Antonio Fian: Frühstück bei Filzmaiers

6. November 2015, 16:58
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Wohnküche der Familie Filzmaier. Um den Frühstückstisch der Politologe Peter Filzmaier, seine Gattin und seine Tochter

(Die Gattin streicht sich ein Marmeladebrot.)

FILZMAIER (sie beobachtend): Erdbeermarmelade, nehme ich an. Selbstgemacht, stimmt's?

GATTIN: Ja. Woher weißt du das?

FILZMAIER: Gerade in einkommensstarken Familien hat in den letzten Jahren die Skepsis gegenüber der Nahrungsmittelindustrie zugenommen, immer mehr Menschen kehren, soweit möglich, zur Eigenproduktion zurück. Begünstigt wird das auch dadurch, dass immer mehr Frauen in Teilzeitjobs beschäftigt sind, was es ihnen möglich macht, die für die Marmeladeproduktion nötige Zeit aufzubringen. Ökonomisch sinnvoll und um optimale Frische der Produkte zu garantieren, werden im Herbst erst die Frühjahresmarmeladen, also etwa Kirsche oder eben Erdbeere, verbraucht, während man die Spätmarmeladen, Trauben oder Zwetschken, für den Winter aufbewahrt. (Mit Blick auf die Tochter, die eben in eine Semmel beißt:) Und? Schmeckt die Extrawurst?

TOCHTER (nickt)

GATTIN (perplex, zur Tochter): Du isst Extrawurst? Zum Frühstück?

TOCHTER (zuckt mit den Schultern)

FILZMAIER: Die Lebensmittel-, insbesondere die Fleisch- und Wurstdebatte der letzten Wochen hat zwar zu einem leichten Rückgang des Fleisch- und Wurstumsatzes geführt, andererseits aber ist der Anteil der Protestesser deutlich angewachsen, und zwar sowohl im fleischaversen wie im fleischaffinen Bereich. Vereinfacht könnte man sagen, wo früher Vegetarier waren, finden wir heute vermehrt Veganer, während früher gemäßigte Fleischesser nun aus Protest gegen die als Indoktrination empfundene Berichterstattung in Presse und Internet zu als besonders ungesund eingestuften Wurstprodukten greifen. (Er steht auf.) Ihr entschuldigt mich.

GATTIN: Gehst du ins Büro? Oder auf den Küniglberg?

FILZMAIER: Weder noch. Ich gehe auf die Toilette. Genau wie die überwältigende Mehrheit der Österreicher gehöre auch ich zu den Frühdefäzierern. Zwar ist mir klar, dass diese Ungleichverteilung gerade in größeren Städten eine schwere Belastung für das Kanalnetz darstellt, die bis hin zur Überlastung führen könnte, und dass es günstiger wäre, wenn es gelänge, mehr Bürgerinnen und Bürger dazu zu bringen, die Darmentleerung auf den Mittag oder Abend zu verschieben, aber die Menschen sind nun einmal leider nicht in allen ihren Entscheidungen vernunftgesteuerte Wesen.

GATTIN: Wann gehst du dann ins Büro?

FILZMAIER: Gar nicht. Ich werde in nächster Zeit zu Hause arbeiten. Es besteht keine Notwendigkeit, ins Büro oder zum ORF zu fahren, wenn es nichts zu analysieren gibt, und es gibt nichts zu analysieren, weil in nächster Zeit keine Wahlen anstehen, es wäre denn, einer der Koalitionspartner hätte vor, aus der bestehenden Koalition auszuscheren und Neuwahlen vom Zaun zu brechen, um anschließend eine Koalition mit der dann wohl noch stärker gewordenen FPÖ zu bilden, was ich allerdings, zumindest solange Werner Faymann Parteichef ist, für die SPÖ ausschließen würde, anders als für die ÖVP, obwohl ich auch hier nur eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit für einen solchen Koalitionsbruch sehe.

(Ab. Die Frauen blicken ihm nach.)

TOCHTER (halblaut, flehentlich): Bitte, ÖVP! Bitte!

(Vorhang)

(Antonio Fian, 6.11.2015)

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