Vom Fahrradfahren bekommt man keinen breiten Po

Reportage8. November 2015, 09:07
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Wenn Candra Cahaya mit ihrer Flasche voll Würfelzucker ausrückt, hat sie viel vor: Sie will ihr Gesundheitswissen an andere Migrantinnen weitergeben

Wien – Candra Cahaya gestikuliert wild vor sich hin, schlürft, schmatzt. Die Frauen aus Bangladesch, Afghanistan und Bulgarien lachen. Immer neue Beispiele fallen ihnen ein, um der frisch dazugestoßenen Kursteilnehmerin aus dem Iran das Wort "süchtig", das Cahaya so eindringlich darzustellen versucht, auf Englisch, Arabisch, mit Händen und Füßen zu erklären. Am Ende geht sie dann trotzdem mit Google Translator auf Nummer sicher, um zu verstehen, dass zu viel Zucker nicht nur schlecht für die Zähne ist, sondern auch süchtig machen kann.

Das Projekt "MiMi – Gesundheit mit Migranten für Migranten in Europa" ist an diesem Vormittag zu Gast in der Volksschule Am Hundsturm. Zweimal pro Woche treffen sich hier zehn Migrantinnen zum Basisbildungskurs "Mama lernt Deutsch". Gelernt wird möglichst lebensnah. Am Ende sollen sich die Mütter selbst zurechtfinden in der Stadt, das nötige Sprachwerkzeug und Verständnis für die Kommunikation mit Kindergärtnerinnen, Lehrkräften, bei Behörden – oder eben auch im Bereich Gesundheit gewinnen. Deshalb ist Frau Cahaya heute zu Gast. Sie ist eine von 93 Gesundheitslotsinnen, die aktuell in Wien im Einsatz sind – ehrenamtlich. Lediglich eine Aufwandsentschädigung erhalten die Kursanbietenden.

Locker statt einsam

Candra Cahaya ist aus einem anderem Grund dabei: "Als ich vor 15 Jahren nach Österreich gekommen bin, war ich so einsam." Bei den zahlreichen Amtswegen habe man sie ausgelacht, erzählt die gebürtige Chinesin, die in Indonesien aufgewachsen ist. Vor drei Jahren dann habe sie, die sich selbst als "Gesundheitsfreak" bezeichnet, beschlossen, ihr Wissen anderen weiterzugeben. Sie ist dankbar, dass sie bei MiMi genommen wurde, ist doch "ihre" Community selbst in der Hauptstadt eine überschaubar kleine. Auch auf der anderen Seite ist man dankbar für den Einsatz der lustigen kleinen Frau und das neu gewonnene Wissen: "Sie können mit mir locker sprechen, ich glaube, weil ich auch Migrantin bin", sagt Candra Cahaya.

Zu verführerisch

Da bekommt sie oft zu hören, dass Joggen leider nicht möglich sei, weil "zu verführerisch". Im Kreis der türkischen Zuwanderinnen halte sich hartnäckig das Gerücht, "dass man vom Fahrradfahren einen breiten Hintern bekommt". Eine häufig an sie gerichtete Frage ist auch, ob man nach dem Essen trinken darf.

Die Gesundheitslotsin ist auf alles vorbereitet. Auf Deutsch, Englisch, Türkisch, Bulgarisch und Farsi hat Frau Cahaya Begriffe, die für das Verständnis wichtig sind, in ihren heutigen Arbeitsunterlagen aufbereitet. So lernt an diesem Vormittag eine der Mütter, dass der tägliche Energydrink für ihren zehnjährigen Sohn nicht das Beste ist. Eine Glasflasche mit 13 Stück Würfelzucker hilft zu veranschaulichen, wie viel davon in diversen Softdrinks steckt. Die Damen aus Afghanistan geloben daraufhin, ihren Tee etwas weniger zu süßen.

Dass Menschen mit Migrationshintergrund ein höheres Krankheitsrisiko haben, Vorsorgeangebote weniger in Anspruch nehmen, mit sprachlichen und kulturellen Hürden im Gesundheitssystem zu kämpfen haben: Das ist so und wurde erst unlängst wieder durch eine Studie der Arbeiterkammer bestätigt. "Mammografie" schreibt Frau Cahaya also für die MiMi-Gruppe auf die Tafel. Die Kinder spielen nebenan.

Manchmal funktioniert MiMi auch ganz anders. Manche Kursleitenden arbeiten mit Piktogrammen, andere gehen in Moscheen, Kulturzentren oder nach Hause zu "ihrer" Zielgruppe. Fast immer informieren die Lotsinnen – rund ein Viertel davon Männer – in der Muttersprache der Teilnehmerinnen, Frau Cahaya ist die Ausnahme. Im Oktober wurde die Initiative, die bereits 2003 vom deutschen Ethno-Medizinischen Zentrum gestartet worden war, mit dem European Health Award ausgezeichnet.

Bei Verhinderung: Absagen

Die Volkshilfe ist in Wien und Oberösterreich Kooperationspartnerin, von hier wurde auch Frau Cahaya geschickt. Neben den Schulungen zur Gesundheitslotsin hat sie sich zur Vertiefung ihres Wissens zur Ernährungsberaterin ausbilden lassen. An diesem Vormittag hat sie auch einen schriftlichen Leitfaden für das österreichische Gesundheitssystem mit dabei. Dass man beim Arzt absagen muss, wenn man verhindert ist, sagt sie selbstverständlich dazu. Nebenbei gibt es Tipps für den Alltag – etwa wie man kostengünstiges Waschmittel aus aufgeschnittenen Kastanien plus Wasser herstellen kann.

Den Frauen im Kurs scheint das zu gefallen. Auch wenn die junge Bulgarin Denitsa Pauschenwein, deren Deutschkenntnisse bereits sehr gut sind, hinterher befindet, dass sie nicht viel Neues erfahren habe. "Hast du gewusst, dass du nach dem Orangensaft nicht gleich Zähne putzen sollst?", fragt daraufhin Frau Cahaya. Nein, das war neu. Und dass sie heute so viel Deutsch sprechen konnte, hat Denitsa auch gefallen. Nächste Woche wird die MiMi-Mitarbeiterin noch einmal kommen. Das ist zwar eigentlich nicht vorgesehen, Frau Cahaya hat aber ein Anliegen. Vielleicht mixt sie dann einen ihrer beliebten Smoothies.

Einige wenden bereits an diesem ersten Kurstag ihr neu gewonnenes Gesundheitswissen an. Ganz selbstverständlich mischt die Dame aus Afghanistan bereits ihren Becher Orangensaft mit Wiener Leitungswasser. Dass dessen Qualität hervorragend ist, hat sie ebenfalls hier bei MiMi erfahren. (Karin Riss, 8.11.2015)

  • Etwas von beidem: MiMi will Menschen mit Migrationshintergrund helfen,  sich besser im Gesundheitssytem zurechtzufinden. Auch was gesund ist und was nicht, wird besprochen.
    foto: karin riss

    Etwas von beidem: MiMi will Menschen mit Migrationshintergrund helfen, sich besser im Gesundheitssytem zurechtzufinden. Auch was gesund ist und was nicht, wird besprochen.

  • Candra Cahaya, Gesundheitslotsin und -freak.
    foto: karin riss

    Candra Cahaya, Gesundheitslotsin und -freak.

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