Ein Speckgürtel lernt vom anderen

12. November 2015, 09:00
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Nicht nur Wien und sein Umland wachsen, auch Bratislava hat sich einen Speckgürtel zugelegt, der bis ins Nordburgenland reicht. Eine neue Studie hat sich diese grenzüberschreitenden Wohnmodelle angesehen

Von Bratislava bis ins Nordburgenland ist es nur ein Katzensprung: 45 Kilometer sind es beispielsweise nach Neusiedl am See. Weil die Immobilienpreise rund um die wachsende Stadt Bratislava steigen, entscheiden sich immer mehr Slowaken fürs Wohnen im Burgenland. Eine österreichisch-slowakische Studie hat sich nun mit der Wohnbauentwicklung im Grenzgebiet beschäftigt. Sie ist im Rahmen eines EU-Projekts und unter Mitarbeit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) entstanden.

Das Auslagern von Wohnen in die Grenzgebiete von Österreich und Ungarn – in Richtung Kittsee, Wolfsthal, Hainburg und Rajka – ist charakteristisch für Bratislava: Nach der EU-Erweiterung wuchs die Bevölkerung von Kittsee 2011 und 2012 beispielsweise um 11,6 Prozent, was laut Studie hauptsächlich mit dem Zuzug aus der Slowakei zu tun hatte. Die meisten kämen aus Petrzalka bei Bratislava und seien junge Familien, die sich den Traum vom Einfamilienhaus erfüllen wollen. Die Grundstückspreise in grenznahen Gemeinden seien aber in den letzten Jahren gestiegen, weshalb sich die Wohnsuburbanisierung in Richtung Wiener Neustadt verlagert hat.

Diskussionsprozess

Diese Suburbanisierung kommt mit bekannten Nachteilen daher: Meist wird nicht im Ortskern gebaut, wo es Leerstände gäbe, sondern am Ortsrand. Die Orte werden zersiedelt und drohen so ihren ländlichen Charakter zu verlieren, der Bewohnern und Politik aber überaus wichtig ist, berichtet Vera Kapeller von der ÖAW, eine der Studienautorinnen. Noch drastischer sind die Entwicklungen laut Studie in Bratislava, wo Satellitensiedlungen und "Gated Communities" zunehmend auf der grünen Wiese entstehen.

"Wir wollen einen Prozess einleiten, in dem diese Problematik wieder diskutiert wird", sagt Kapeller. Denn ähnliche Prozesse, etwa das Verschwimmen von Stadt und Land, seien auch seit Jahren im Wiener Umland zu beobachten. Kapeller plädiert für ein "grenzüberschreitendes, regionales Bewusstsein", das es bei Politik, Behörden und – wie auch die Studie zeigt – Wissenschaft bereits gebe. Nun sei es wichtig, Bewusstsein in der Bevölkerung zu erzeugen.

Eines stellt Kapeller aber auch klar: "Wir wollen nichts einzementieren. Es muss natürlich gebaut werden." Bratislava werde weiterhin ins nordburgenländische Landesinnere wachsen, auch die Entwicklung neuer Lebensstile und Wohnansprüche sowie demografische Prozesse würden die Sehnsucht nach Wohnen im Grünen begünstigen.

Ortskern beleben

Am Ende der Publikation werden Vorschläge dafür, wie man das dennoch für das Ortsbild verträglicher gestalten könnte, präsentiert: Die Überalterung bringe beispielsweise die Möglichkeit zur Integration von betreubarem Wohnen im Ortskern, auch Start-Wohnungen für junge Menschen würden sich hier anbieten.

Parzellenübergreifendes Bauen und Planen sei ein Ansatz im Ortskern, der in der Region von langgestreckten Hausformen – den Streckhöfen – geprägt ist. Es wird vorgeschlagen, zwischen den Parzellen Querbezüge herzustellen, etwa in Form gemeinsam genutzter Freiräume.

Gemeinden müssten Bebauungsvorschriften erstellen und sich im Klaren sein, welche Baustrukturen sie wo haben wollen. Im Idealfall sei das im Rahmen eines moderierten Bürgerbeteiligungsverfahrens mit gemeinsamer Entwicklung eines Leitbildes zu bewerkstelligen. (Franziska Zoidl, 12.11.2015)

  • Die Übergänge zwischen Stadt und Land verschwimmen zunehmend.
    foto: istockphoto

    Die Übergänge zwischen Stadt und Land verschwimmen zunehmend.

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