Brennende Augen: Feinstaubbelastung in China 50-mal zu hoch

9. November 2015, 10:07
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Provinzhauptstädte Shenyang und Changchun in dichtem Smog – Anstieg weltweit messbar

Peking – Mit dem Beginn der Wintersaison hat sich die Luftverschmutzung in China dramatisch verstärkt. Nach den amtlichen Statistiken kletterten die Werte für PM2.5-Feinstaub am Montag in Changchun, der Hauptstadt der nordostchinesischen Provinz Jilin, auf 860 Mikrogramm pro Kubikmeter und am Sonntag in Shenyang, der Hauptstadt der Nachbarprovinz Liaoning, sogar auf 1157 Mikrogramm pro Kubikmeter.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, dass ein Grenzwert von durchschnittlich 25 Mikrogramm pro Kubikmeter über den Tag verteilt nicht überschritten werden soll. PM2.5-Feinstaubpartikel sind hochriskant für die menschliche Gesundheit. Sie können bis in die Lungenbläschen gelangen. In China wird die zunehmende Umweltverschmutzung inzwischen für Hunderttausende Todesfälle verantwortlich gemacht, etwa durch Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Lungenkrebs.

Die Verwaltung von Shenyang führte die extrem hohe Feinstaubbelastung darauf zurück, dass das Heizsystem der Stadt in diesen Tagen hochgefahren worden sei. Die Stadtverwaltung von Changchun teilte mit, angesichts der aktuellen Luftverschmutzung würden Dringlichkeitsmaßnahmen ergriffen, etwa der Verzicht auf schulische Freiluftaktivitäten und die Aufforderung an die Bürger, umweltfreundliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua bezeichnete derartige Dringlichkeitsmaßnahmen angesichts des Ausmaßes der Umweltverschmutzung als "nutzlos". In einem Xinhua-Bericht wurde ein Einwohner Shenyangs mit den Worten zitiert: "Wenn man nach draußen geht, fühlt man, wie die Luft in den Augen brennt, wie der Rachen schmerzt. Dann geht man und kauft sich eine Atemmaske – aber es bleibt unklar, was wir eigentlich tun sollen."

Weltweiter Anstieg

Auch weltweit habe die Konzentration von Treibhausgasen in der Erdatmosphäre einen neuen Höchststand erreicht, teilte die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) am Montag in Genf mit. Hauptgrund sei der anhaltend starke Ausstoß von Kohlendioxid (CO2), erklärte die WMO unter Berufung auf weltweite Messergebnisse.

Der sogenannte Strahlungsantrieb durch Gase wie CO2, Methan (CH4) und Distickstoffmonoxid (N2O) – eine Maßeinheit für den Treibhauseffekt – sei zwischen 1990 und 2014 um 36 Prozent gestiegen, hieß es. Die Gase stammen unter anderem aus Industrie, Landwirtschaft und Autoverkehr.

Bis 2013 hatte die UN-Sonderorganisation WMO eine Steigerung um 34 Prozent verzeichnet. Der weitaus größte Teil sei allein durch den Kohlendioxid-Ausstoß verursacht worden. Als Hauptursache gilt der Verbrauch fossiler Brennstoffe wie Kohle, Gas und Öl.

"Jahr für Jahr berichten wir von einem neuen Rekord bei der Konzentration von Treibhausgasen", sagte WMO-Generalsekretär Michel Jarraud. "Jedes Jahr warnen wir, dass uns die Zeit davonläuft. Wir müssen jetzt endlich handeln, um die Emissionen von Treibhausgasen einzudämmen, wenn wir noch eine Chance haben wollen, die Temperaturerhöhung der Erde in erträglichen Grenzen zu halten."

Die WMO verweist dabei auf Messwerte der US-Wetterbehörde NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration). Danach hat die weltweite Konzentration von CO2 im Frühjahr 2015 den Durchschnittswert von 400 ppm (parts per million, Teilchen pro Million) überschritten.

Dieser Wert gilt unter Forschern als "bedeutender Meilenstein" auf dem Weg zu einer gefährlichen Klimaveränderung. "Wir werden bald einen globalen Durchschnitt von 400 ppm als permanente Realität erleben", erklärte Jarraud. Laut NOAA ist die CO2-Konzentration seit dem vorindustriellen Zeitalter um mehr als 120 ppm angestiegen. Die Hälfte davon sei nach 1980 hinzugekommen.

Die WMO sowie die UN-Umweltorganisation UNEP und weitere Expertengremien fordern drei Wochen vor dem Beginn der Weltklimakonferenz in Paris entschlossene Aktionen zur Reduzierung der CO2-Emissionen. Sonst werde der Klimawandel die Erde "gefährlich und nicht mehr bewohnbar für künftige Generationen machen", heißt es in der WMO-Mitteilung. (APA/AFP, 9.11.2015)

  • Auch in Peking weicht der Ist- vom Soll-Zustand ab
    foto: apa/afp/greg baker

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