"Crisscross": Intervenieren statt retuschieren

6. November 2015, 16:36
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Die Galerie Raum mit Licht zeigt "fehlerhafte" Fotografien von Eva Stenram und Käthe Hager von Strobele

Der erste Fehler ist schnell gefunden. Schließlich liegt anstelle des ganzen Körpers nur ein bestrumpftes Bein auf dem Bett. Nichts deutet darauf hin, dass etwas Gewalttätiges stattgefunden hätte, und doch wirken die Schwarz-Weiß-Collagen von Eva Stenram ein wenig brutal.

Ausgangspunkt ihrer Serie Parts (2013-2014) sind Pin-up-Fotografien aus den 1960er-Jahren, für die man leichtbekleidete Frauen in Wohnräumen fotografiert hat. In den für die Zeit typischen Interieurs wurden sie in lasziven Posen auf Betten, Sofas oder auch auf dem Boden inszeniert, wo man jetzt nur noch Fragmente, vorwiegend Beine sieht.

Die in London lebende schwedische Künstlerin (geb. 1976) hat die Bilder, die nun in der Galerie Raum mit Licht zu sehen sind, bearbeitet und dem Großteil der Körper jene stoffliche Oberfläche verliehen, die die Frauen auf den Originalen umgibt: weiße Bettwäsche, Brokatstoffe oder auch die Textur von Wollteppichen. Damit hat sie den ursprünglichen Gehalt des erotisch aufgeladenen Bildmaterials stark reduziert, mit dem man nun eher Surreal-Albtraumhaftes assoziiert als etwas Anzügliches.

Dass die Künstlerin, die unter anderem am Londoner Royal College of Art studiert hat, eine Verunklärung des ehemals "Heimeligen" interessiert, legt in der Ausstellung Crisscross noch eine weitere Serie nahe: In Drape (2011- 2014) betont Stenram ebenfalls das Moment des Verhüllens, in dem sie über die Pin-ups an die TV-Serie Twin Peaks erinnernde Vorhänge legt.

Sehgewohnheiten irritieren

Der Künstlerin Käthe Hager von Strobele (geb. 1981 in Bozen) ist diese Herangehensweise vermutlich nicht fremd. Auch sie arbeitet an der Irritation üblicher Sehgewohnheiten und eingefahrener Muster, indem sie Bilder manipuliert. Während Stenram das hauptsächlich mit digitalen Mitteln versucht, nutzt Hager von Strobele etwa auch Ventilatoren oder Lautsprecherboxen, um Bildstörungen auszulösen.

In ihrer Fotoserie Moiré (2015) bilden klassische Männerhemdkaros sowie Streifen- und Tupfenmuster das Ausgangsmaterial, das sie mit diversen Haushaltsgeräten sanft "animiert". Auch diese sind Teil ihrer Fotografien und verantworten jene Bewegung, die für die Interferenz der Motivstrukturen mit dem Kamerasensor verantwortlich ist. Mit kleinen "Fehlern" in der Oberflächenstruktur verkehrt Hager von Strobele in gewisser Weise die Methode des Retuschierens; vielmehr führt sie gerade die Konstruiertheit und Manipulierbarkeit der uns umgebenden (auch der digitalen) Bilderwelt vor.

Stoffmuster befreien

In eine ähnliche Kerbe schlägt auch die Arbeit exterior/interior (2015), in der Hager von Strobele Stoffmuster von ihren üblichen ideologischen Projektionen zu befreien versucht. Sie hat das zum Teil auch ganz wortwörtlich genommen und Kleidungsstücke in der freien Wildbahn – oder besser in öffentlichen Räumen – platziert: etwa neben Marterln oder aber auch am Dorfbrunnen, wo altmodische Outfits mit neuen Mustern camouflageartig in der Umgebung aufgehen.

Spannender sind allerdings jene Versuche, mit denen die PhD-Kandidatin an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz noch tiefer hinein in den Moiré-Effekt geht: Es handelt sich dabei um reduzierte Fotogramme, für die sie Transparentfolien überlagert hat. Ziel war auch hier eine bewusste Störung, was in einer laufend an der Bildoptimierung laborierenden Welt eine durchaus widerständige Komponente hat. (Christa Benzer, Album, 6.11.2015)

"Artist Talk & Tea" im Rahmen der Vienna Art Week, 22. 11., 15.00

Bis 28. 11., Galerie Raum mit Licht

Kaiserstraße 32, 1070 Wien

  • Eva Stenram lässt Textilien fallen – vor lasziven Posen: Collagen aus ihrer Serie "Drape" (2011-2014).
    repro: galerie raum mit licht

    Eva Stenram lässt Textilien fallen – vor lasziven Posen: Collagen aus ihrer Serie "Drape" (2011-2014).

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