"Ein Zaun an der Südgrenze ist illusorisch"

6. November 2015, 05:30
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Staatsgrenze geht mitten durch Weinberge, nach Slowenien führen hunderte Schleichwege

Jetzt war also auch Heinz-Christian Strache in Spielfeld. Der FPÖ-Chef nutzte Mittwochnachmittag die Grenzkulisse – mit den hunderten Flüchtlingen im Hintergrund –, um seine Botschaft auch vor Ort medial nochmal zu deponieren: Es muss ein Zaun her.

Grenzzäune seien "billiger als illegale Masseneinwanderung". Der ungarische Premier Viktor Orbán habe es vorgezeigt. Grenzzäune hätten ja schon zu Zeiten des Eisernen Vorhangs bestens funktioniert.

Straches Zaunvisionen zur vermeintlichen Lösung der Flüchtlingsproblematik können hier im Grenzgebiet aber wohl kaum jemanden beeindrucken, zumal man in der Region um Spielfeld natürlich sehr genau mit der topografischen Beschaffenheit des Weingebietes vertraut ist. Die Errichtung von Zäunen entlang der Grenze wäre faktisch einfach nicht machbar.

Grenze durch Weingärten

"Wir haben ja allein im Bezirk Leibnitz eine Grenze zu Slowenien in der Länge von 54 Kilometern. Und alle Kilometer gibt's einen Grenzübergang", sagt der Bezirkshauptmann von Leibnitz, Manfred Walch, im STANDARD-Gespräch. Die Grenze führe direkt durch Weingärten, die oft grenzüberlappend angelegt sind.

Zahlreiche steirische Winzer haben auch in Slowenien ihre Weingärten. "Wir feiern heuer 60 Jahre südsteirische Weinstraße und das betrifft beide Länder", sagt Walch. Und erinnert daran, dass Grenzen auch entlang der Straßen verlaufen: Die eine Straßenhälfte liegt in Slowenien, die andere in Österreich. An der Südgrenze Zäune zu errichten sei eine "Illusion". Walch denkt auch an die "Zeit des Eisernen Vorhangs" zurück, als die südsteirische Grenze während der "Tito-Zeit" von jugoslawischen Grenzsoldaten scharf bewacht worden ist. Und dennoch: In der komplexen Hügellandschaft fanden sich hunderte von Schleichwegen. Unzählige Menschen seien aus Ex-Jugoslawien über diese grüne Grenze geschleust worden. Trotz strengster Grenzbewachung.

Lokalverbot

"Es ist sehr bedauerlich, dass jetzt einige aus dieser schwierigen Situation politische Gewinne schlagen wollen. Es ist nicht so, dass die Bevölkerung Angst hat, aber wir machen uns alle Sorgen. Die Stimmung ist nicht gut", sagte der Bezirkshauptmann. Ein Befund, mit dem sich beim Lokalaugenschein auch DER STANDARD in Spielfeld konfrontiert sah. Ein Lokalbesitzer erklärte, er werde an den STANDARD keinen Kaffee ausschenken. Es gebe für die Zeitung "Lokalverbot". Tage zuvor sprach der Wirt im FPÖ-TV von "Invasoren", es herrsche hier "Krieg". (Walter Müller aus Spielfeld, 6.11.2015)

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  • Grenzzäune würden mitten durch die Weinberge verlaufen.
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    Grenzzäune würden mitten durch die Weinberge verlaufen.

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