Colin, setz dich!

Blog7. November 2015, 13:09
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San Francisco zieht die Reissleine und will mit einem ehemaligen Draft Bust noch sanft landen. Andere Franchises müssen auf Schlüsselspieler verzichten

Woche 8 war, was Verletzungen betrifft, keine allzu gute. In der AFC North erwischte es den Nummer 1 Runningback der Liga Le'Veon Bell (Pittsburgh, Knie) und Wide Receiver Steve Smith (Baltimore, Achilles). Für Smith bedeutet die Verletzung vermutlich auch das Ende seiner Karriere. Für beide Mannschaften stellen die Ausfälle von offensiven Schlüsselspieler in der Phase eine mittlere Katastrophe dar. Mit drei bzw. fünf Siegen Rückstand auf die von Sieg zu Sieg eilenden Cincinnati Bengals, ist der Divisionstitel schon in weiter Ferne und die Saison beider droht frühzeitig zu Ende zu gehen, sollten die New York Jets (East) und Oakland Raiders (West) ihre derzeitige Form konservieren können.

Donnerstagnacht schlug Cincinnati Cleveland und steht zum ersten Mal in seiner Geschichte bei 8-0. Die Connection Andy Dalton auf Tyler Eifert nimmt langsam Brady-Gronkowski Ausmaße an. Die vergangenen vier Saisonen erreichten die Bengals das Playoff, um dort im ersten Spiel auszuscheiden. Im Jänner 2016 könnte sich das ändern. Zwei Mal standen die Tiger bisher in einer Super Bowl, in beiden unterlag man San Francisco mit vier Punkten Unterschied. Ein unwahrscheinliches Szenario für den kommenden Februar. Bei der letzten Super Bowl mit Bengals Beteiligung übernahm übrigens George Bush gerade das Amt des US Präsidenten. Von Ronald Reagan. Die Zeit wäre zumindest gereift, vielleicht ist sie auch reif.

Bei den Steelers ist Ben Roethlisberger eben erst von einer Knieverletzung zurück gekommen, sein Comeback gestaltete sich alles andere als erfolgreich. Drei Mal wurde Big Ben von den Bengals bei der 10:16-Niederlage gepickt. Ein Lichtblick ist Routinier DeAngelo Williams. Der mittlerweile 32-jährige Runningback bringt in seiner zehnten Saison 4.9 Yard pro Lauf zustande. Einen Bell wird er aber unterm Strich nicht ersetzen können.

Ob man in Baltimore überhaupt noch an eine Post Season denkt? Nach dem Sieg über die Passing Yards Verschwender San Diego ist zumindest noch ein Fünkchen Hoffnung da. Smith war allerdings mit 46 Catches für 670 Yards und drei Touchdowns der mit Abstand effizienteste Spieler in Baltimores Offense. Bezeichnend für den Passangriff bei den Ravens, dass sich unter den Top 5 Passempfängern ein Runningback, ein Fullback und ein Tight End befinden. Der zweitbeste gelernte Receiver der Ravens ist Kamar Aiken, dessen Name vor 2015 niemals gefallen ist.

Auch in der AFC East hat es ein Team mit relativ intakten Chancen auf ein Playoff erwischt. Die Miami Dolphins müssen auf Linebacker Cameron Wake (Achilles) verzichten. Einen Mann mit der Präsenz zu ersetzen (Wake verzeichnete sieben Sacks in den letzten drei Spielen) wird ein hartes Stück Arbeit für den neuen Coach Dan Campbell unter dem die Dolphins ein signifikantes Zwischenhoch erlebten. Sieht man mal von der Klatsche gegen New England ab.

Draft Bust Time bei Forty Nine?

Es war wohl die bisher schwerste Entscheidung für 49ers Head Coach Jim Tomsula, als er die Woche verkündete, dass Blaine Gabbert anstelle von Colin Kaepernick gegen Atlanta starten wird. War Kaepernick vor der Saison noch eine sichere Bank, sitzt er nun auf selbiger. Natürlich nur um ihn zu schützen, wie Trainer und auch Mitspieler nicht müde werden zu betonen. Tatsächlich wird sein Name direkt mit der bislang katastrophalen Saison in Verbindung gebracht. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit, denn die Probleme San Franciscos sind vielschichtiger und die #7 ist nur ein Stein im brüchigen Mosaik. Wie sehr es darauf ankommt, wie es der Mannschaft generell geht, zeigen direkte Vergleiche. Wirft man einen Blick auf die Zahlen von Kaepernick und Carolinas Superman Cam Newton, sind sich diese gar nicht so unähnlich. Den Vergleich mit Peyton Manning kann man sich sparen, denn Denver kann nur mehr schmunzeln, wenn ihnen jemand sagt, wie nah ihr Ende mit und wegen Manning ist. Bye bye Green Bay, who is next? Es macht halt einen wesentlichen Unterschied für das Standing eines Quarterbacks, ob man bei 7-0 oder 2-6 steht. Außerdem sendete Peyton Sonntags eh ein Lebenszeichen: Bin nicht weg, bin noch da.

Irritierend ist für manche vielleicht weniger, dass man einem erfolglosen Quarterback mal auf der Bank durchatmen lässt, sondern die Person die ihm nachfolgt. Zumindest auf den ersten Blick. Das Bedürfnis ist groß Gabbert schon vor seinem ersten Pass in der Saison schlecht zu reden. Wie der Mann in der NFL mit seinen Leistungen vier Saisonen sportlich überleben konnte, darf man durchaus hinterfragen. Für Jacksonville startete er 28 Mal, war dabei eine Interception-Maschine und kam nie über ein Passer Rating von 77.6 hinaus. Ab hier muss man sich die Sache genauer ansehen.

Durch die Performances gilt Gabbert bei allerlei Experten und Analytikern als Draft Bust, was er nach Zahlen auch ist. Er scheint ja auch bei der Auflistung diverser Negativ-Rekorde der letzten Jahre mehrmals ganz vorne auf. Der ehrliche Vergleich wäre aber der mit Blake Bortles, dem aktuell nicht nachgesagt wird ein zumindest ganz Schlechter zu sein. Bortles kam in seiner ersten Saison als Starter für die Jaguars auf elf Touchdowns und 17 Interceptions, sein QBR war mit 69.5 noch weiter unter dem von Gabbert anno 2012. Erst heuer sieht das vernünftig aus – 15 Touchdowns, acht Picks, 82.5 QBR.

So gesehen ist die Wahrscheinlichkeit, dass Gabbert in San Francisco voll einschlägt sehr gering, komplett abstinken muss er aber nicht zwingend. Irgendwer muss in den Jahren irgendwas in ihm gesehen haben, was er vor TV-Kameras noch nicht gezeigt hat. Und Tomsula musste mal ein sichtbares Zeichen setzen, will er seinen Job behalten. Am Ende führt die Reise eventuell ja wieder zurück zu Kaepernick.

Was ich bemerkenswerter als Gabbert finde, das ist der Zeitpunkt. Eine Spielwoche vor der Bye Week und vor einem Spiel gegen eine immer weiter zurück fallende Passing Defense Atlantas, wirkt es so, als wolle man nicht nur selber sanft landen, sondern den neuen Mann auch gegen einen vermeintlich leichteren Gegner spielen lassen. Die Annahme taucht in mehreren US-Medien auf, die 49ers stellen das in Abrede. Sollte das mit ein Motiv gewesen sein, könnte der Schuss voll nach hinten los gehen, denn tatsächlich hätte Gabbert dann von Spiel 1 weg Druck. Und das einzige was man in San Francisco noch mit Druck heuer erreichen kann, ist Luftmatratzen aufblasen für den Jännerurlaub.

So sehen also Sieger aus

Nach dem Monday Night Game hatte ich wieder dieses schale NFC-West Gefühl von 2010 im Mund. Das Playoff-System der NFL schmeckt mir immer noch nicht. Beim Gedanken, dass aus dem Quartett Indianapolis, Houston, Jacksonville und Tennessee

einer fix Heimrecht in einem Playoff haben wird, stellen sich bei mir die Nackenhaare auf. Bleibt es bei den aktuell gezeigten Leistungen, geht da ein Team mit 6-10 mit einem Heimspiel in die Post Season, in dem sie dann die 10-6 Jets hosten. Das kann es irgendwie nicht sein.

Bei dem was man bisher von den AFC South Teams gesehen haben, kann niemand ernsthaft behaupten, dass nur einer von denen zu den sechs besten der AFC oder zwölf besten der Liga gehört.

Da es völlig sinnfrei ist, sich an der Stelle weiter und im Detail über ein bestehendes System zu echauffieren (es bleibt stets ungerecht), beschwere ich mich lieber über den Noch-Tabellenführer der AFC South. Wo ist der Super Bowl-Anwärter aus Indianapolis hin? Wo hat der die meiste Zeit über Andrew Luck versteckt? Weshalb wacht die Mannschaft erst auf, wenn Carolinas Passrush der letzte Tropfen Benzin ausgeht? Warum ist Chuck Pagano noch im Amt? Reicht es wirklich den Offense Coordinator zu feuern? (Pep Hamilton ist raus, Rob Chudzinski übernimmt). Ich behaupte Nein. Das Fohlen stinkt vom Kopf weg. Seine Attitüde besteht aus drei Viertel Teilnahmslosigkeit und einem Viertel Panik. Fluchttiere eben. Gegen Carolina lag man im vierten Viertel 6:17 zurück, rettete sich in eine Overtime, die man verlor. Gegen New Orleans lag man im dritten Viertel 0:27 zurück. Das Comeback endet bei 21:27. Gegen Buffalo lag man im dritten Viertel 0:24 zurück. Das Comeback endet bei 14:27. Mit New England hielt man mit, bis Pagano vergaß, dass man dem Center auch sagen muss, dass er nicht snappen soll.

Anzahl der Spiele, die die Colts außerhalb ihrer Division gewonnen haben: Null. Eines weniger als Houston und Tennessee (jeweils TB) und zwei weniger als Jacksonville (MIA und BUF). Verlieren die Colts am Sonntag ihr Heimspiel gegen Denver (live aus Puls 4), dann werden sie die Tabellenführung an Houston abgeben. Und das wäre auch höchste Zeit, dennn vielleicht wird man dann langsam munter. Zuletzt wirkte selbst Jacksonville weit ambitionierter, frischer und spielfreudiger.

Die unberechenbare Mitte

Mit 0.500 kann man bei Halbzeit der Regular Season viel sein in der NFL, nur nicht Letzter in seiner Division. Die eingangs besprochenen Steelers sind auf Platz 2, die Seahawks und Saints jeweils auf Platz 3, die NFC East wird von den 4-4 Giants sogar angeführt und ist nach der AFC South die mit den wenigsten gewonnen Spielen. New York, sowie Philadelphia und Washington jeweils auf 3-4, konnte man vielleicht dort erwarten, Dallas mit einem Losing Streak von fünf Spielen auf 2-5 dann schon nicht mehr. Die Cowboys finden einfach keinen Weg mehr um Spiele zu gewinnen, seit Tony Romo ausfiel. Der soll in Woche 11 wieder zurück kommen. Übergeben die Mechaniker dem Fahrer die Karre bei 2-7, dann kann er sie eigentlich gleich wieder in die Garage fahren. Die Sonntagsnachtpartie (live auf Sport1US) gegen Philadelphia ist (schon wieder mal) ein must win für die Texaner. Nur Cassel ist wie Weeden alles – nur kein Ersatz. Die Mannschaft macht Plays, mein spezieller Freund Greg Hardy z.B. pickte Russell Wilson tief in seiner Hälfte, der Outcome war dann aber erbärmlich. Vier Fieldgoals reichten gegen die Seahawks knapp nicht. Zur Freude der Giants, die in einem Rekordspiel den New Orleans Saints unterlagen.

Diese Saints. Da sahen sie schon aus, als könnten sie kein Wässerchen mehr trüben, dann packt Drew Brees seine Offense am Schopf und gewinnt drei Spiele in Folge. 52 Punkte waren es vergangenen Sonntag, sieben Passing Touchdowns in dem Spiel warfen seit dem NFL-Merger nur je ein Mal Peyton Manning und Nick Foles. Mit Dallas, Atlanta,

Indianapolis und den Giants schlug man zwar nicht durchgehend die Uperclass, der Schedule wird aber nicht bedeutsam schwieriger. Tennessee und Washington warten vor der Bye Week, sollte man danach Houston, Detroit und Jacksonville schlagen können, dann wird man in den verbleibenden Divisionsduellen noch alle Chancen haben.

Selbiges gilt mit Abstrichen für die Giants und Seahawks. Die New Yorker haben nur einen mühsamen Spielplan vor sich. New England, Carolina, Minnesota und der Stadtrivale Jets werden wohl noch längere Tage als der gegen New Orleans. So ähnlich sieht es für Pittsburgh aus, die gegen Oakland, Denver, Cincinnati und Seattle zumindest als leichte Außenseiter ins Spiel gehen werden, auch St. Louis würde ich derzeit knapp vorne haben. Seattle hat die Woche spielfrei und geht am 15. November in ein Divisionsduell in dem Charakter und Klasse gefragt sein wird. Im ersten direkten Duell gegen Arizona hat man die Chance der Saison einen Schubser in die für die Seahawks richtige Richtung zu geben, um dann am 3. Jänner im zweiten Duell vielleicht noch gegen die Cardinals um die Divisionskrone zu spielen … ?

Sie merken, ich kann um die Jahreszeit meine Glaskugel nur mehr schwer vom Schreibtisch stellen. Ich sage es gerade heraus, was ich da jetzt gerade drinnen sehe: Von den vier 4-4 Teams werden drei in die Post Season gehen: Die Giants, Saints und Seahawks. Die Steelers nicht, weil: bitte zum Anfang rauf scrollen.

Football im TV

Für die Saison 2015 hat sich Pro7/sat1 ein umfangreiches Rechtepaket von 50 Live-Spielen gesichert. Pro7maxx überträgt jede Woche ein Frühspiel (19:00 Uhr) und im Anschluss ein Abendspiel (22:05 od. 22:25 Uhr). Davon profitiert auch Puls 4, welches 30 Spiele live überträgt. Jeden Sonntag ein 22:25 Uhr Spiel, zwei Nachmittagspartien (15:30 Uhr) aus dem Wembley Stadion, so wie alle Playoffs, sprich vier Wild Card, vier Divisional Playoffs, die beiden Conference Finals und die Super Bowl 50. Alle 30 Partien darf ich zusammen mit Michael Eschlböck kommentieren. Sport1US hat die Rechte für die Nachtspiele am Donnerstag (2:25 Uhr), so wie Sonntag und Montag (jeweils 2:30 Uhr) geholt. Alle Spiele live, den Redzone Channel und condensed games gibt es im NFL Gamepass zu sehen. Das Sportportal Spox hat Online-Rechte für die Nachtspiele am Donnerstag, Sonntag und Montag erworben.

Das NFL TV-Programm der Woche 8:

Carolina Panthers vs. Green Bay Packers***
Sonntag 19:00 Uhr – Pro7maxx

Indianapolis Colts vs. Denver Broncos**
Sonntag 22:25 Uhr – Puls 4/Pro7maxx

Dallas Cowboys vs. Philadelphia Eagles***
Nacht Sonntag auf Montag 02:30 Uhr – Sport1US/spox.com

San Diego Chargers vs. Chicago Bears*
Nacht Montag auf Dienstag 02:30 Uhr – Sport1US/spox.com

***muss

**kann

*muss nicht

Schöne Spiele und vielleicht bis Sonntag.

Ihr Walter Reiterer

  • Verzweifelt an der Bay: San Francisco 49ers Headcoach Jim Tomsula ruft Quarterback Blaine Gabbert zur Arbeit und setzt Colin Kaepernick in den Pausenraum.
    foto: scott clarke/espn images

    Verzweifelt an der Bay: San Francisco 49ers Headcoach Jim Tomsula ruft Quarterback Blaine Gabbert zur Arbeit und setzt Colin Kaepernick in den Pausenraum.

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