Die letzten Tage des NS-Terrors

7. November 2015, 17:00
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In den letzten Kriegstagen töten die Nazis gezielt Gegner des Regimes. Um die als Lynchjustiz bezeichneten Morde an US-Piloten erlangten Historiker nun neue Erkenntnisse

"We are Austrians not Germans. Don't tell anyone!" Nur kurz wurde dem Kopiloten und Second Lieutenant Mac D. Moore der Zettel gezeigt, auf dem diese Worte standen. Die Männer, die ihm den Zettel hinhielten, retteten ihm das Leben. Denn gegen den Amerikaner gab es einen Mordbefehl. Das war im März 1945. Moore hatte gerade einen Flugzeugabsturz über dem Grazer Becken überlebt. In welch großer Gefahr er sich in den Stunden und Tagen danach befand, das sei ihm vielleicht bis heute nicht ganz bewusst, glaubt der Historiker Georg Hoffmann.

Moore hatte Glück. Das begann schon damit, dass sich Moores Fallschirm erst in letzter Minute öffnen ließ und er deshalb nicht, wie die anderen Besatzungsmitglieder, nach Wetzelsdorf, in die Nähe einer SS-Kaserne abgetrieben wurde. Moores Kameraden wurden von SS-Männern ermordet – umringt von Schaulustigen und mit dem Wissen des steirischen Gauleiters Sigfried Uiberreither und des Grazer Polizeikommandanten Adolf Haan.

"Gewalt als Element der Macht"

Die Ermordung von abgeschossenen westalliierten Befreiern ging in das kollektive Gedächtnis der Österreicher als "Fliegerlynchjustiz" ein und wurde als Rache der durch die Bombardierung aufgebrachten Bevölkerung dargestellt. Hoffmann hat sich gemeinsam mit seiner Kollegin Nicole-Melanie Goll im Rahmen eines Forschungsprojektes des Grazer Historikers Helmut Konrad an der Grazer Uni eingehend mit diesem Phänomen beschäftigt und diese Woche das Buch Fliegerlynchjustiz. Gewalt gegen abgeschossene alliierte Flugzeugbesatzungen 1943-1945 (Ferdinand-Schöningh-Verlag) präsentiert.

Auf über 400 Seiten räumt das Buch mit Legenden des sogenannten Volkszornes auf und zeigt mit 26 Fallstudien aus ganz Österreich und Ungarn, wie inszeniert die von ganz oben in Auftrag gegebenen öffentlichen Ermordungen waren. Statt um "Lynchjustiz", die sich aus Menschenmengen spontan entwickelt, handelte es sich "um die Demonstration von Gewalt als Element der Macht", wie Hoffmann anhand mehrerer Fälle zeigt. Das Buch setzt sich auch namentlich mit einzelnen Tätern in der Befehlskette auseinander.

Dabei konnte der Grazer Historiker feststellen, dass das Thema bis in die Gegenwart mit Tabus behaftet ist und sich etwa NS-Propagandabegriffe wie "Terrorflieger" (für die Befreier) bis heute halten. Insgesamt konnte man 101 Mordfälle in ganz Österreich recherchieren, sagt Hoffmann. Nur 13 landeten auch vor Gericht.

Eine der 26 Fallstudien im Buch ist Mac D. Moore. Er landete sieben Kilometer entfernt von seinen Kameraden direkt neben einem Bombenkrater vor einem Luftschutzstollen am Plabutsch. Um ihn bildete sich keine Menschenmenge. "Vielmehr wurde Moore von einem Luftschutzpolizisten und Personen, die sich im Luftschutzstollen befunden hatten, aus dem Krater und in den Stollen hineingezogen, wo zunächst seine Wunden versorgt wurden", schreibt Hoffmann. Erst nach zwei Stunden wurde der junge Amerikaner von Polizisten abgeholt und in ein provisorisches Polizeirevier des Grazer Außenbezirks Gösting gebracht.

Dort kamen stundenlang Menschen vorbei, die einen Blick auf den US-Piloten werfen wollten. "Er ist sich vorgekommen wie ein Tier im Zoo" , erzählt Hoffmann. Doch weder die Bewacher Moores – unter ihnen ein damals 17-jähriger Hilfspolizist – noch die neugierigen Besucher reagierten feindselig oder aggressiv auf ihn. Kinder brachten ihm sogar Brot und Obst, das Moore in seine Taschen stopfte – ein Proviant, der sich später als lebensrettend erwies. Doch im Südwesten von Graz waren zu diesem Zeitpunkt Moores Besatzungsmitglieder bereits erschossen worden, und der Druck auf seine Bewacher, ihn auch zu töten, erhöhte sich minütlich. Polizeichef Haan selbst gab schließlich telefonisch den Mordbefehl.

Die Polizisten wurden aufgefordert, Moore zum nahe gelegenen Schloss Attems zu bringen: "Auf dem Weg dorthin erschießen Sie ihn, mit der Annahme, er hat die Flucht ergriffen." Doch Polizeileutnant Franz Turber, Revierinspektor Ernst Strohriegel und Heinrich Graf von Attems-Heiligenkreuz, der Besitzer des Grundstücks, auf dem das provisorische Polizeirevier stand, und der Einzige der Männer, der Englisch beherrschte, befolgten den Befehl nicht.

Sie gingen mit Moore nach Einbruch der Dunkelheit ans Murufer, gaben ihm die Ausrüstung mit Ausnahme seiner Pistole zurück und zeigten ihm den Zettel: "We are Austrians not Germans. Don't tell anyone!" Dann salutierten sie noch vor Moore und bedeuteten ihm, sich zu den Tito-Partisanen durchzuschlagen. Allerdings schickten sie ihn nach Norden. "Wohl damit er Suchstreifen der Gestapo entkommt", glaubt Hoffmann.

Moore fürchtete zwar, er würde von hinten erschossen, doch er lief los. Die Männer schossen dann in den Boden, um seine Ermordung vorzutäuschen. Drei Tage und Nächte schlug sich Moore – gestärkt durch den Proviant der österreichischen Kinder – durch Wälder und fand sich schließlich in Plankenwarth nördlich von Graz wieder. In der irrigen Annahme, er sei schon in Slowenien, bat er dort um Hilfe. Er wurde wieder gefangen genommen und landete im Gestapo-Gefängnis in Graz. Moore erlebte das Kriegsende dennoch – dank der Befehlsverweigerung der drei Männer in Gösting.

Zwölf Säulen, 41 Momentaufnahmen

Die Geschichte Moores ist in Hoffmanns Buch und in Auszügen auch auf einer von zwölf Litfaßsäulen, die noch bis 11. November im Grazer Joanneumsviertel stehen, dokumentiert. Fotograf Stefan Oláh hielt dafür exemplarisch zwölf Orte des NS-Terrors fest. Im Hof und im Untergeschoß des Museums wird die Ausstellung 41 Tage. Kriegsende 1945 – Verdichtung der Gewalt gezeigt. Das Kuratorenteam um Heidemarie Uhl und Georg Hoffmann thematisierte in 41 Momentaufnahmen und anhand der Erinnerungen von 41 historischen Persönlichkeiten die letzten Tage der NS-Diktatur.

41 Tage vergingen vom 29. März 1945, als die Rote Armee im Burgenland erstmals österreichischen Boden betrat, und dem Kriegsende am 8. Mai. Das Jahr der Befreiung werde bis heute von der Bevölkerung "als dunkles, negatives Datum" wahrgenommen, sagt Uhl, in den Schulbüchern als Jahr von "Not und Chaos" dargestellt. In den letzten 41 Tagen erschütterte ein "ungeheuerliches Ausmaß an Gewalt" das Land. Die Nazis betrieben "eine Politik der verbrannten Erde", so Uhl. Politisch Gefangene, die die Demokratie hätten wiedererrichten können, wurden gezielt ermordet – wissend, dass das Ende des "Dritten Reichs" nahte.

Tausende Juden wurden in ganz Österreich auf Todesmärsche geschickt. In der Steiermark von Eisenerz nach Hieflau: Hier wurden auf dem Präbichl am 7. April rund 200 ungarische Juden ermordet.

Ein anderer US-Flieger, Stanley Todd, wurde bei Kindberg abgeschossen. Er überlebte in der Kaserne Wetzelsdorf, nachdem man ihm tagelang immer wieder seine unmittelbar bevorstehende Erschießung angekündigt hatte. Todd wurde Ohrenzeuge eines der größten Massaker der Steiermark: Am 2. April erschossen Gestapo und Waffen-SS rund 230 Widerstandskämpfer, ungarische Juden und Kriegsgefangene in der Kaserne. Der verantwortliche Gauleiter Uiberreither wurde nie zur Rechenschaft gezogen. Er starb 1984 unter falschem Namen als freier Mann in Deutschland. (Colette M. Schmidt, 7.11.2015)

  • Frauen räumen in der Grazer Hans-Sachs-Gasse auf.
    foto: multimediale sammlungen, joanneum

    Frauen räumen in der Grazer Hans-Sachs-Gasse auf.

  • Das Schicksal einer in Thal bei Graz abgestürzten US-Besatzung blieb ungeklärt.
    foto: foto: multimediale sammlungen, joanneum

    Das Schicksal einer in Thal bei Graz abgestürzten US-Besatzung blieb ungeklärt.

  • Das einzige Foto, das den Todesmarsch bei Hieflau dokumentiert – fotografiert aus einer Dachluke.
    foto: foto: foto: walte

    Das einzige Foto, das den Todesmarsch bei Hieflau dokumentiert – fotografiert aus einer Dachluke.

  • Mac D. Moore überlebte, weil ihm Österreicher halfen.
    foto: privat

    Mac D. Moore überlebte, weil ihm Österreicher halfen.

  • Stanley Todd wurde Ohrenzeuge eines Massakers.

    Stanley Todd wurde Ohrenzeuge eines Massakers.

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