Kiewer Machtkampf: Oligarch als Bauernopfer

5. November 2015, 17:44
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In der Ukraine eskaliert der Konflikt zwischen Präsident Petro Poroschenko und dem einflussreichen Milliardär Igor Kolomoisky. Erstes Opfer der Auseinandersetzung wurde Kolomoiskys rechte Hand Gennadi Korban, selbst Politiker und Multimillionär

Kiew/Moskau – Anklagebank statt Amtssessel: Vor zwei Wochen noch war Gennadi Korban einer der Herausforderer von Kiews Bürgermeister Witali Klitschko. Die Schlacht hat er verloren. Nun muss sich der Spitzenkandidat der sich betont patriotisch gebenden Partei Ukrop auch noch gegen Korruptionsvorwürfe vor Gericht verteidigen.

Der Fall ist hochbrisant, wie schon die bisherige Chronologie der Ereignisse dokumentiert: Am Wochenende wurde Korban das erste Mal vom ukrainischen Geheimdienst SBU festgenommen – in seiner Villa vor laufenden Kameras. Die Vorwürfe sind erdrückend: Entführungen, Unterschlagung und Bildung einer kriminellen Vereinigung. Korbans Anwälte erreichten trotzdem mit einer gelungenen Show die Freilassung ihres Mandanten. Doch noch im Gerichtssaal nahm ihn der SBU erneut in Gewahrsam. Zwei Tage lang verhandelte das Gericht in Kiew dann unter enormen Sicherheitsvorkehrungen über den zweiten U-Haft-Antrag der Staatsanwaltschaft, zu Redaktionsschluss am Donnerstag stand die Entscheidung noch aus.

Korban ist der engste Geschäftspartner des laut Forbes drittreichsten Ukrainers Igor Kolomoisky (Vermögen: 1,4 Milliarden Dollar). Korban selbst taxiert Forbes auf 55 Millionen Dollar. Reich wurde er in den wilden 1990er Jahren als "Heuschrecke", spezialisiert auf feindliche Übernahmen mit teilweise brutalen Methoden.

Als Wiktor Janukowitsch nach dem Umsturz im Februar 2014 nach Russland flüchtete, witterten Kolomoisky und Korban ihre Chance, die Industrieregion Dnipropetrowsk zu übernehmen. Tatsächlich wurde Kolomoisky dort zum Gouverneur bestellt. Korban führte als dessen Vize das Tagesgeschäft in der strategisch wichtigen Region und baute nebenbei das Freiwilligenbataillon Dnepr für den Donbass-Konflikt auf – eine Privatarmee für Kolomoisky, wie politische Beobachter schlossen.

Auf dem Höhepunkt seiner Macht kontrollierte Kolomoisky neben Dnipropetrowsk auch die Nachbarregionen Odessa und Saporoschje. Doch im März wurde er abgelöst. Zu ambitioniert, zu unkontrollierbar war er für Milliardärskollegen Poroschenko. Es begann ein monatelanger versteckter Machtkampf mit schmutzigen Tricks und falschem Lächeln.

Vorwürfe und Drohungen

Mit der Festnahme Korbans strebt das Drama nun seinem Höhepunkt entgegen. Kolomoisky hat die Vorwürfe gegen seinen Partner als "erfunden" verurteilt und Widerstand – wenn auch rein juristischen – angekündigt. Ihm nahestehende Politiker drohen derweil mit einem neuen Maidan.

Poroschenko hingegen drohte bereits öffentlich: "Bei Korban werden wir nicht Halt machen, es gibt bei uns keine Immunität vor Strafverfolgung in Korruptionsfällen". Der Name Kolomoisky wurde nicht genannt, doch jeder wusste, wer gemeint war. (André Ballin, 5.11.2015)

  • Präsident Petro Poroschenko (li.) und Igor Kolomoisky Ende März 2015. Mittlerweile herrscht zwischen beiden ein offener Konflikt.
    foto: reuters/handout

    Präsident Petro Poroschenko (li.) und Igor Kolomoisky Ende März 2015. Mittlerweile herrscht zwischen beiden ein offener Konflikt.

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