Bildungsreform: AHS-Direktoren skeptisch

5. November 2015, 12:33
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"Nicht nur an Schräubchen drehen" – Von echter Autonomie "meilenweit entfernt"

Wien – Skeptisch äußern sich die AHS-Direktoren zu den derzeit diskutierten Punkten der von der Regierung angekündigten Bildungsreform. "Wir brauchen eine Schulautonomie, die ihren Namen auch verdient", betonte der Sprecher der AHS-Direktoren, Wilhelm Zillner, gegenüber der APA. "Da reicht es nicht, da und dort ein Schräubchen zu drehen."

Die AHS-Direktoren beraten derzeit bei einer Tagung über das Thema Bildungsreform. "In der radikalsten Form ist eine wirklich autonome Schule im AHS-Bereich eine, die am Schluss abtestet, welche Kompetenzen die Schüler erworben haben. Das haben wir mit der neuen Reifeprüfung eigentlich auch. Aber der Weg dorthin wäre den Schulen überlassen – und davon sind wir meilenweit entfernt."

Gruselszenario unfähiger Direktor

Stattdessen diskutiere man offenbar darüber, dass Schulen Unterrichts- und Öffnungszeiten festlegen können sollen. "Das ist so was von unbedeutend und unwichtig", meinte Zillner. "Abseits der Städte ist man ohnehin daran gebunden, dass die Kinder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln auch in die Schule bzw. nach Hause kommen. Wenn da 25 verschiedene Zug- und Busverbindungen zu berücksichtigen sind, welche Freiheiten haben Sie da noch?"

Ähnliches gelte für das Thema Direktoren auf Zeit. Schon jetzt würden die Schulleiterstellen nur "auf Probe" vergeben – nur wer sich in dieser Probezeit bewährt, bleibt auch Direktor. "Das klingt so super – aber bei dem Geld, das man dafür bekommt, sehe ich den Verbesserungsschritt nicht." Als Direktor brauche man eine gewisse Zeit zur Einarbeitung: "Kaum hat man dann alles verstanden, ist man schon wieder in der Endphase." Schon jetzt gebe es für viele Direktorenstellen nur einen oder gar keinen Bewerber. Dabei verstehe er durchaus die Intention der Bestellung auf Zeit: "Das Gruselszenario ist ein unfähiger Direktor, der dann 20 Jahre auf seiner Stelle sitzt. Aber wie viele gibt es wirklich davon? Man sollte eher die Möglichkeit schaffen, einen solchen wieder loszuwerden, anstatt alle auf Zeit zu bestellen."

In der Schulpraxis ortet Zillner derzeit eine "Regelungs- und Verwaltungsdichte, die nie so schlimm war wie jetzt": "Wenn Sie etwa eine A-Klasse haben, die Probleme in Mathematik hat, und eine B-Klasse, die eher schlecht in Englisch ist, können Sie kaum Stunden von da nach dort verschieben, weil genau normiert ist, wieviele Einheiten da und dort stattzufinden haben."

Das ziehe sich bis in die Verwaltung: "Versuchen Sie einmal zu eruieren, was Sie tun müssen, um mit allen Zustimmungen einen leistungsstarken Computer um 1.700 Euro zu kaufen – vom Zeitpunkt von der Entscheidung für den Kauf bis zum Tag, an dem er bei Ihnen steht. Sie werden staunen." Gleiches gelte für manche Projekte: "Wenn sie für Ihr Projekt 'Gesunde Ernährung' beim Bauern ums Eck Äpfel und Topfen kaufen wollen, geht das nicht, weil der Ihnen keine E-Rechnung ausstellen kann. Und Sie dürfen nur dort kaufen, wo Sie eine elektronische Rechnung bekommen."

Schwerpunkte in der Schule

Die mittlerweile offenbar fixe Regelung, dass Direktoren künftig bei der Auswahl von Lehrern ein Veto-Recht bekommen, werde in der Praxis nicht viel ändern, glaubt Zillner. "Es ist eigentlich jetzt schon guter Stil, dass man vom Landesschulrat Lehrer zugewiesen bekommt, die profiltauglich sind. Wenn ich einen Lehrer mit der Kombination Mathematik/Physik brauche, weil ich weiß, dass in zwei Jahren nach meinem Mathe-Lehrer auch der Physik-Lehrer in Pension geht, dann kriege ich den in der Regel auch. Darauf nimmt man jetzt schon Rücksicht. Gleiches gilt, wenn ich etwa an einer Schule mit Informatik-Schwerpunkt einen Mathe-Lehrer brauche, der sich in Informatik auch gut auskennt."

Jahreszeitgemäß hat Zillner auch einen "Wunsch ans Christkind": "Nämlich, dass bei allen Diskussionen auch jene eingebunden werden, die in den Schulen sitzen. Sehen Sie sich die Reformkommission einmal an und zählen Sie nach, wer von dort in einer Schule sitzt und das tägliche Leben dort kennt." Als Betroffene dürfe man aber "gerade einmal das fertige Produkt kommentieren, ohne in die Genese eingebunden zu sein". (APA, 5.11.2015)

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