"Zwischenfall" im Schauspielhaus: Die Nächstenliebe zum Mikrofonständer

8. November 2015, 20:21
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Im Schauspielhaus Wien feierte "Möglicherweise gab es einen Zwischenfall" Premiere

Wien – Was bewog einen Mann dazu, aus der Menge zu treten und sich einem Panzer entgegenzustellen? Warum schießt ein anderer Mann in einem Jugendparlament wild um sich? Und warum lässt eine zur Diktatorin gewordene Exlinke irgendwann auf Demonstranten unter dem Balkon ihres Regierungssitzes schießen? Man wird nichts davon mit Gewissheit erfahren.

Aber die Erzählungen von vier in weitreichende Entscheidungsprozesse involvierten Figuren (eine fehlt noch) verbindet der englische Dramatiker Chris Thorpe zu einem Stück, das den Sekundenbruchteilen auf der Spur ist: Möglicherweise gab es einen Zwischenfall (There Has Possibly Been An Incident, Deutsch: Katharina Schmidt). Thorpe zerdehnt in konzentrierter und langsamer Art, wie es am besten die Literatur vermag, jene Momente, in denen Menschen sich zu Taten entschließen (Nummer vier handelt von einer Frau in einem Flugzeug, das zu verunfallen droht).

Trockene Sprechübung

Die Veranschaulichung von Konfliktsituationen gehört zu den ureigensten Interessen der dramatischen Kunst. Im Schauspielhaus verkommt Marco Stormans deutschsprachige Erstaufführung (zeitgleich mit dem Staatstheater Saarbrücken) jedoch zu einer trockenen Sprechübung, bei der Performer sich gelegentlich mit Papierschnitzel verköstigen oder ihr Mikrofon heftig umarmen. Der Abend wäre besser im Brut aufgehoben, was ihn aber freilich noch nicht gelungener machen würde. Denn postdramatische Schauspieler auf ihre Mundwerkzeuge zu reduzieren, das ergibt nicht automatisch eine gute Performance.

Anstatt die Sätze zu beleben, versickern sie in der Gleichtönigkeit eines Aufsagetheaters. In der Nachbarschaft ihrer drei Schreibtische arrangieren Vassilissa Reznikoff, Sophia Löffler und Steffen Link allerlei Zettel, kleben sich Kunstaugen auf und lächeln (als Zeichen der Nichtidentifikation mit ihrer Sprechrolle) durchgehend. Videobilder von Hinz und Kunz des Weltgeschehens (Obama, Halle Berry, Steve Jobs) weisen hinaus in die Realität, deren mikrokosmische Brennpunkte der Abend gern verhandelt hätte. Aber es bleiben nur verkürzte Assoziationen übrig: Anders Breivik oder der Tiananmenplatz. (Margarete Affenzeller, 8.11.2015)

Bis 27. 12.

  • Deutschsprachige Erstaufführung  von Chris Thorpes "Möglicherweise gab es einen Zwischenfall": Steffen Link, Sophia Löffler  und Vassilissa Reznikoff (auch auf der Leinwand,  v. li.) im Schauspielhaus Wien.
    foto: matthias heschl

    Deutschsprachige Erstaufführung von Chris Thorpes "Möglicherweise gab es einen Zwischenfall": Steffen Link, Sophia Löffler und Vassilissa Reznikoff (auch auf der Leinwand, v. li.) im Schauspielhaus Wien.

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