Bäume "erinnern" sich an historische Zeiten von Hunger und Not

9. November 2015, 05:30
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Forscherteam zog Baumringanalysen als Spiegel der menschlichen Geschichte heran

New York – Naturkatastrophen beziehungsweise klimatische Veränderungen, die die große europäische Hungersnot von 1315 bis 1317 und andere historische Ereignisse ausgelöst haben, finden ihren Niederschlag auch im unterschiedlich starken Wachstum von Baumringen. Dieses natürliche "Datenarchiv" ist zur Basis des neuen "Dürre-Atlas der Alten Welt" (Old World Drought Atlas, OWDA) geworden. Die Baumringanalysen bieten einen einzigartigen Rückblick in die Klimageschichte Europas, des Mittleren Osten und Nordafrikas seit dem Mittelalter.

Historie im Spiegel von Baumringen

So bestätigen die Jahr für Jahr ausgewerteten Baumringe auch Berichte über die großen Dürren von 1540, 1616, 1893 und 1921 in verschiedenen Teilen Europas. Für den "Großen Hunger", der fast ganz Europa von 1315 bis 1317 heimsuchte und viele Millionen Menschenleben forderte, waren anhaltende Regenfälle und Überschwemmungen verantwortlich, die Missernten verursachten und Vorräte vernichteten: Auch für diese extreme Nässe liefert der OWDA viel Material.

"Das OWDA-Material bestätigt historische Beschreibungen von schwerer Dürre und Nässe mit einer räumlichen Lückenlosigkeit, die es zuvor nicht gab", schreiben Forscher um Edward R. Cook von der Columbia State University (New York) im Fachjournal "Science Advances".

Seit 2004 waren bereits entsprechende Atlanten für Nordamerika (Northern Hemisphere Drought Atlas, NHDA) und Teile Asiens (Monsoon Asia Drought Atlas, MADA) entstanden. Cook und Kollegen verglichen nun die verschiedenen Klimarückblicke. Generell gebe es wenig Übereinstimmung in Länge, Stärke und Zeitabschnitt von trockenen und feuchten Phasen zwischen Europa, Asien und Nordamerika in den vergangenen 1.000 Jahren, schreiben sie. Allerdings stimmten während der Mittelalterlichen Klimaanomalie – einer Warmphase zwischen 1000 und 1200 – sowie der "Kleinen Eiszeit" (1550-1750) einige heftige Dürren in Europa, Asien und Nordamerika in Länge und Stärke überein.

Dürren in der gesamten Nördlichen Hemisphäre vor dem 20. Jahrhundert scheinen schlimmer, großflächiger und langanhaltender gewesen zu sein – ohne dass sie die Gründe dafür ausreichend verstehen würden, schreiben die Forscher.

Einschränkungen

"Die Arbeiten von Cook und Kollegen sind sehr wertvoll und wichtig. Allerdings erlauben die Rekonstruktionen nur Rückschlüsse auf Sommerfeuchte- und Trockenbedingungen", sagt Jürg Luterbacher von der Universität Gießen. "Zusätzlich sind sie mit Unsicherheiten behaftet, besonders in Regionen wie dem Mittelmeerraum, wo die Bäume eher ein Feuchtesignal für Spätwinter und Frühling liefern, und in Nordeuropa und der Alpenregion, wo Bäume eher auf Sommertemperaturen reagieren."

Auch Armin Bunde, ebenfalls von der Universität Gießen, sieht die Studie kritisch. "Wir haben in der letzten Zeit gelernt, dass Niederschläge und Temperaturen, die aus Baumringdaten rekonstruiert werden, die Persistenz des Klimas deutlich überschätzen, und damit auch die Dauer und Stärke von historischen Dürreperioden und Warmphasen", meint Bunde. "Ein Dürreatlas aufgrund von Baumringdaten ist damit automatisch stark fehlerbehaftet." (APA, red, 9. 11. 2015)

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