Hormonangst "weitgehend unbegründet"

Interview5. November 2015, 17:46
31 Postings

Warum die Antibabypille trotz einer gewissen "Hormonangst" die häufigste Methode bleiben wird, erklärt Gynäkologe Günther Häusler

STANDARD: Wie steht es in Österreich um die Verhütung?

Günther Häusler: Generell sehr gut. Das Bewusstsein ist da und es liegt über dem internationalen Durchschnitt.

STANDARD: Im Jahr 2014 gab es dennoch 35.000 Abtreibungen.

Häusler: Diese Zahl ist nicht schön, aber sie ist im Ausland noch deutlich höher. Ungewollte Schwangerschaften sind ein Problem, das man leider nie ganz lösen können wird. In der Hitze der Nacht passieren Fehler, selbst dann, wenn Mittel bereitliegen.

STANDARD: Was ist die sicherste Methode?

Häusler: Es kommt immer auf die Art der Anwendung an. Spirale oder Implanon (Hormonstäbchen, Anm.) sind extrem sicher, man kann nichts falsch machen – ein Vorteil gegenüber der Pille.

STANDARD: Welche Probleme gibt es mit der Pille?

Häusler: Das größte: Man kann die Einnahme vergessen, etwa weil man woanders schläft. Viele wissen nicht, was dann zu tun ist, vor allem, wenn gleich zwei oder drei Tabletten nicht genommen wurden. Das steht auch im Beipackzettel viel zu unklar.

STANDARD: Dennoch verhüten 38 Prozent der Frauen mit Pille.

Häusler: Das ist eine sehr hohe Zahl! In kaum einem anderen Land ist die Pille dermaßen beliebt.

STANDARD: Warum ist das so? Laut Report fürchten viele die Nebenwirkungen hormoneller Methoden.

Häusler: Weil die Pille benutzerfreundlich ist und für einen regelmäßigen Zyklus sorgt. Sie kann monatlich bezahlt werden und weist ein gutes On-off-Verhalten auf. Beim Absetzen muss man maximal die Packung fertig nehmen, was schnelle Entscheidungen zulässt. Die Spirale ist für Zeiträume von drei bis fünf Jahren konzipiert, auch kostentechnisch. Das entspricht aber nicht immer der Lebensplanung.

STANDARD: Und die auch im Report verzeichnete "Hormonangst"?

Häusler: Die ist tatsächlich weitgehend unbegründet – sie rührt noch von früher, als Frauen tatsächlich fallweise bis zu 20 Kilo zunahmen. Ein knappes Drittel nimmt zwar immer noch zu, aber meist nur ein bis zwei Kilo.

STANDARD: Es gibt also keine Nebenwirkungen mehr? Häusler: Nur mehr sehr selten. Die häufigste sind Thrombosen, die bei Einnahme etwa dreimal häufiger auftreten. Für junge, gesunde Frauen ist das Risiko aber immer noch extrem niedrig. Allen potenziellen Risikopatientinnen werden Alternativen aufgezeigt.

STANDARD: Warum sind andere Methoden deutlich unbeliebter?

Häusler: Das ist tatsächlich erstaunlich. Das Hormonpflaster etwa vereint viele Vorteile: Es ist sicher, günstig, leicht abnehmbar und hat kaum Nebenwirkungen. Prinzipiell hätte es riesiges Potenzial – die Nutzung ist aber geringer, als man erwarten könnte.

STANDARD: Pille und Kondom werden also bis auf weiteres die Mittel der Wahl bleiben?

Häusler: Ja – oft auch in Kombination. Die Pille ist sicher, in der Dosierung ausgereift und sehr praktikabel. Kondome sind nicht sehr beliebt, aber weit verbreitet. (Florian Bayer, 5.11.2015)

  • Fast 40 Prozent der fruchtbaren Frauen in Österreich nehmen die Pille – das zeigt der neue Verhütungsreport.
    foto: dpa-zentralbild/jörg lange

    Fast 40 Prozent der fruchtbaren Frauen in Österreich nehmen die Pille – das zeigt der neue Verhütungsreport.

  • Günther Häusler ist Facharzt für Gynäkologie am Allgemeinen Krankenhaus/Med Uni Wien.
    foto: haeusler

    Günther Häusler ist Facharzt für Gynäkologie am Allgemeinen Krankenhaus/Med Uni Wien.

Share if you care.