwickau. Sie beginnt, eine erste Version ihres Bekennervideos zusammenzustellen.
  • 13. Juni 2001: Mord an dem Schneider Abdurrahim Özüdogru in Nürnberg.
  • 27. Juni 2001: Mord an dem Gemüsehändler Süleyman Tasköprü in Hamburg.
  • 5. Juli 2001: Überfall auf eine Postfiliale in Zwickau. Beute: fast 75.000 Mark (38.000 Euro).
  • 29. August 2001: Mord an dem Gemüsehändler Habil Kilic in München.
  • 25. September 2002: Sparkassen-Überfall in Zwickau: 48.571 Euro.
  • 15. September 2003: Das Ermittlungsverfahren wegen des Bombenbaus wird wegen Verjährung beendet, die Fahndung eingestellt.
  • 23. September 2003: Sparkassen-Überfall in Chemnitz: 435 Euro Beute.
  • 25. Februar 2004: Nach zweieinhalb Jahren Pause in Rostock wieder ein Mord: am Imbiss-Verkäufer Mehmet Turgut.
  • 14. und 18. Mai 2004: Überfälle auf zwei Sparkassen in Chemnitz. Insgesamt erbeuten die Täter mehr als 100.000 Euro.
  • 9. Juni 2004: Die Terroristen zünden eine Nagelbombe in Köln-Mülheim. 22 Menschen werden zum Teil lebensgefährlich verletzt.
  • 9. Juni 2005: Mord an dem Imbiss-Inhaber Ismail Yasar in Nürnberg.
  • 15. Juni 2005: Mord an dem Schlüsseldienstinhaber Theodoros Boulgarides in München.
  • 22. November 2005: Erfolgloser Sparkassen-Überfall in Chemnitz.
  • 4. April 2006: Mord an dem Kioskbesitzer Mehmet Kubasik in Dortmund.
  • 6. April 2006: Mord an Halit Yozgat, Besitzer eines Internetcafés in Kassel, in dem sich zur Tatzeit ein Verfassungsschützer aufhält. Damit endet die Serie der sogenannten Česká-Morde.
  • 5. Oktober 2006: Erfolgloser Überfall auf eine Sparkasse in Zwickau. Der Täter – vermutlich Böhnhardt – schießt einen Mitarbeiter an.
  • 7. November 2006 und 18. Jänner 2007: Überfälle auf eine Sparkasse in Stralsund: 84.000 und 200.000 Euro Beute.
  • 25. April 2007: Die Täter erschießen in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter in ihrem parkenden Streifenwagen. Ihr Kollege wird schwer verletzt.
  • Dezember 2007: Die Täter erstellen die DVD mit dem "Paulchen Panther"-Bekennervideo.
  • März 2008: Das Trio zieht in die Frühlingsstraße in Zwickau – das letzte Domizil der Gruppe.
  • 7. September 2011: Überfall auf eine Sparkasse in Arnstadt.
  • 4. November 2011: Überfall auf eine Sparkasse in Eisenach. Böhnhardt und Mundlos flüchten in ein gemietetes Wohnmobil. Als die Polizei sie entdeckt, erschießen sie sich – wahrscheinlich tötet Mundlos zunächst Böhnhardt, dann sich selbst. Als Zschäpe davon erfährt, zündet sie die Wohnung an. Die Verpuffung zerstört große Teile des Hauses.
  • 8. November 2011: Zschäpe stellt sich in Jena der Polizei. (APA)
  • Nach zweieinhalb Jahren könnte Beate Zschärpe ihr Schweigen brechen.

    Nach zweieinhalb Jahren könnte Beate Zschärpe ihr Schweigen brechen.

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