Kolar-Merdan: "Für Hypo ist das peinlich"

Interview5. November 2015, 13:52
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Sie war Handball-Olympiasiegerin. Die größte Sensation gelang Jasna Kolar-Merdan aber am Mittwoch. Als Trainerin führte sie Korneuburg zum Sieg über Hypo

Wien – Union Korneuburg hat am Mittwoch Geschichte geschrieben. Die Handballerinnen haben Dauermeister Hypo NÖ mit einem mit 26:24 nach 22 Jahren die erste Niederlage auf nationaler Ebenen zugefügt. Trainiert wird das erfolgreiche Team von einer guten alten Bekannten: Jasna Kolar-Merdan. Sie gewann mit Hypo Südstadt achtmal die Champions League und war Welthandballerin 1990.

Standard: War der Sieg über Hypo für Sie persönlich eine Überraschung oder eine Sensation?

Kolar-Merdan: Schon eine echte Sensation. Ich hab mir durchaus vorstellen können, dass Hypo bald verlieren wird, aber eher gegen eine andere Mannschaft, vielleicht gegen Wiener Neustadt, und nicht gegen uns.

Standard: Wann haben Sie am Mittwoch an den möglichen Erfolg zu glauben begonnen?

Kolar-Merdan: Das war gleich zu Beginn, als wir 4:0 führten. Ich gehe in jedes Spiel, um zu gewinnen. Und Hypo war zuletzt auch im Europacup wirklich schlecht.

Standard: Was hat den Unterschied ausgemacht?

Kolar-Merdan: Unser Kampfgeist. Wir waren bereit, über die Schmerzgrenze zu gehen. Wir waren eine Einheit. Hypo war keine Mannschaft, die waren wirklich lethargisch.

Standard: Union Korneuburg hat die vergangene Saison in der unteren Tabellenhälfte abgeschlossen. Woher kommt die plötzliche Steigerung?

Kolar-Merdan: Ich bin im Februar 2014 eingestiegen. Die vergangene Saison war meine erste volle als Trainerin dort, wir haben in 22 Spielen 19 Punkte geholt. Jetzt halten wir bei 12 Punkten aus sieben Spielen. Ich glaube, es hat ein wenig gedauert, bis die Mannschaft meine Handball-Philosophie versteht und übernimmt.

Standard: Wie sieht Ihre Philosophie aus?

Kolar-Merdan: Im Handball geht es nicht nur um Kraft und Geschwindigkeit. Handball ist auch wie ein Schachspiel, das ist meine Philosophie. Im Handball muss man den Kopf einsetzen, man muss denken.

Standard: Aus Hypo-Sicht – was bedeutet diese Niederlage für diesen Verein, mit dem Sie achtmal die Champions League gewonnen haben?

Kolar-Merdan: Für Hypo ist das natürlich wirklich peinlich. Seit Gunnar Prokop nicht mehr da ist, ist der Verein nicht mehr derselbe. Es gibt weniger Geld, es gibt weniger Möglichkeiten. Aber im Vergleich zu Korneuburg sind die Möglichkeiten immer noch toll. Hypo trainiert wahrscheinlich doppelt so oft wie wir. Die Spielerinnen dort müssen sich jetzt schon hinterfragen. Es wirkt, als wären sie ein bisschen überheblich. Als würden sie sich auf den Lorbeeren von früher ausruhen. Aber die Hypo-Lorbeeren von früher sind nichts wert.

Standard: Was bedeutet diese Hypo-Niederlage für die Meisterschaft? Wird Hypo dennoch Meister?

Kolar-Merdan: Für den Frauenhandball in Österreich ist das gar nicht schlecht. Da sollte sich sowieso einiges ändern. Da ist eigentlich in den letzten Jahrzehnten nichts weitergegangen, auch auf Nationalteamebene. Nach Niederlagen gibt man sich immer damit zufrieden, gut gekämpft zu haben. Aber das ist zuwenig. Hypo wird wahrscheinlich wieder Meister werden, vielleicht reißen sie sich jetzt zusammen. Wenn sie nicht Meister werden, wäre das eine noch größere Sensation.

Standard: Wie oft trainiert Korneuburg? Gibt es Profis, oder handelt es sich um einen reinen Amateurbetrieb? Was ist das Saisonziel.

Kolar-Merdan: Wir wollen unter die ersten Vier kommen, das wäre für uns schon ein großer Erfolg. Wir haben jetzt Hypo geschlagen, wir haben in Wiener Neustadt gewonnen, das sind wahrscheinlich die zwei besten Mannschaften. Verloren haben wir gegen Stockerau, da waren wir wirklich schlecht. Am Sonntag, gegen Dornbirn, haben wir das nächste Heimspiel. Es wäre schön, wenn da etwas mehr Zuseher kommen. Wir trainieren drei- oder viermal die Woche. Und wir sind lauter Amateurinnen.

Standard: Wie sieht es mit Ihnen aus, betreiben Sie noch Ihr Kaffeehaus in der Südstadt?

Kolar-Merdan: Nein, das habe ich aufgegeben, ich bin jetzt Verkäuferin beim XXX-Lutz in Brunn am Gebirge. Vollzeit. Das Handball-Training muss sich nebenbei ausgehen. Und es geht sich aus, weil ich den Sport über alles liebe. (Fritz Neumann, 5.11.2015)

Jasna Kolar-Merdan (59) stammt aus Mostar, war mit Jugoslawien 1980 Olympia-Zweite und 1984 Olympiasiegerin, damals warf sie 48 Tore (Olympia-Rekord). Dann wurde sie von Gunnar Prokop in die Südstadt geholt und bekam 1995 die österreichische Staatsbürgerschaft. Gewann mit Hypo achtmal die Champions League, war mit Österreich 1992 Olympiafünfte, ist mit 1206 Toren in 163 Länderspielen ÖHB-Rekordtorschützin. Verheiratet, eine Tochter, ein Sohn.

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    foto: fritz neumann

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