"Dieser Prozess ist eine Endlosschleife"

Interview7. November 2015, 09:00
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Österreich ist Zehnter in der Rangliste. Teamchef Marcel Koller spricht über Erfolg, die EM, Störenfriede, die Pflicht zur Nähe, das Spiel gegen seine Heimat Schweiz. Und über die Zukunft

STANDARD: Besteht die Gefahr, dass der Erfolg irgendwann zur Selbstverständlichkeit wird – für die Öffentlichkeit, aber auch innerhalb der Mannschaft?

Koller: Ja. In der Öffentlichkeit ist die Gefahr weit größer, schließlich gibt es in Österreich acht Millionen Teamchefs. Die zu informieren ist unmöglich. Intern kann man aber eingreifen, die Dinge steuern, in die richtigen Bahnen lenken. Man muss in der Phase des Erfolgs aufpassen, darf nicht abheben. Alle klopfen dir auf die Schulter, man wird genügsam, gemütlich. Winzige Details werden nicht mehr als wesentlich betrachtet. Vergisst du darauf, bist du sehr schnell wieder weg.

STANDARD: Es heißt, aus Niederlagen lernt man mehr. Damit kann das österreichische Team nicht dienen, es muss notgedrungen beziehungsweise erfreulicherweise aus Siegen lernen. Was fehlt noch zur Perfektion, zu Kollers Idealbild vom Fußball?

Koller: Wir sind vier Jahre zusammen und haben nicht alle Spiele gewonnen. Es gab genügend Niederlagen, um daraus zu lernen. Das haben wir getan, jetzt zeigen wir, was wir können. Die Spielweise ist so, wie ich sie mir vorstelle. Perfektion wird es aber nie geben, weil Zufälligkeiten Teil des Fußballs sind. Der Gegner bleibt das Ungewisse, du weißt nicht, wie der drauf ist. Um nahe an die Perfektion zu kommen, musst du die Basics beherrschen, die wesentlichen Zweikämpfe gewinnen, in der Defensive mehr laufen, die Räume schneller eng machen, einander unterstützen. Und in der Offensive musst du präzise passen, umschalten, anspielbar sein, torgefährlich werden, Tore schießen. Jeder soll so viel Selbstvertrauen haben, dass man all das als Mannschaft gemeinsam umsetzen kann.

STANDARD: Beim 3:2 in Montenegro war die erste Halbzeit schwach, man geriet in Rückstand. Ist es ein Zeichen von Qualität, dass 45 mäßige Minuten reichen, um zu lernen und Fehler zu korrigieren?

Koller: Absolut. Das muss man ansprechen. Wir hatten uns zurückgelehnt, sind aber rechtzeitig aufgewacht. Eine heilsame Erfahrung, man darf sich niemals ausruhen, das bleibt jetzt in den Köpfen drinnen. Es ist ja nicht so, dass, wenn man gewinnt, alles super ist. Natürlich zählt das Ergebnis, aber als Trainer kannst du dich nicht nur am Resultat orientieren.

STANDARD: Sie haben in der Quali immer wieder betont, dass man noch gar nichts erreicht hat. Gibt es während der EM eine verbale Wiederholung? Anders gefragt: Was streben Sie in Frankreich an, ab wann hat man dort etwas erreicht?

Koller: Wir werden unseren Kurs nicht ändern, von Spiel zu Spiel schauen. Wir dürfen nicht zufrieden sein, dass wir bei der EM dabei sind. Wir haben Möglichkeiten, Spiele zu gewinnen. Die Erfolge, die man in der Vergangenheit erreicht hat, die muss man wieder bestätigen.

STANDARD: Sie sagen also nicht, Ziel in Frankreich ist das Achtel-, Viertel- oder sogar Halbfinale.

Koller: Nein, sage ich nicht.

STANDARD: Hat Sie die Souveränität in der Quali ein wenig verblüfft?

Koller: Verblüfft nicht, denn wir haben dieses Selbstvertrauen ja sukzessive aufgebaut. Wir haben hart daran gearbeitet, stärker zu werden. Die Ideen wurden umgesetzt, alle haben den hohen Level gehalten. Die Spieler sind von dem, was in der Nationalmannschaft passiert, überzeugt. Für das Trainerteam ist das eine extrem schöne Erfahrung.

STANDARD: Bis zur EM kann es fünf Tests geben. Werden Sie meist die Stammformation aufbieten, um das Ganze zu festigen? Oder experimentieren Sie, um Eventualitäten, zum Beispiel Verletzungen von Schlüsselspielern, vorzubeugen?

Koller: Es ist zu früh, über einzelne Spiele zu sprechen. Vermutlich wird sich der eine oder andere Neue präsentieren können. Aber es ist ebenso wichtig, nicht zu viel Unruhe reinzubringen. Die Gruppe ist gefestigt, sie genießt mein Vertrauen.

STANDARD: War eine positive Erkenntnis, dass gegen Russland sogar der verletzte David Alaba zweimal ersetzt werden konnte? Es wurde jeweils mit 1:0 gewonnen.

Koller: Das spricht für die Gruppe und die Qualität der Spieler, die sich meist hinten anstellen müssen. Es war ein Zeichen, dass jeder fokussiert und bereit ist einzuspringen.

STANDARD: Ein sechstägiges Trainingslager in Alicante steht an. Was sind die Schwerpunkte? Betrachten Sie den gruppendynamischen Prozess als abgeschlossen?

Koller: Nein, dieser Prozess ist eine Endlosschleife. Es kommen mit Lukse, Gucher und Onisiwo drei Neue hinzu, man muss sie anschauen und integrieren. Die ältere Gruppe ist so kompakt, dass das kein Problem ist. Störenfriede würde sie nicht dulden. Wir werden im taktischen Bereich arbeiten, das Gelernte verfeinern.

STANDARD: Am 17. November wird im Wiener Happel-Stadion gegen die Schweiz gespielt. Was verbindet die beiden Länder, was trennt sie? Wie geht es Ihnen persönlich? Es muss für einen 55-fachen Schweizer Teamspieler eine spezielle Situation sein, oder?

Koller: Ja, es wird eine völlig neue Erfahrung für mich. Allgemein gesagt sind das zwei wunderschöne Länder mit einer hohen Lebensqualität, schönen Städten, Bergen und Seen. Zürich und Wien zählen weltweit zu den lebenswertesten Städten.

STANDARD: Und fußballerisch? Beide sind relativ kleine Länder und spielen mittlerweile eine große Rolle im Fußball.

Koller: Die Schweiz hat den Vorteil, dass sie schon über längere Jahre in der Weltspitze mitmischt. Sie qualifiziert sich praktisch für jedes Großereignis, das spricht für Kontinuität und Konstanz im Verband. Wir sind erst jetzt dazugestoßen.

STANDARD: Haben Sie als Spieler die Hymne mitgesungen?

Koller: Ja, selbstverständlich. Als österreichischer Teamchef werde ich das aber weglassen. Ich will das Spiel gewinnen.

STANDARD: Sie gelten als Baumeister des Erfolgs, werden in Österreich mit Lob und Zuneigung überhäuft. Wie gehen Sie damit um, wird es Ihnen manchmal zu viel?

Koller: Ich denke, ich kann das einschätzen. Ich merke, dass der Zuspruch immer größer wird. Aber wir wollten ja erfolgreich sein. Die Leute kommen auf uns zu, sie bitten um Fotos und Autogramme. Das gehört dazu. Es ist eine Pflicht, dass wir uns da zur Verfügung stellen.

STANDARD: Sie sagen, dass das Nationalteam bis zu einem gewissen Grad anfassbar sein muss.

Koller: Ja, absolut. Jetzt ist das Happel-Stadion voll, fast zu klein, früher war es halbleer. Das funktioniert nur, wenn, vom Erfolg abgesehen, die Leute spüren, da unten spielt nicht der Alaba-Gott, der Arnautovic-Gott. Das sind anfassbare Menschen, mit ganz normalen Problemen. Wir wollen und dürfen niemals arrogant wirken.

STANDARD: Anderes Thema: Ist der Fußball durch die Skandale in der Fifa und in der Uefa in seinen Grundfesten erschüttert?

Koller: Nein, ich denke nicht. Aber es ist wichtig, dass alles aufgeklärt wird. Korruption ist in allen Bereichen, nicht nur im Fußball, schlecht. Die Menschen müssen sehen, dass Leute an der Spitze sind, die das Gute wollen und keine linken Dinger drehen.

STANDARD: Auf die Gefahr hin, dass Sie sagen, es eilt nicht. Aber wie schaut es mit der Vertragsverlängerung aus? Gibt es eine Deadline, was spricht dafür, was dagegen?

Koller: Sie haben es völlig richtig formuliert, es eilt nicht. Ich möchte mir keinen Zeitpunkt setzen, das wäre nur ein unnötiger Druck.

STANDARD: Glauben Sie nicht, dass diese Ungewissheit die Vorbereitung auf die EM stören könnte?

Koller: Nein. Fußballer kennen diese normalen Prozesse, sie verhandeln oft selbst mit Vereinen.

STANDARD: Die Argumente für einen Verbleib liegen auf der Hand. Spricht die Sehnsucht, jeden Tag auf dem Platz stehen zu können, dagegen? Die kann logischerweise nur ein Klub stillen.

Koller: Die Sehnsucht bleibt, obwohl sie kleiner geworden ist. Ich freue mich immer wahnsinnig, wenn ich die Teamspieler endlich wiedersehe, um mich habe, alles spüre, auf dem Platz stehen und arbeiten kann. Der Fußball findet nicht im Büro statt. Man muss auch für sich klären, wann eine Veränderung stattfinden soll. Erneuerungen halte ich für wichtig. Es gibt nämlich Abnützungserscheinungen. Im Verein früher als bei einer Nationalmannschaft.

STANDARD: Könnte das ÖFB-Team auch ohne Koller reüssieren?

Koller: Ja. Ich bin nicht der Über-Mann, der Über-Koller. Ich habe nur Ideen, die ich umzusetzen versuche. Auch andere Trainer haben Einfälle und Pläne.

STANDARD: Was soll man Ihnen in Österreich einmal nachsagen?

Koller: Ich denke, den Leuten wird etwas Vernünftiges einfallen. Ich kann und will das nicht steuern. (Christian Hackl, 7.11.2015)

MARCEL KOLLER (54) aus Zürich ist seit November 2011 Teamchef. Der Schweizer führte Österreichs Nationalteam von Platz 72 auf Rang zehn der Weltrangliste. Die ÖFB-Auswahl qualifizierte sich als ungeschlagener Gruppensieger für die EM 2016 in Frankreich. Kollers bisherige Bilanz: 34 Spiele, 19 Siege, sieben Remis, acht Niederlagen.

  • Teamchef Marcel Koller bleibt hochkonzentriert, er will immer gewinnen. "Wir dürfen nicht zufrieden sein, dass wir bei der EM in Frankreich dabei sind. Wir werden unseren Kurs nicht ändern."
    foto: reuters/bader

    Teamchef Marcel Koller bleibt hochkonzentriert, er will immer gewinnen. "Wir dürfen nicht zufrieden sein, dass wir bei der EM in Frankreich dabei sind. Wir werden unseren Kurs nicht ändern."

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