Tierethik: Vom Essen und Nichtessen von Fleisch

6. November 2015, 16:22
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Fachtagung zu artgerechter und nachhaltiger Tierhaltung – Sozialpsychologin Melanie Joy: "Wir werden zum Fleischkonsum konditioniert"

Wien – Fleischkonsum bietet nicht nur ob der Frage, wie gesund er ist, Diskussionsstoff. Ob wir Fleisch, Fisch und Tierprodukte essen, ist auch eine ethische Frage, die die Leiterin der Wiener Umweltschutzabteilung (MA 22), Karin Büchl-Krammerstätter, am Donnerstag so umriss: Ob jemand Fleisch isst oder nicht, sei zwar eine persönliche Entscheidung, zwei Dinge seien dabei aber nicht akzeptabel: Fleisch oder Fisch wegzuwerfen – dann sei das Tier für den Müll gestorben –, und in Kauf zu nehmen, dass ein Tier während seines Lebens gelitten hat.

Wie Tierleid in der Lebensmittelproduktion vermieden werden kann, darum ging es bei einer Fachtagung, die die MA 22 als Kickoff zu ihrer Initiative "Guter Geschmack – Gutes Gewissen" veranstaltete. Ziel der Initiative sei es, Bewusstsein bei Konsumenten zu schaffen, aber auch Projekte und Unternehmen miteinander zu vernetzen, die sich alternativen Formen der Lebensmittelproduktion und des Konsums verschrieben haben; vom Bauern, der auf artgerechte Haltung setzt, bis zu den Wiener Pensionistenwohnhäusern, die auf regionale Bioküche und Abfallvermeidung setzen. Unter den Vortragenden fanden sich eine Klimaforscherin, ein Theologe und Ethiker sowie ein "Ur-Kraft"-Bauer.

Stress- und leidfreies Töten

Tanja Kutzer von der Schweizer Organisation KAG Freiland für artgerechte Tierhaltung beantwortete die Frage, ob wir berechtigt sind, Tiere für unseren Genuss zu töten, mit Ja. Es sei aber unsere Pflicht, dabei "möglichst stress- und leidfrei vorzugehen" – etwa indem die Tiere schon in gewohnter Umgebung betäubt werden, anstatt sie einer Angstsituation auszusetzen.

Für die amerikanische Sozialpsychologin Melanie Joy ergibt sich die ethische Dimension an der Frage des Fleischkonsums auch dadurch, ob wir Fleisch zum Überleben brauchen: "Wenn ein Verhalten nicht mehr notwendig ist, sondern zu einer freien Wahl wird, dann verändert sich dadurch seine ethische Dimension."

Karnismus, Sexismus, Rassismus

Joy lehrt an der Universität von Massachusetts in Boston und prägte in ihrer Doktorarbeit an der Harvard-Universität erstmals den Begriff Karnismus. Der Begriff lehnt sich bewusst an andere Ismus-Begriffe wie Sexismus oder Rassismus an.

Denn die psychologischen Mechanismen, die dazu führten, dass wir fähig sind, andere Menschen oder Gruppen von Menschen zu unterdrücken, zu diskriminieren, zu verletzen oder zu töten, seien dieselben wie jene, aufgrund derer wir Tiere töten und essen können. Es gehe in allen Fällen um ein Sich-Abkoppeln von unserem angeborenen Einfühlungsvermögen. Zu diesem Abkoppeln würden wir konditioniert, sagte Joy im STANDARD-Gespräch.

Kritik an Biofleisch

Wir würden lernen, dass das Essen bestimmter Tiere "normal, natürlich und notwendig" sei. Karnismus kann als gesellschaftliche und institutionalisierte Rechtfertigung und Konditionierung verstanden werden, die auch erkläre, warum es normal erscheint, ein Schwein zu essen, aber nicht etwa einen Hund. Oder warum es uns weniger schlimm erscheint, ein Tier zu töten als einen Menschen zu töten. Joy ist überzeugt, dass wir vom Fleischkonsum wegkommen würden, wenn wir uns dieses Karnismus bewusst würden. Wie etwa bei Sexismus sei eine Veränderung erst durch Bewusstwerdung möglich.

Joy kritisierte auch den Konsum von Biofleisch: "Würden wir es in Ordnung finden, einen glücklichen und gesunden Golden Retriever zu schlachten, um ihn zu essen?" Die Debatte um Biofleisch sei aber ein Schritt in die richtige Richtung. Er zeige, dass uns Tiere nicht egal sind. (Christa Minkin, 6.11.2015)

  • Fleisch wegwerfen ist für Büchl-Krammerstätter ein No-Go – dann sei das Tier für den Müll gestorben.
    foto: ap / harald tittel

    Fleisch wegwerfen ist für Büchl-Krammerstätter ein No-Go – dann sei das Tier für den Müll gestorben.

  • Würden wir einen Golden Retriever aus artgerechter Tierhaltung essen?
    foto: ap photo

    Würden wir einen Golden Retriever aus artgerechter Tierhaltung essen?

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