Warum wir uns heute nicht mit Goodspeedstrahlen durchleuchten

7. November 2015, 16:08
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1890 verpasste ein US-Physiker die Chance seines Lebens

Würzburg/Washington – Wer zu spät kommt ... den vergisst die Geschichte. Vor 120 Jahren, am 8. November 1895, entdeckte der deutsche Physiker Wilhelm Conrad Röntgen (1845-1923) gänzlich ungeplant das, was er daraufhin "X-Strahlen" nannte und was im Deutschen und einer Reihe anderer Sprachen ihm zu Ehren als Röntgenstrahlen bezeichnet werden sollte.

Verpasste Chance

Es hätten auch Goodspeedstrahlen werden können. Der US-amerikanische Physiker Arthur W. Goodspeed gehörte zu einer Reihe europäischer und amerikanischer Wissenschafter, die ab den 1880er Jahren auf Effekte von Röntgenstrahlung gestoßen waren, ohne diese aber einordnen zu können. Goodspeed dokumentierte diese immerhin fünf Jahre vor Röntgen.

Der entscheidende Unterschied zu Röntgen jedoch: Goodspeed ging der Sache nicht weiter nach. So erhielt Röntgen 1901 den allerersten Nobelpreis für Physik, während Goodspeed dem Vergessen anheimfiel.

Entdeckung ohne Folgen

Goodspeed wollte mit einem Fotografen durch Funkeninduktoren erzeugte Blitzentladungen fotografieren, um sie später mit Aufnahmen von natürlichen Blitzen zu vergleichen. An einem Abend im Februar 1890 soll Goodspeed dem Fotografen auch die faszinierenden Leuchterscheinungen in Glasröhren gezeigt haben, die von Kathodenstrahlung ausgelöst werden. Neben der Röhre lagen noch unbelichtete Fotokassetten mit Münzen und Gewichtsplatten darauf.

Tage später entdeckten die beiden schließlich beim Entwickeln der Fotoplatten merkwürdige, runde Strukturen auf den Bildern. Doch statt der Sache auf den Grund zu gehen, ging Goodspeed von einem Fabrikationsfehler aus und legte die Platten einfach zur Seite.

Sechs Jahre später, als Röntgens Entdeckung in aller Munde war und auch Goodspeed davon erfuhr, machte er sich doch noch mal über die Strukturen Gedanken. Dabei wurde ihm klar: Er hatte unbemerkt die erste Röntgenaufnahme von Münzen gemacht. "Wegen unserer Nachlässigkeit der Sache nachzugehen, können wir keinerlei Ansehen dafür beanspruchen", bedauerte er noch 1929 in einem Brief an einen Röntgen-Biografen. (APA, red, 7. 11. 2015)

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