"Das Literarische Quartett": Worte über Worte

8. November 2015, 17:16
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Die Kritikergötter scheinen vom Podium herabgestiegen. Vielleicht, weil Bücher nicht mehr die Bedeutung von einst haben

"Ich möcht' manchmal auch relativ leichte Bücher lesen", klagt Christine Westermann. "Ich nie", kontert Maxim Biller. So, zwischen "Nähkästchen" und mittelschwerer Polemik, offenbarten sich die kritischen Lager in der zweiten Ausgabe des neuen Literarischen Quartetts. Traditionell ohne Schnickschnack, einfach Worte über Worte. Respektive: Worte gegen Worte. Ja, die Stimme des einzelnen Kritikers ist stets eine unzureichende.

Das gefällt Moderatorenprinzeps Volker Weidermann grundsätzlich, auch wenn er Biller im Speziellen mit Rundenausschluss droht, sollte dieser nicht aufhören, Thomas Mann für "Unsinn" zu halten. Es bleibt aber bei der Verwarnung "Nein nein nein nein!", Grundsatzdiskussionen haben bei vier Büchern in 45 Minuten halt keinen Platz. Ob Westermann deshalb lieber ergriffen ist als analytisch? Leider nicht. Dafür hält Gast Ursula März an der angemessenen Distanz zum Werk fest: Wo Roman draufsteht, muss Roman drin sein! Wie bei Margarine!

"Worte, Worte, Worte, und wenn's gutgeht, auch Gedanken" hatte Marcel Reich-Ranicki im allerersten LQ versprochen. Das ist geblieben, die Krawatten nicht. Auch die Kennmelodie tönt schmeichlerischer. Trotz gediegen dunkler Täfelung rund ums Podium im Berliner Ensemble scheinen die Kritikergötter herabgestiegen.

Wohl nicht nur, weil Bücher nicht mehr die Bedeutung von einst haben – gleich wie die Zeitungen, für die sie sonst schreiben, und das Fernsehen, in dem sie jetzt sitzen. "Kopf hoch" verabschiedete sich Weidermann. Wie mutlos ist das verglichen mit Reich-Ranickis Betroffenheit ob all der offenen Fragen! Man möchte ihm wünschen: Ebenso! (Michael Wurmitzer, 9.11.2015)

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    foto: zdf/juergen detmers
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