Vatikan: Kampf um Transparenz

6. November 2015, 17:05
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Widerstand konservativer Kreise gegen Papst Franziskus

Der Bericht fiel erschütternd aus: "Heiliger Vater, der Rechnungslegung des Heiligen Stuhls und des Governatorats mangelt es an jeglicher Transparenz." So begann ein Brief, den fünf internationale Revisionsunternehmen am 27. Juni 2013 an Franziskus schickten – vier Monate nach der Papstwahl. "Die fehlende Transparenz macht es auch unmöglich, eine Aussage über die tatsächliche finanzielle Situation des Vatikans (...) zu machen. Das impliziert auch, dass niemand wirklich die Verantwortung für die Finanzverwaltung übernehmen kann."

Insgesamt könne man die vatikanische Finanzverwaltung "bestenfalls als dürftig bezeichnen", und die Kosten seien außer Kontrolle geraten. "Die von uns geprüften Zahlen lassen eine sehr ungünstige Entwicklung erkennen, und wir hegen den starken Verdacht, dass der Vatikan als Ganzes ein ernsthaftes strukturelles Defizit ausweist."

Drohender Bankrott

Totales Chaos, also. Sofort erkannte der Neo-Papst, dass dem Kirchenstaat der Bankrott drohte. Daher ordnete er persönlich die Überprüfung der Vatikanfinanzen an. Wie ernst die Lage tatsächlich war, ahnte damals kaum jemand, nicht einmal die verantwortlichen Kurienkardinäle.

Dieser Brief ist nur eines von tausenden vertraulichen Dokumenten, die dem Journalisten Gianluigi Nuzzi zugespielt wurden, und ist in seinem neuen Buch Alles muss ans Licht nachzulesen (der STANDARD berichtete). Nachzulesen ist auch die Reaktion des Papstes bei einer Unterredung mit höchsten Kurienkardinälen: Sechzehn schier endlose Minuten dauerte die päpstliche Standpauke.

Vom beliebten jovialen Volkspapst war da wenig zu bemerken: Der "Neue vom anderen Ende der Welt" wetterte über Geldverschwendung in der Kurie, dubiose Investitionen, Zweckentfremdung von Spenden. Und er kündigte die Bildung von zwei Sonderkommissionen an, eine für die Vatikanbank IOR und eine für die Kurie. Die durch einen anonymen Informanten heimlich mitgeschnittene Besprechung fand am 3. Juli im Apostolischen Palast statt. "Mit diesem Tag", schreibt Nuzzi, "begann ein Krieg", der "bis heute andauert".

Heute, also mehr als zwei Jahre später, sind die Bemühungen des Papstes für mehr Transparenz zwar einigermaßen erfolgreich, aber nicht durchschlagend, denn die konservativen Seilschaften im Vatikan leisten weiterhin zähen Widerstand. (Dominik Straub aus Rom, 6.11.2015)

  • Franziskus: nach außen hin jovial, zur Kurie voller Strenge.
    foto: epa

    Franziskus: nach außen hin jovial, zur Kurie voller Strenge.

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