Wohn- und Immobilienprofis über den Trend zum Wohnturm

7. November 2015, 15:29
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Makler, Bauträger und Umzugsexperten geben eine Einschätzung ab

Sandra Bauernfeind, Maklerin: Vom Platzbedarf her sei es "sehr gescheit", dass nun auch in Wien immer mehr Wohnhochhäuser gebaut werden, sagt EHL-Wohnimmobilienexpertin Sandra Bauernfeind. Sie vermarktete den Citygate-Wohnturm in Floridsdorf, "und da haben wir festgestellt, dass Wohnungen im Wohnturm von einem urbanen Publikum schon sehr gerne angenommen werden – als eine neue, lässige Art des Wohnens". Wegen der guten Anbindung zur Uno-City über die U1 habe man dort auch sehr viele internationale Käufer gehabt, für die Wohntürme meist nichts Neues mehr sind. Das Liftvolumen und der Wind seien die wichtigsten Themen in Verkaufsgesprächen, sagt Bauernfeind, sowie die Betriebskosten. Letztere habe man heute aber "mittlerweile ganz gut im Griff". Ein wichtiges Thema sind aber auch zusätzliche Stauräume, "denn vom 30. oder gar 40. Stockwerk ist es doch recht weit in den Keller". Hier könne man etwa unbelichtete Flächen in den jeweiligen Stockwerken den Mietern bzw. Eigentümern als zusätz- liche Staufläche anbieten. (mapu)

Michael Gehbauer, Bauträger: "Wien wächst. Nicht nur durch die Bevölkerungszunahme, sondern auch in die Höhe – und das ist gut so", sagt Michael Gehbauer, Geschäftsführer der Wohnbauvereinigung für Privatangestellte (WBV-GPA). Lange Zeit sei es in Fachkreisen umstritten gewesen, "ob das Wohnen im Hochhaus ein sinnvolles Angebot darstellt". Seit einigen Jahren schon sei das Wohnen in Hochhäusern aber auch in Wien populär. Die Erfahrungen mit dem von der WBV-GPA errichteten, 2007 eröffneten Wohnturm K6 in der Kundratstraße in Wien-Favoriten hätten dann aber gezeigt, "dass Wohnen mit Aussicht ein Thema ist. Die tägliche Aussicht fasziniert und entschädigt für vieles, z. B. das Fehlen einer Grünfläche – die jedoch in der Stadt ohnedies mehr Traum als Wirklichkeit ist." Wien habe mit den neuen Wohnhochhäusern "unverkennbar an Profil gewonnen", so Gehbauer. Dass die Bundeshauptstadt ihre Wohnungsnachfrage zunehmend in der Höhe erfüllen müsse, sei deshalb "kein Nachteil für die Wohnungssuchenden, sondern eine neue Qualität". (zof)

Cornelia Ehmayer, Stadtpsychologin: Wohnen im Hochhaus passe "nur zu einer bestimmten Personengruppe bzw. einer bestimmten Lebensphase", sagt "Stadtpsychologin" Cornelia Ehmayer. Nämlich: "Vor der Familiengründung oder wenn die Kinder wieder ausgezogen sind." Generell sei es natürlich eine Preisfrage, "aber man findet im Hochhaus keine Familien mit fünf, sechs Kindern". Was man dort laut Ehmayer stattdessen viel eher findet, sind Bewohner, die "tendenziell unglücklicher und öfter krank als andere" sind. Das habe eine Metastudie von Robert Gifford eindeutig gezeigt, "und das ist so, weil ein gewisser Gemeinschaftssinn fehlt. Wer dauernd mit dem Lift fährt, trifft nur selten jemanden. Wer Stiegen steigt, trifft seine Nachbarn öfters und kennt sie, zumindest vom Sehen." Im Hochhaus vereinsamt man eher und hat dadurch ein größeres Krankheitsrisiko, "das sagen alle Studien seit den 1950er-Jahren. Soziale Isolierung führt sehr oft – vor allem, wenn man älter und auf Unterstützung angewiesen ist – zu einem Verlust von Wohlbefinden bis hin zu Depressionen." (mapu)

Richard Buxbaum, Makler: "Es zählt zu jeder Metropole dazu, dass es auch Wohntürme geben muss. Ich bin deshalb über die derzeitige Entwicklung in Wien sehr froh", sagt Richard Buxbaum, Leiter der Wohnimmobilien bei Otto Immobilien. In manchen Städten funktioniere dieses Segment schon sehr gut, für Wien sei es noch ein sehr neuer Markt. Vor allem internationales Publikum, das Leben im Wohnturm schon von anderswo gewohnt ist, würde sich nun auch in Wien für Wohntürme interessieren. Österreichische Interessenten ohne internationalen Background hätten hingegen oft noch keine rechte Vorstellung davon, was es heißt, im Hochhaus zu wohnen. "Aber es gibt auch Österreicher, die sagen: 'Diese Wohnform ist genau das, was ich suche.'" Der Maklerprofi sieht ein gewisses Problem in der Vermarktung der vielen neu entstehenden Turm-Wohnungen wegen der großen Stückzahl bei den einzelnen Projekten. "Zwischen 300 und 800 entstehen da auf einen Schlag, da braucht es schon einen gewissen USP, um alle an den Mann zu bringen." (mapu)

Doris Schmid, Umzugsexpertin: Bei den Transporteuren bemerke man keine Häufung von Umzügen ins Hochhaus, berichtet Doris Schmid vom Fachverband Güterbeförderung in der WKO. Ein Vorteil der Wohntürme im Vergleich zu älteren, wenn auch niedrigeren Gebäuden sei der in neuen Hochhäusern immer vorhandene Aufzug, mit dem Möbel schnell in das 20. Stockwerk und höher transportiert werden können. Problematischer werde es, wenn sperrige Güter – etwa ein Klavier – nicht in den Lift passen und über das Stiegenhaus hinaufgetragen werden müssen. Dafür könnten Aufschläge von bis zu 50 Euro pro Stockwerk verrechnet werden. Ist auch das Stiegenhaus zu eng, sei ein Transport über Fenster oder Terrasse möglich. "Ein seriöses Umzugsunternehmen schaut sich aber die Gegebenheiten an der Abhol- und der Bringadresse vor Erstellung eines Kostenvoranschlags an", so Schmid. Oft werde in die neue Wohnung auch gar nicht so viel mitgenommen und stattdessen Neues direkt im Möbelgeschäft geordert – was dann von den Händlern direkt zugestellt wird. (zof, 7.11.2015)

  • Sandra Bauernfeind, Maklerin.
    foto: ehl

    Sandra Bauernfeind, Maklerin.

  • Michael Gehbauer, Bauträger.
    foto: newald

    Michael Gehbauer, Bauträger.

  • Cornelia Ehmayer, Stadtpsychologin.
    foto: ehmayer

    Cornelia Ehmayer, Stadtpsychologin.

  • Richard Buxbaum, Makler.
    foto: otto immobilien

    Richard Buxbaum, Makler.

  • Doris Schmid, Umzugs-Expertin.
    foto: wkö

    Doris Schmid, Umzugs-Expertin.

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