Varoufakis: Der Ökonom und Wunderheiler

5. November 2015, 16:21
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Yanis Varoufakis, der streitbare Ex-Finanzminister aus Griechenland, tourt durch Europa. Aber was will er?

Wien – Das Gedränge beim Einlass war gewaltig. Der Vortrag begann mit Verspätung, er dauerte mehr als zwei Stunden, bis kurz vor 22 Uhr. Aber viele der Zuhörer hatten noch immer nicht genug. Yanis Varoufakis, der ehemalige griechische Finanzminister, ist umringt von dutzenden zumeist junger Leute. Sie diskutieren mit ihm, stellen Fragen, einige wollen einfach nur schnell ein Foto mit ihm machen.

In den Zeitungen wurde Varoufakis in den vergangenen Monaten immer wieder als "Popstar" der Politik bezeichnet. Wer beobachtet, wie die Menschen den Griechen nach seinem Vortrag am Mittwochabend im Audimax der Wirtschaftsuniversität Wien umringen, kann nachvollziehen, warum.

Dabei hatte Varoufakis zumindest an diesem Abend so rein gar nichts mit einem Entertainer gemein, bei seinem Auftritt in Wien zog der frühere Finanzminister keine Show ab. Er sprach zwei Stunden lang nur über staubtrockene wirtschaftspolitische Themen. Wechselkurse, Europäische Zentralbank, Euro-Rettungsschirm. Doch der Grieche tat das prägnant und mit vielen Anekdoten, ganz im Stile eines US-amerikanischen Uniprofessors – er unterrichtete jahrelang in Austin. Das brachte Varoufakis am Ende schließlich auch die Standing Ovations der mehreren hundert Zuhörer ein.

Wohin steuert der Grieche?

Aber welches Ziel verfolgt der 54-Jährige eigentlich? Der Ökonom tourt seit seinem Rücktritt im Sommer unentwegt durch Europa. Cambridge, London, München, Coimbra (Portugal) und jetzt Wien – und das sind nur seine Ziele aus den vergangenen zwei Wochen. Das erste Anliegen des Ökonomen ist es, die Sicht der Menschen auf die Krise zu verändern. Nicht verschwenderische Griechen, Portugiesen und Spanier sind schuld am Wirtschaftskollaps, sondern Baufehler der Eurozone, wird Varoufakis nicht müde zu wiederholen. Die Griechen kaufen seit jeher mehr Maschinen und Pkw aus Deutschland, als sie Schafskäse und Oliven in der Bundesrepublik absetzen. Das gilt auch für Spanien und Portugal.

foto: ap/daniel ochoa de olza
Liebling der Medien: Yanis Varoufakis.


Deshalb fließt Kapital aus dem Süden in den Norden. Das Geld landete auf Konten in Frankfurt und Berlin. Mit der Euroeinführung wurde die grenzüberschreitende Kreditvergabe spielend leicht und profitabel. Weil saftige Gewinne vor allem in Südeuropa zu holen waren, investierten die Banker aus Deutschland das Geld wiederum in den Süden. Das billige Kapital finanziert den Bauboom in Spanien und Griechenland. Als diese Blase platzte, begann die Eurokrise.

Das vergiftete Klima beenden

Varoufakis zeichnet dieses Bild der Krise, weil er damit das vergiftete Klima zwischen Deutschen und Griechen, zwischen Norden und Süden verbessern möchte, wie er sagt. Der Ex-Politiker sucht dazu auch den Kontakt zu Medien: Fast täglich erscheinen Interviews mit ihm. Dabei ist das Verhältnis zu Journalisten seit seinem Amtsantritt im Jänner 2015 im griechischen Finanzministerium problematisch.

Journalisten lieben ihn, weil er Quote bringt. Zugleich wird er oft attackiert. Erst von wenigen Tagen erschien im "Telegraph" und in der "Times" eine Geschichte, wonach Varoufakis 60.000 US-Dollar und mehr für Vorträge verlange. Er publizierte daraufhin eine Liste, die wieder für Schlagzeilen sorgte, weil Varoufakis für ein Interview im italienischen Fernsehen 24.000 Euro kassiert hatte. Dass er sich von 25 Gastauftritten nur fünf bezahlen ließ, ging unter.

Während die ökonomische Analyse des Griechen fundiert ist, ließe sich an seinen politischen Schlussfolgerungen so manches bemängeln. Dass Länder wie Griechenland, Portugal und Spanien verarmen konnten, liegt laut Varoufakis daran, dass Europa ein Mechanismus fehle, um das Ungleichgewicht zwischen Nord und Süd auszugleichen.

Dass dieser Mechanismus fehlt, sei wiederum eine Folge der mangelnden Demokratie. In Europa regieren Technokraten: Wichtige Institutionen, eben wie die EZB, werden nicht von Parlamenten, sondern von Bürokraten kontrolliert. Wer aufmuckt wie die Griechen, wird von der Eurogruppe, einer intransparenten Schattenregierung, zerstampft.

Eine neue Bewegung aufbauen

Varoufakis arbeitet deshalb daran, ein paneuropäisches Netzwerk aufzubauen: Er will über Grenzen hinweg eine linke Bewegung formieren, die für eine Demokratisierung in Europa und gegen die Austeritätspolitik kämpft. Linkspolitiker wie der deutsche Oskar Lafontaine oder der Sozialist und frühere französische Industrieminister Arnaud Montebourg unterstützen ihn bereits. Bis zum Jahreswechsel soll die Allianz über ein politisches Programm verfügen.

foto: apa/epa/etienne laurent
Oskar Lafontaine unterstützt Varoufakis bereits.

Dass ein ausgearbeitetes Konzept fehlt, hat man auch bei der von Buchautor Robert Misik geleiteten Debatte in Wien gemerkt. Ein Beispiel: Varoufakis beklagt, dass die Syriza- Regierung in die Knie gezwungen wurde. Dabei habe die griechische Bevölkerung im Juli doch mit deutlicher Mehrheit gegen den Sparkurs gestimmt. Aber wer sagt, dass ein demokratischerer Prozess ein anderes Ergebnis gebracht hätte?

Lücken im Programm

Was, wenn nicht die Eurofinanzminister entschieden hätten, sondern ein europaweites Referendum über den Umgang mit Griechenland stattgefunden hätte, indem die klare Mehrheit für volle Härte gegenüber Hellas plädiert hätte? Es ließe sich argumentieren, dass die Regierungen in Deutschland, den Niederlanden, Spanien und Finnland in ihrer Strategie gegenüber Griechenland durchaus voll den Wählerwillen trafen. Das würde aber bedeuten: Die repräsentative Demokratie funktioniert eigentlich ganz gut in Europa.

Die spannendste Frage, die Varoufakis aufwirft, ist, wie man so etwas wie eine paneuropäische Öffentlichkeit und Medienwelt in Europa schaffen kann, die eben nicht nur in nationalen Interessenkategorien und Schubladen denkt. Nur kann der Grieche diesen Punkt nicht beantworten. Er würde an dieser Stelle vermutlich entgegnen: Eine spannende akademische Diskussion beginnt immer mit einer Frage. (András Szigetvari, 5.11.2015)

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