Erste Tests des Blackberry Priv: Beendet Android die Smartphone-Tragödie?

7. November 2015, 10:17
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Viel Lob für Smartphone mit ausfahrbarer Tastatur, Kamera als Schwachpunkt

Es war zuerst das iPhone und dann Android, die den kanadischen Smartphone-Pionier aus seinem einstigen Vorzeige-Geschäft drängten. Blackberry hält hier mittlerweile bei einem Marktanteil von weit unter einem Prozent, selbst Samsungs ewige Zukunftshoffnung Tizen hat mittlerweile mehr Verbreitung gefunden.

Mehrmals hat das Unternehmen versucht, auf den "Reset"-Knopf zu drücken. Widerwillig versuchte man es mit einer Politur für Blackberry OS und Touchscreen-Telefonen. Schließlich wurde das Betriebssystem komplett überarbeitet, doch auch Blackberry OS 10 stieß auf wenig Interesse. Adaptionen der klassischen Slider und eigenwillig anmutende Exoten wie das Passport konnten das Geschäft ebenfalls nicht beflügeln.

Nächster Neustart

Nun hat der Hersteller doch den Schritt zu Android gewagt, der ihm von Beobachtern lange vorhergesagt worden war. "Priv" nennt sich die Kombination aus großem Smartphone und einer ausfahrbaren Tastatur. Nachdem der WebStandard vor einigen Wochen ein Vorserienmodell begutachten konnte, ist das Smartphone nun fertig. Und es liegen die ersten Rezensionen vor.

Starke Hardware

Der damalige Eindruck wird von Wired und dem Wall Street Journal großteils bestätigt. Das 5,4-Zoll-Display mit 2.560 x 1.400 Pixel Auflösung lässt keinen Grund zur Klage. Eingebettet ist es in ein robust wirkendes Gehäuse, das sicher in der Hand liegt. Mit Maßen von 147 x 77,2 x 9,4 Millimeter und 192 Gramm ist das Telefon recht groß und nicht besonders leicht.

Unter der Haube werkt ein Snapdragon 808 mitsamt drei GB RAM, es gibt 32 GB Onboardspeicher, der sich mittels microSD erweitern lässt. Das Handy unterstützt alle gängigen Konnektivitätsstandards und alle relevanten LTE-Frequenzen.

Sicherheit

An Bord ist ein weitgehend unverändertes Android 5.1-System, ausgestattet mit diversen Blackberry-Apps. Bemerkenswert sind hier vor allem die Sicherheitsfunktionen. Eine App namens DTEK wacht über die Sicherheitseinstellungen und berichtet über etwaige Probleme und Defizite. Der aktuelle Status wird dabei in einer einfachen Skala visualisiert. Darüber hinaus beinhaltet sie eine detailierte Rechteverwaltung, in der sich etwa festlegen lässt, welche Apps Zugriff auf die Kamera oder den Standort haben dürfen.

Der Speicher des Geräts ist dazu vom Start weg mittels FIPS 140-2 verschlüsselt, wie es auch bei neuen Geräten von Samsung, Apple und der Nexus-Reihe unterstützt wird. In die Hardware eingebettete Schlüssel sollen Manipulationen am Betriebssystem verhindern. Dazu hat Blackberry selbst den dem Android-System zugrunde liegenden Linux-Kernel zusätzlich abgesichert, um es proaktiv vor etwaigen Sicherheitslücken abzuschirmen. Ob diese Maßnahme hält, was sie verspricht, bleibt allerdings noch abzuwarten.

Lob für eigene Apps

Dazu gesellt sich der Blackberry Hub. Die vielgeschätzte Nachrichtenzentrale vereint die Kommunikation über verschiedene Kanäle und erleichtert damit drastisch die Übersicht. Ihre Umsetzung für Android ist laut den Testern gelungen.

Mit dem Schritt zu Android sind die Nutzer nun nicht mehr an Blackberrys eigenen, relativ limitierten Store oder das Sideloading von Apps gezwungen, sondern haben Zugriff auf das umfassende Sortiment des Play Stores. Der Mangel an guten Apps – ein absolut schwerwiegendes Defizit – ist somit behoben. Dazu unterstützt das Gerät somit auch vollumfänglich die von vielen genutzten Google-Services.

Tastenfrage

Der große Unique Selling Point ist allerdings die Tastatur. Sie lässt sich über einen stabilen Schiebemechanismus nach unten herausziehen und bringt vier Reihen an schuppenartig angeordneten Tasten mit.

Damit soll es möglich werden, Texte deutlich schneller und mit weniger Fehlern oder Autocorrect-Disastern zu verfassen. Allerdings benötigt dies eine längere Eingewöhnungszeit. Touchscreen-Veteranen dürften einige Wochen brauchen, bis sie auf dem Kunststoff-Keyboard konkurrenzfähig sind. Hinderlich ist allerdings, dass die Tasten ausgesprochen klein sind.

Als praktisch erachtet wird die "Touchpad"-Fähigkeit der Tastatur. Durch das Streichen über die Tasten lässt sich beispielsweise durch den Posteingang scrollen, ohne einen Teil des Displays zu verdecken. Bemängelt werden allerdings Konsistenzprobleme. Bei Googles Inbox ist es etwa möglich, auf diese Weise durch die Mailübersicht zu blättern. Bei der Ansicht einzelner E-Mails funktioniert dies jedoch nicht.

Enttäuschende Kamera

Mit achtzehn Megapixel Auflösung, 4K-Videofunktion, Dualtone-Blitz und optischer Bildstabilisierung bringt die Kamera an sich sehr gute Spezifikationen mit. Fotos unter Tageslicht geraten ganz passabel. Mit eintretender Dunkelheit leidet die Kamera jedoch unter verlangsamter Auslösezeit und deutlich wahrnehmbarem Rauschen. Die Frontkamera ist mit zwei Megapixel eher mager ausgestattet, bringt aber immerhin einen Panoramamodus für Gruppenaufnahmen mit.

Shakespeare lässt grüßen

In Summe holt Blackberry mit dem Priv weitestgehend auf die Konkurrenz auf, was den Schritt zu Android zum möglichen Ende der "Shakespeare‘schen Tragödie" machen könnte. Ob man mit dem Handy im preislichen Premium-Segment (780 Euro) wirklich zurück in die Spur findet, ist unter den Kritikern umstritten.

Das Priv könnte einstige Blackberry-User zurückgewinnen, meint man beim Wall Street Journal und sieht sogar einen potenziellen iPhone-Konkurrenten in dem Gerät. Bei Wired klingt man deutlich pessimistischer: "Das Priv fühlt sich an wie ein erster Schritt zu einem Gerät, dass die Lücke zwischen Arbeit und Spiel füllen könnte. Ein verheißungsvoller erster Schritt, aber einer, den das Unternehmen schon vor Jahren hätte machen sollen." (gpi, 07.11.2015)

  • Das Blackberry Priv könnte alte Liebe wieder entflammen lassen, meinen die Einen. Die Anderen sehen einen richtigen Schritt, der jedoch viel zu spät kommt.
    foto: derstandard.at/pichler

    Das Blackberry Priv könnte alte Liebe wieder entflammen lassen, meinen die Einen. Die Anderen sehen einen richtigen Schritt, der jedoch viel zu spät kommt.

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