Äthiopien droht schlimmste Dürre seit 30 Jahren

6. November 2015, 08:48
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Nationale Vorsorge reicht nicht aus, internationale Geber sind gefordert

Addis Abeba/Wien – Viele Äthiopier ärgern sich darüber, dass Europäer ihr Land immer nur mit Dürre und Hunger in Verbindung bringen. Tatsächlich hat das ostafrikanische Land viel mehr zu bieten. Doch in den kommenden Monaten wird wohl erneut die bevorstehende Dürrekatastrophe das Bild Äthiopiens in den Medien prägen.

Äthiopien droht die schlimmste Dürre seit 30 Jahren. Die Regierung rechnet damit, dass im kommenden Jahr 15 bis 20 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen sein werden. Und das, obwohl schon seit Monaten vorgesorgt wird: Wettervorhersagen werden akribisch analysiert, um einen Vorsorgeplan zu erstellen, einmal pro Woche tagt ein Komitee. Doch bereits nach der ersten, kurzen Regenphase im Frühjahr sei klar gewesen, dass es zu Ernteausfällen kommen werde, sagt ein Vertreter der Lokalregierung der nordwestlichen Region Amhara vor österreichischen Journalisten.

Ernteausfall durch "El Niño"

Das Wetterphänomen "El Niño", das das Wasser im pazifischen Ozean erwärmt, wird dafür sorgen, dass auch in der zweiten, größeren Regenperiode im Juli und August, der Niederschlag ausblieb. Schon jetzt sind acht Millionen Menschen – also soviel wie die gesamte österreichische Bevölkerung – auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Traditionell sind für die meisten Äthiopier Weizen und andere Getreidearten die Nahrungsgrundlage – für die ländliche Bevölkerung gibt es bei Ernteausfällen wenig Alternativen. 2,5 Millionen Äthiopier sind chronisch unterernährt. "Wasser muss verfügbar gemacht werden und aus anderen Regionen in die betroffenen Gebiete gebracht werden", so Ato Amare vom lokalen Büro für Katastrophenschutz.

Zwar hat die äthiopische Regierung den betroffenen Regionen bisher mehr als zwei Milliarden Birr (etwa 87 Millionen Euro) zur Verfügung gestellt, weil die Folgen von El Nino aber bis weit in das Jahr 2016 spürbar sein werden, wurden nun internationale Geber auf den Plan gerufen. Astrid Wein, Leiterin des Büros der Austrian Development Agency (ADA), der Agentur der Österreichischen Entwicklungszusammenarbeit (OEZA), warnt: "Das Geld fehlt. Die ganzen signifikanten Erfolge, die die äthiopische Regierung in den letzten 15 Jahren erreicht hat, können sehr schnell wieder zunichte gemacht werden, wenn wir jetzt Äthiopien nicht unterstützen." "Die internationale Gemeinschaft ist sehr aktiv und wir werden Mittel aus zusätzlichen Fonds mobilisieren", sagt die EU-Botschafterin in Addis Abeba, Chantal Hebberecht. Auf Details will sich die Diplomatin aber nicht festlegen.

Die Unterstützung aus Österreich sei zwar vergleichsweise gering, aber dafür effektiv und nachhaltig, so Amare. "Österreich ist einer der besten Geber", lobt er bei einem Besuch einer österreichischen Parlamentarier- und Journalistendelegation. Für die aktuell drohende Dürrekatastrophe wurden bereits 250.000 Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds (AKF) an das Internationale Rote Kreuz überweisen. Ob noch weitere Mittel aus dem AKF für Äthiopien locker gemacht werden, war aus dem Außenministerium auf APA-Anfrage nicht zu erfahren.

Mögliche Kettenreaktion

Dabei wäre die Investition in die Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen in Entwicklungsländern angesichts der Flüchtlingsbewegungen in Europa durchaus gerechtfertigt. Denn nach Ansicht von EU-Diplomaten in Addis Abeba könnte es in der Dürreperiode zu einer "Kettenreaktion" kommen. Die Hungerkrise könnte die ländliche Bevölkerung aufgrund der Ernteausfälle in die Städte treiben und von den Städten nach Europa oder in den Nahen Osten.

Die Dürre könnte auch die autoritäre Regierung von Hailemariam Desalegn auf eine harte Probe stellen. Bisher gab es nach jeder großen Hungersnot einen Regierungswechsel. Deshalb und vermutlich, weil den Äthiopiern nachgesagt wird, sehr stolz zu sein, ist die politische Führung sehr darauf bedacht, ihr Land in gutem Licht darzustellen. So müssen beispielsweise Bilder von Dürrekatastrophen in Filmen herausgeschnitten werden. Die Angst vor allzu apokalyptischen Berichten ist groß. Da überrascht umso mehr, dass die politische Führung nun erstmals um öffentliche Hilfe gebeten hat.

"Die Hungerkrise kommt so sicher wie das Amen im Gebet", sagt ein hoher UNO-Sicherheitsbeamter in Addis Abeba. "Die gute Nachricht ist, man kann sich darauf vorbereiten. Die Frage ist nur, ob die internationale Gemeinschaft auch genug Mittel dafür aufbringt." (APA, 6.11.2015)

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