"Politischer Populismus": Gefrorene Milch im extraterrestrischen Raum

5. November 2015, 17:22
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"Politischen Populismus" mit Populismus austreiben? Das macht die Kunsthalle Wien nur im Titel. Denn das Entlarven opportunistischer Rhetoriken steht nicht im Fokus. Vielmehr gesellschaftspolitische Fragen, die Angriffsfläche für Populistisches bieten

Wien – Ausstellungen sind keine Wunschkonzerte. Leider. Oder womöglich zum Glück. Sich Erwartungshaltungen zu entziehen, ist ja irgendwie auch eine Form, nicht populistisch zu sein. Und das ist ja definitiv ein Markenzeichen der Kunsthalle Wien unter Nicolaus Schafhausen: Das Populistischste sind die Ausstellungstitel, der Rest zeigt dem schnellen Spektakel die kalte Schulter.

Rechtspopulismus ist also nicht das vorherrschende Thema in Politischer Populismus, obwohl einem dieser Tage fast nichts so sauer aufstößt wie das dem Volk nach dem Maul rülpsende Gebaren rund um Wienwahl und Flüchtlingskrise. Der Populismus, um den es in der gut 20 künstlerische Positionen versammelnden Schau geht, ist also weniger konkret und lokal als vielmehr politisch im allgemeineren Sinn und global. "Es ist vielleicht gar nicht die Aufgabe der Kunst, Weltgeschehen tagesaktuell zu kommentieren", so Schafhausen. In der Distanz, mit der man sich auch vorschnellen Schlussfolgerungen entzieht, sieht er die Stärke.

Und so geht es in Politischer Populismus auch nicht um die Strategien und Rhetoriken, mit der die Gunst der Massen gewonnen wird. Nein, nein. Es sind die Themen, an denen die perfiden Hebel angesetzt werden: also Ängste Schürendes wie Migration, Überwachung, Religion, (Ohn-)Macht der Konzerne, Ökonomie und so weiter. Sie sehen, man hätte das also auch gut "Drängende Fragen der Welt im 21. Jahrhundert" nennen können. Aber man hat – ganz bewusst – populistisch getrickst. Was das bringt? Einen argumentativen Loop. Sonst nix.

Elefantenkadaver im All

Es ist März 2016. Die Vereinten Nationen verkünden mit Bedauern ihr Ende. Sie können nichts mehr tun, verlautbaren aber eine letzte Entscheidung für eine "Initiative der gesamten Menschheit". Jedes Mitglied reicht Vorschläge ein, das Los entscheidet und fällt auf Chile. Weil dieses Land es sich wünscht, widmet sich die Menschheit künftig dem Schaffen von Skulpturen für extraterrestrische Zwecke. Als eines der ersten Projekte werden gefrorene Kuhmilchkuben und ein Elefantenkadaver ins All geschossen. Gut 13 Minuten dauert Darren Baders The Vagrant (2015), eine animierte Cartoon-Parodie auf demokratische Entscheidungsprozesse und den von ihnen verursachten Nonsens. Was will uns das Video sagen? Zurück zur Despotie?

Wenn Populismus Verkürzen meint, Ausblenden von komplexeren Zusammenhängen zugunsten einer Politik des "gesunden Menschenverstandes" und des Antiintellektualismus, ergeben sich daraus logische Gegenstrategien: Wissen schaffen und verbreiten – Gegenargumente sammeln, andere Perspektiven aufzeigen, recherchieren. NGOs, Whistleblower, Medien machen das täglich. Und eben auch Künstler.

Simon Denny zum Beispiel hatte heuer bei der Biennale in Venedig in der ehrwürdigen und nicht minder prachtvollen Biblioteca Marciana am Markusplatz ein anderes Wissensarchiv ausgestellt – oder vielmehr zur Schau gestellt: jenes des US-Geheimdienstes NSA. In Server-Racks statt Vitrinen kontrastierte er den bösen Ernst des Systems mit der verspielten, geradezu kindischen Grafik des internen Corporate Designs. In Wien ist eine "Variation" auf Secret Power Highlighted zu sehen. Soll wohl heißen: die ziemlich abgespeckte Version.

Denny nicht nur ästhetisch um Längen voraus ist jedoch Trevor Paglen. Er macht unsichtbare Strukturen staatlich gesteuerter Überwachung sichtbar und zeigt in der Kunsthalle Aufnahmen, die während seiner Mitarbeit an der oscarprämierten Doku Citizenfour zur Snowden-Affäre entstanden.

Sand im Ikea-Sack

Der Hauch von Aktivismus, der über dieser aufklärerischen Arbeit liegt, findet sich auch in Ahmet Ögüts Anti-Debt Monolith: Angelehnt an den bewusstseinsverändernden Monolithen in Kubricks 2001 spuckt dieser bei Einwurf von zwei Euro Informationen über die aktuelle Überschuldung amerikanischer Studenten aus. Alle Erlöse (auch der Verkauf der Skulptur selbst) gehen an die Schuldenschnitt-Initiative Debt Collective.

Das Visuelle als schlagendes Argument weiß etwa auch Goshka Macuga gut einzusetzen: Auf einer Pinnwand hat sie allerhand Zeitungsartikel zu Skandalen versammelt, die Gegenwartskunst in Polen in den vergangenen Jahren ausgelöst hat. (Zumindest ein paar Übersetzungen ins Deutsche hätte man dem Besucher zumuten dürfen, um Einblick in das populistische Potenzial der Mediensprache zu gewähren.) Unter diesen Kunsteklat-Schnippseln auch die Episode um Maurizio Cattelans Skulptur La Nona Ora (1999), die einen von einem Meteoriten getroffenen Papst darstellte. Die Aufregung gipfelte in der Zerstörung der Arbeit durch rechtsnationale Politiker. Macugas entgegnet dieser medialen Erregungskultur mit einer Arbeit, die nationale moralische wie religiöse Werte massiert, statt sie zu provozieren: mit einer monumentalen, an die sozialistische Tradition anschließenden Skulptur einer Familie.

Subversiv geht auch Anna Jermolaewa vor. Sie macht das demokratische politische Instrument der Kundgebung zu einer leeren Geste, indem sie Demonstranten bezahlte, um gegen, aber gleichzeitig auch für die Moskau-Biennale 2015 zu protestieren. Und gleichzeitig nahm sie die Praxis bezahlter politischer Agitation ins Visier. Am anderen Ende solch gelungener, durchdachter Arbeiten steht allerdings völlig Naives und Plakatives wie die Arbeit von Flaka Haliti. Sie stellt Flucht und Migration mit blauem Sand in gelben Ikea-Säcken (EU, Horizont) dar.

Fazit: Zu sehen ist im engeren Sinne politische Kunst, die sich zu Recht auf der Documenta und diversen Biennalen bewährt hat. Daher steht die Schau zu Populismus im engeren Sinn noch aus. Wer macht's? (Anne Katrin Feßler, 5.11.2015)

Kunsthalle Wien, bis 7. 2. 2016. Zur Eröffnung (6. 11., ab 19.00; 7. 11., ab 10.00) Performances, Vorträge, Diskussionen

  • Autoritäres und kollektives Verhalten und Körpersprache sind oft Themen in den Performances von Christian Falsnaes: Auftreten wird er im Rahmen des Eröffnungsprogramms am Freitagabend.
    videostill: nikola milatovic

    Autoritäres und kollektives Verhalten und Körpersprache sind oft Themen in den Performances von Christian Falsnaes: Auftreten wird er im Rahmen des Eröffnungsprogramms am Freitagabend.

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