Abschied einer genialen Tänzerin

6. November 2015, 09:00
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Vor dem allerletzten europäischen Auftritt der großen Ballerina Sylvie Guillem im Festspielhaus St. Pölten zeigt dort die legendäre US-Choreografin Lucinda Childs die Wiederaufnahme einer Kooperation mit Frank O. Gehry und John Adams: "Available Light"

St. Pölten – Sie ist ein außergewöhnliches Genie unter den Ballerinen weltweit. Vergangenen Februar hat Sylvie Guillem ihren fünfzigsten Geburtstag gefeiert.

Nun gibt sie Anfang Dezember im Festspielhaus St. Pölten ihre letzte Vorstellung auf europäischem Boden: Life in Progress. Wenige Tage später nimmt sie in Tokio endgültig Abschied von der Bühne.

Sicher, Guillem braucht keinen Nachruf zu Lebzeiten, und es gibt auch andere brillante Ballerinen. Aber unter diesen gönnen sich nur wenige den Luxus einer Freigeistigkeit, wie die gebürtige Pariserin sie zu ihrem Lebensprinzip gemacht hat. Guillem beendet ihre 39 Jahre währende Karriere nicht im Status einer Angestellten, sondern als Tänzerin im Rang einer selbstständigen Künstlerin.

Mit dem vierteiligen Abend Life in Progress unterstreicht sie dieses Selbstverständnis. Für die Tanzstücke darin zeichnen William Forsythe, Mats Ek, Akram Khan und Russell Maliphant verantwortlich.

Khan hat Guillem mit dem Solo techné eine ganz neue Arbeit auf den Leib choreografiert. Und Maliphant steuerte für sie und ihre Mailänder Kollegin Emanuela Montanari ein neues Duett bei: Here & After.

In William Forsythes Pas de deux Duo2015 tanzen zwei Mäner, Brigel Gjoka und Riley Watts. Den Schluss macht Bye, ein Solo von Mats Ek, das der Schwede für Guillems Programm 6000 miles away choreografiert hat, das im Mai 2012 vom Festspielhaus St. Pölten präsentiert wurde.

Sylvie Guillem war mit 19 Jahren von Rudolf Nurejew zur Étoile-Tänzerin des Balletts der Pariser Oper ernannt worden. Drei Jahre später, 1987, gab ihr William Forsythe die Hauptrolle in seinem berühmten Stück in the middle, somewhat elevated.

Im Licht der Postmoderne

Schon im darauffolgenden Jahr scherte sie aus der noblen Pariser Compagnie aus, weil sie mehr Freiheit für eigene Auslandsauftritte und die Arbeit mit moderner Choreografie brauchte.

Sie tanzte neben ihren klassischen Engagements unter anderem für die "Punk-Ballerina" Karole Armitage, für Jerome Robbins, Maurice Béjart oder Jonathan Burrows. Jetzt, in ihrem Abschiedsprogramm, verzichtet sie vollständig auf das klassische Ballett.

Die Modernität – oder wie etwa bei Forsythe die Postmoderne – im Ballett ähnelt in einigen Grundzügen immer noch der "klassischen" Ästhetik. Und auch der moderne Tanz etwa eines Merce Cunningham lässt Verwandtschaften zum Spitzentanz erkennen. Wer demnächst im Festspielhaus das große Gruppenstück Available Light der US-amerikanischen Choreografin Lucinda Childs sieht, kann über die Bezüge zwischen ihrer Auffassung von Postmodernität, der Moderne Cunninghams und dem modernen Ballett staunen.

Childs, die vergangenen Sommer ihren 75. Geburtstag gefeiert hat, gehört definitiv zu den wichtigsten Tanzschaffenden der Gegenwart. Sie hatte bei Cunningham studiert und schloss sich auf Anregung von Yvone Rainer 1963 dem berühmten postmodernen Judson Dance Theater an.

Zehn Jahre später gründete sie ihre eigene Kompanie, nachdem sie wieder zu einer stark bewegungsorientierten Tanzästhetik gefunden hatte. Ihr Stil hat etwa in den früheren Stücken der belgischen Tanz-Ikone Anne Teresa De Keersmaeker deutliche Spuren hinterlassen. Childs' Available Light entstand 1983 in Los Angeles, als De Keersmaeker in Brüssel mit ihrer einflussreichen Arbeit Rosas danst Rosas einen Welterfolg landete.

In einem Bühnenbild von Frank O. Gehry und zur extra für dieses Stück komponierten Musik Light Over Water bewegen sich zwölf exzellente Tänzerinnen und Tänzer auf zwei Ebenen. Childs rhythmisiert ihren Tanz nach einem exakten geometrischen Muster.

Die Figuren auf der oberen Etage von Gehrys Konstruktion halten dabei ständig Kontakt mit der Gruppe auf der Basisfläche, bis hin zur perfekten Synchronisation. Klarheit in der Komposition, tänzerische Coolness und konzeptuelle Rationalität zeichnen das hoch emotional wirkende Meisterstück Available Light aus, mit dem das Moca (Museum of Contemporary Art) dem Publikum zugänglich gemacht wurde. Jetzt, für die Wiederaufnahme, wurde es an Bühnenerfordernisse angepasst. Das Lichtdesign stammt übrigens von Beverly Emmons und John Torres. (Helmut Ploebst, Spezial, 6.11.2015)

"Available Light", 13. 11., 19.30
"Life in Progress", 2. 12., 19.30
Einführungen jeweils 18.30


Spezial Festspielhaus St. Pölten ist eine entgeltliche Einschaltung in Form einer Medienkooperation mit dem Festspielhaus St. Pölten. Die redaktionelle Verantwortung liegt beim STANDARD.

  • Sylvie Guillem als Kind, ...
    foto: sylvie guillem

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  • ... als Tänzerin mit Emanuela Montanari im Duett "Here & After" von Russell Maliphant und ...
    foto: bill cooper

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  • ... als Solistin in Akram Khans Stück "techné".
    foto: bill cooper

    ... als Solistin in Akram Khans Stück "techné".

  • Lucinda Childs 1983 in "Available Light".
    foto: tom vinetz

    Lucinda Childs 1983 in "Available Light".

  • The Puppini Sisters: sexy & besinnlich wie einst die Andrews Sisters.
    foto: puppini sisters

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