Putin telefonierte mit Ägyptens Präsident

6. November 2015, 14:53
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Engere Zusammenarbeit bei Flugsicherheit vereinbart – Dänemark rät von Reisen nach Sharm el-Sheikh ab

Sharm el-Sheikh/Washington/Brüssel/Moskau – Nach dem womöglich durch einen Bombenanschlag verursachten Absturz einer russischen Passagiermaschine über der Sinai-Halbinsel wollen Ägypten und Russland bei der Flugsicherheit enger zusammenarbeiten. Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi telefonierte am Freitag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, wie die ägyptische Präsidentschaft in Kairo mitteilte.

Beide vereinbarten demnach, die "bilaterale Kooperation" zu verstärken, um die Sicherheit für russische Touristen in Ägypten zu gewährleisten und die Sicherheitsmaßnahmen für russische Flugzeuge zu verstärken. Nach dem Absturz vor rund einer Woche mit 224 Toten hatte Putin am Freitag sämtliche Flüge nach Ägypten gestoppt. Davor hatte Moskau Mutmaßungen über eine Bombe als Absturzursache als "Spekulation" abgetan.

Der Stopp der Ägypten-Flüge hat drastische Auswirkungen: Die rund 80.000 in Ägypten gestrandeten russischen Urlauber müssen beim Rücktransport in die Heimat zunächst auf ihr Gepäck verzichten. "Die Touristen aus Russland werden ohne Koffer nach Hause gebracht", sagte der Chef der Tourismusbehörde, Oleg Safonow, am Samstag in Moskau. Lediglich Handgepäck sei erlaubt.

Verdacht auf Bombe

Bisher hatte es seitens der russischen Regierung geheißen, es gebe keine Anhaltspunkte für einen Anschlag. Großbritannien und die USA gehen hingegen laut Medienberichten davon aus, dass die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) eine Bombe im Laderaum des Jets versteckt und später zur Explosion gebracht habe. Es handle sich dabei vermutlich um eine Racheaktion für das russische Engagement im syrischen Bürgerkrieg.

Obama: Bombe "möglich"

In der Nacht zum Freitag hatte auch US-Präsident Barack Obama einen solchen Bombenanschlag nicht mehr ausgeschlossen. "Ich denke, es gibt eine Möglichkeit, dass eine Bombe an Bord war. Und wir nehmen das sehr ernst", sagte Obama am Donnerstag in einem Interview des Rundfunksenders Kiro/CBS.

Obama blieb in seiner Einschätzung aber deutlich vorsichtiger als die britische Regierung. Premierminister David Cameron hatte zuvor gesagt, es sei "mehr als wahrscheinlich", dass der Airbus von einer Bombe zerstört worden sei. Cameron berief sich auf "Geheimdienstinformationen". Nach einem Bericht der BBC vermuten die britischen Behörden, dass sich die Bombe im Laderaum des Jets befunden habe. Die Informationen stützten sich auf abgehörte Gespräche, so die Medienanstalt. Eine nähere Quelle nannte die BBC nicht.

Behörden stoppten vorerst einige Rückflüge

Großbritannien hatte wegen des Verdachts, im ägyptischen Badeort Sharm el-Sheikh sei ein Sprengsatz an Bord der Maschine geschmuggelt worden, am Mittwoch alle Flüge dorthin gestoppt. Ab Freitag, nach einer Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen, sollten eigentlich die bis zu 20.000 festsitzenden britischen Touristen zurückgeholt werden – aus Sicherheitsgründen getrennt von ihrem Gepäck.

Allerdings teilte die britische Fluggesellschaft Easyjet am Freitagvormittag mit, die ägyptischen Behörden würden keine weiteren Landungen in Sharm el-Sheikh erlauben. Daher könnten ihre geplanten Flüge vorerst doch nicht stattfinden. Andere Airlines teilten allerdings mit, ihre Flüge würden wie geplant durchgeführt werden. Laut Aussagen aus Ägypten haben die Verzögerungen logistische Gründe, der Flughafen könne nicht so viele Passagiere in so kurzer Zeit abfertigen.

Belgien rät indes von Reisen nach Sharm el-Sheikh ab. Es gebe keine ausreichenden Garantien für die Sicherheitskontrollen auf dem dortigen Flughafen, sagte Außenminister Didier Reynders der belgischen Nachrichtenagentur Belga am Donnerstag. "Wir kennen noch nicht die Ergebnisse der Untersuchung", sagte der Minister. Das französische Außenministerium riet den Bürgern ebenfalls davon ab, nach Sharm el-Sheikh zu reisen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Das österreichische Außenministerium empfiehlt "landesweit verstärkte Umsicht" aufgrund erhöhter Anschlagsgefahr. Vor Reisen in den Nordsinai und in das Saharagebiet wird ausdrücklich gewarnt.

Spekulationen über Ursache

Der russische Airbus A321 war Samstagfrüh kurz nach dem Start in Sharm el-Sheikh auf dem Weg nach St. Petersburg über der Sinai-Halbinsel abgestürzt. Alle 224 Insassen, großteils russische Urlauber, starben. Nach Angaben russischer Ermittler brach die Chartermaschine der russischen Fluggesellschaft Kogalimawija, die unter dem Namen Metrojet fliegt, in der Luft auseinander.

Über die Ursache des Absturzes werden seither die verschiedensten Vermutungen angestellt. Der ägyptische Ableger der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) hatte am Mittwoch erneut erklärt, er habe die Maschine zum Absturz gebracht. Ägyptische und russische Behörden bezweifeln dies. Sie weisen darauf hin, dass der IS auf der Sinai-Halbinsel nicht über entsprechende Waffen verfüge. (APA, 6.11.2015)

  • Während am Flughafen noch viele Touristen auf ihre Rückflüge aus Sharm el-Sheikh warten, empfiehlt der Chef der russischen Geheimdienstes, Flüge nach Ägypten aus seinem Land zu stoppen.
    foto: ap / vinciane jacquet

    Während am Flughafen noch viele Touristen auf ihre Rückflüge aus Sharm el-Sheikh warten, empfiehlt der Chef der russischen Geheimdienstes, Flüge nach Ägypten aus seinem Land zu stoppen.

  • US-Präsident Barack Obama: "Möglichkeit", dass Sinai-Absturz durch Bombe verursacht wurde.
    foto: ap / pablo martinez monsivais

    US-Präsident Barack Obama: "Möglichkeit", dass Sinai-Absturz durch Bombe verursacht wurde.

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