Mit "Hinterholz 8"-Storys kann ich nicht aufwarten

9. November 2015, 05:30
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Tarek Leitner wohnt mit seiner Familie in einer selbst umgebauten und sanierten Wohnung in einem Gründerzeithaus in Wien-Neubau

Tarek Leitner wohnt mit seiner Familie in einer selbst umgebauten und sanierten Wohnung in einem Gründerzeithaus in Wien-Neubau. Martin Putschögl stattete dem "ZiB "-Anchorman und Buchautor einen Besuch ab.

"Bevor ich mit meiner Familie hierhergezogen bin, lebten wir direkt an der Mariahilfer Straße. Dort war ich einst allein eingezogen, weil ich an einem zentralen, urbanen und pulsierenden Ort sein wollte. Und mit der Ausnahme, dass man ab Oktober in einer Dauerschleife mit Feliz Navidad beschallt wurde, habe ich das Wohnen dort auch sehr genossen.

foto: lisi specht
"Zeit im Bild"-Anchorman Tarek Leitner in der geräumigen Küche seiner Altbauwohnung in Wien-Neubau, wo sich für ihn die Vorteile von Stadt und Land vereinen.

Als unsere Kinder kamen, die sind jetzt acht und zehn Jahre alt, haben wir natürlich kurz überlegt, wohin mit uns. Zum Glück habe ich mir damals ähnliche Gedanken gemacht, wie ich sie jetzt auch in meinem Buch Wo leben wir denn? ausgeführt habe. Und das hat uns zur Entscheidung geführt: Wir bleiben in der Stadt.

Umfragen zeigen zwar, dass das Einfamilienhaus bei weitem die beliebteste Wohnform ist, aber ich bezweifle stark, dass sie die beste für unsere Gesellschaft ist. Und zwar aus vielen Gründen – auch wenn sich Einzelne natürlich in dieser Art einen glücklichen Ort schaffen. Für uns war und ist es trotzdem die Wohnung in einem Jahrhundertwendehaus in der dicht verbauten Gründerzeitstadt. Hier verbinden sich die Vorteile von Stadt und Land. Es lässt sich fast alles zu Fuß erledigen, wodurch man viel weniger getrieben ist, als wenn man für jede Erledigung das Auto benötigt. Man kennt die Verkäuferin hier und den Kellner dort mit Namen, und man kann sich doch wieder in eine Anonymität zurückziehen, wo man nicht ständiger Beobachtung ausgesetzt ist und jeder alles über einen weiß.

Es hat uns also daher nicht weit weg gezogen von der Mariahilfer Straße, ein Stück hinauf in den siebenten Bezirk. Wir hatten das Glück, drei kleine Substandardwohnungen zusammenlegen zu können, und haben daher jetzt die für uns ideale Wohnung. Sie ist vielleicht nicht so groß wie das durchschnittliche Einfamilienhaus, aber groß genug, um sich gelegentlich auch aus dem Weg zu gehen und in getrennte Bereiche zurückzuziehen. Das vermindert die Konfliktanfälligkeit wohl ganz beträchtlich.

Im Jahr 2008 haben wir also diese drei alten Wohneinheiten gekauft, 2009 sind wir eingezogen. Und wir hatten bei diesem Umbau – ich war selbst viel auf der Baustelle, meine damals beim Umbau zerschlissene Jeanshose hängt als stummer Zeuge an der Wand, gleichsam ein Ready-made – entweder geschickte Arbeiter oder einfach das Glück, dass wir heute nicht mit Hinterholz 8-Storys aufwarten können. Ein wenig habe ich das doch befürchtet, als ich das erste Mal die Räume gesehen und erkannt habe, dass da offensichtlich über viele Jahre hinweg an allen Kabeln und Rohren nur noch herumgebastelt worden war.

Heute würde ich aber sagen: Das ist eben die Geschichte, die diese Mauern erzählen. Und das, was an Spuren von den vielen Vorbesitzern übrig ist, ist genau die Erzählung, die wir jetzt weiterschreiben. Solche Erzählungen in den Räumen um uns machen sie uns übrigens vertraut und angenehm. In der weiteren Lebensumgebung gelingt uns ein solches Weiterschreiben in der Landschaft aber weniger denn je. Was uns damit verlorengeht und wie sich das auf uns als Gesellschaft auswirkt, auch davon handelt mein neues Buch.

Um aus dieser oftmals von Achtlosigkeit und Monstrosität geprägten Umgebung zu entkommen, habe ich zum Glück jetzt einen Fluchtort – einen glücklichen Ort, an dem ich mich wohlfühle. Das hat etwas sehr Beruhigendes. Er ist aber auch gleichzeitig eine Startrampe in die Abenteuerlichkeiten des Lebens, sowohl im eigentlichen als auch übertragenen Sinn. Das Leben erfordert, sich oft in sehr unwirtliche Bereiche zu begeben, da ist eine solche Homebase schon ganz wichtig." (9.11.2015)

Tarek Leitner, geb. 1972, arbeitete während des Jus-Studiums zunächst für den ORF Oberösterreich. Nach Abschluss des Studiums (1997) wechselte er nach Wien in die Zeit im Bild-Redaktion als innenpolitischer Redakteur, ab 2004 als Moderator. Zweimal bekam er die Publikums-"Romy" als beliebtester Moderator. Leitner veröffentlichte 2012 mit seinem ersten Buch "Mut zur Schönheit" eine "Streitschrift gegen die Verschandelung Österreichs". Jüngst folgte mit "Wo leben wir denn? Glückliche Orte und warum wir sie erschaffen sollten" (Brandstätter-Verlag) sein zweites Werk.

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