"Räuber": Nicht alle Menschen werden Brüder

6. November 2015, 17:29
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Uraufführung der "Räuber" nach Schiller im Werk X, Regie führt Pedro Martins Beja

Wien – Die Bühne (Janina Audick) ist leer, nachdem ein auf herabhängenden Papierbahnen gedrucktes Zitat von Modeschöpfer Karl Lagerfeld heruntergerissen und zerknüllt wurde: "Ich will mit Geld nichts zu tun haben" stand darauf zu lesen. Keiner will sich seine Hände im Kapitalismus schmutzig machen, aber alle machen mit. So viel demonstrativer, geräuschvoller Widerstand muss sein in den ersten Minuten einer Spielzeit, die das Werk X unter das Leitmotiv "Nein" gestellt hatte.

Mit einer Neu- und Kurzfassung von Friedrich Schillers Sturm-und-Drang-Stück Die Räuber (1782 uraufgeführt) – hier bedeutungsvoll: Räuber. Das Leben stiehlt auch nur vom Tod (schrei Schiller schrei); es trägt keinen Autorennamen - kommt ein Held auf die Bühne, der im Dagegensein stets raumgreifend war: Karl Moor (Dennis Cubic), der Grafensohn, der es mit seinem Studentenleben in Leipzig zu weit getrieben, Schulden angehäuft, sich dann aber in einem Brief an seinen Vater reuig gezeigt hat.

Nur war es dafür dann bereits zu spät, denn die Intrigen des daheimgebliebenen Bruders Franz (Daniel Wagner) haben längst ein böses Spiel entfesselt. Karl Moor wird wütend ("Diese fucking Wand, Mensch!") und zieht daraufhin als Räuberhauptmann mit seiner Runde abgehalfterter Geschöpfe in die böhmischen Wälder, brandschatzt und mordet.

In dieser von Pedro Martins Beja inszenierten Schiller-Neufassung wird der brutale Schauplatz als "Wartesaal Europa" tituliert. Aber wer wartet? Und worauf? Was in ihm geschieht, ist jedenfalls blutig, und es brennt. Regelmäßig wird eine Warndurchsage gemacht: "Achtung, Sicherheitshinweis!" An der Wand steht in Leuchtbuchstaben "Grace or die".

Beja scheut keinen Kitsch, er liebt das große Kino und überzieht den zunehmend zu aufgesetztem Aktionismus verkommenden Abend mit jeder Menge pathetischer Musik, zu der irgendwann auch die Europahymne gehört. Schiller-Handlungseckpunkte dienen nur mehr als Notorientierung in einem unsauberen szenischen Getriebe, das die Wunschvorstellung "Alle Menschen werden Brüder" Lügen straft.

Für gute Momente, solche, die aufrichtig sind und zugleich Dynamik erzeugen, sorgen die Auftritte von Hanna Binder als Karl Moors Gegenspieler Spiegelberg. Die ehemalige Volkstheaterschauspielerin (im Vorjahr beim Nestroypreis nominiert) ist der Anker einer auftrumpfenden, aber chaotischen Inszenierung. (Margarete Affenzeller, 6.11.2015)

  • Daniel Wagner als fieser Bruder Franz Moor – frei nach Schiller.
    foto: yasmina haddad

    Daniel Wagner als fieser Bruder Franz Moor – frei nach Schiller.

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