Vea Kaiser: "Frauen wie ich werden Tussis genannt"

5. November 2015, 17:00
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Normalerweise werden Schriftstellerinnen mit melancholischem Blick vor Bücherregalen abgelichtet. Nicht bei uns: ein Modeshooting mit einigen der prominentesten Autorinnen des Landes

Vea Kaiser: "Frauen wie ich werden Tussis genannt"

foto: lukas gansterer

Standard: Architekten kleiden sich in Schwarz, wie ist das bei Schriftstellerinnen?

Vea Kaiser: Sie lieben Beigetöne.

Standard: Warum das?

Kaiser: Schriftstellerinnen werden unglaublich viele Stereotype entgegengebracht. Wenn du jünger bist, und du richtest dich her, wirst du sofort als oberflächlich angesehen. Interessanterweise wird einem auch nicht verziehen, wenn man sich gar nicht herrichtet, siehe Helene Hegemann.

Standard: Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Kaiser: Halleluja. Was ich mir wegen meiner Liebe zu Stöckelschuhen anhören musste! Das darf man als Schriftstellerin offenbar nicht. Sehen Sie mich an: Ich habe Schellack- Nägel, verlängerte Wimpern, mein Friseur ist ein guter Freund von mir. Gemeinhin werden Frauen wie ich Tussis genannt.

Standard: Ist diese Abneigung gegen Äußerlichkeiten typisch österreichisch und deutsch?

Kaiser: Ganz klar. Als ich in Frankreich war, hatte ich ein Modeshooting mit der Elle. Dort ist das nichts Außergewöhnliches.

Standard: Sind jüngere Schriftstellerinnen diesbezüglich lockerer?

Kaiser: Ich finde es unpassend, wenn man als Schriftstellerin H&M oder Zara trägt. Schriftsteller haben die Aufgabe, Produktionsbedingungen zu reflektieren. Ich fand die Zalando-Werbung unerträglich. Frauen, von denen man denkt, dass sie intelligent sind, machen Werbung für ein Unternehmen, das Mitarbeiter ausbeutet und zum Sterben kleiner Labels beiträgt.

Standard: Welche Designer tragen Sie selbst?

Kaiser: Ich trage fast durchgehend nur jüngere Designer, vor allem österreichische. Ich finde Sandra Gilles toll, ich mag Marianna Déri, das ist eine Frankfurter Designerin, Ewa Herzog, eine Berlinerin. In der Wiener Schleifmühlgasse gibt es eine Designerin, die in ihrer Mode postmoderne Theorien verarbeitet, "ruins of modernity" heißt das Label. Eine großartige Designerin.

Standard: Würden Sie selbst für ein Modelabel Werbung machen?

Kaiser: Ich würde es machen – wenn ich weiß, das Label ist lokal, die Mode wird fair produziert, und da steckt ein künstlerischer Geist dahinter. Sonst nicht.

Vea Kaiser (26) lebt als Schriftstellerin in Wien. Jüngste Publikation: "Makarionissi oder Die Insel der Seligen", Kiepenheuer & Witsch. Auf unserem Bild trägt sie ein Kleid und einen Mantel der österreichischen Designer Arthur Arbesser und Roshi Porkar. Brille Tod's, Socken Item m6, Schuhe Stella McCartney.



Lydia Mischkulnig: "Das Bild ist zu exaltiert"

foto: lukas gansterer

Standard: Entspricht das Outfit auf dem Bild Ihrem eigenen Stil?

Lydia Mischkulnig: Nun ja. Das Kleid ist sehr ornamental, ich trage eher einfärbige Sachen.

Standard: Angenommen, Sie erfinden eine Romanfigur, die genau dieses Outfit trägt. Was wäre das für eine Figur?

Mischkulnig: Das wäre jemand, der sich am liebsten ein Möbelstück anziehen würde. Diese Figur braucht Halt, eine Stütze, Mode ist für sie Ergänzung und Tarnung.

Standard: Was sagt das über den Charakter der Figur aus?

Mischkulnig: Dass sie etwas im Schilde führt, aber dabei nicht erwischt werden möchte. Die Figur gibt sich erst zu erkennen, wenn das Spiel klar ist.

Standard: Wie wichtig ist Ihnen bei Ihren Romanfiguren das Äußerliche?

Mischkulnig: Nur fallweise. Eine exzentrische Romanfigur habe ich einmal über die Exzentrizität ihrer Trompetenhosen charakterisiert. Ich statte meine Figuren auch gerne mit Trompetenärmeln aus. Das sind Figuren, die irgendwohin unterwegs sind, um etwas auszurichten und anzurichten. Diese Figuren sind laut, wollen sich in ihrem Klangrausch aber auch verhüllen.

Standard: Autoren werden oft in ähnlichen Posen fotografiert. Sie wirken melancholisch, introvertiert. Warum ist das so?

Mischkulnig: Das Klischee ist eine Bücherwand und davor das Gesicht des Autors. Schriftsteller führen meist ein einsames Leben, sind Schreibtischexistenzen. Das schlägt sich bildlich nieder. Offenbar wirken diese Bilder auf die Rezipienten aber glaubwürdig.

Standard: Fallen Ihre eigenen professionellen Bilder auch in dieses Genre?

Mischkulnig: Das sind Porträts, die in der Umgebung, in der ich lebe, gemacht wurden. Im Prinzip sind sie auf mein Gesicht reduziert.

Standard: Würden Sie das Bild, das wir gemacht haben, zu Promotionzwecken verwenden?

Mischkulnig: Das könnte ich mir nicht vorstellen. Das Bild ist mir zu exaltiert.

Lydia Mischkulnig (52) lebt als Schriftstellerin in Kärnten und Wien. Ihre jüngste Veröffentlichung: "Vom Gebrauch der Wünsche", Haymon-Verlag. Auf unserem Bild trägt sie Top und Rock des österreichischen Designers Peter Pilotto, ein Halsband von Versace und ihre eigenen Stiefel. Sämtliche Hocker: Artek.



Judith Nika Pfeifer: "Kleidung ist wie ein Film"

foto: lukas gansterer

Standard: Gibt es einen typischen Look von Schriftstellerinnen?

Judith Nika Pfeifer: Das ist sehr individuell. Viele sind recht indifferent, aber es gibt auch einige, die sich viel Mühe geben. Barbi Markovic, Sophie Reyer oder Sandra Gugic fallen mir da ein.

Standard: Das sind allesamt jüngere Autorinnen. Gibt es da einen speziellen Look?

Pfeifer: Das ist eher eine Typ-Frage, würde ich sagen.

Standard: Haben jüngere Autorinnen ein anderes Selbstverständnis, was das Äußere anbelangt?

Pfeifer: Ich denke, es kommt auf die Art der Literatur an, die sie schreiben. Die Poetry-Slammerin Mieze Medusa zieht sich komplett anders an als die Lyrikerin Marlen Pelny oder die eher experimentell arbeitende Ann Cotten. Sie kleiden sich so, wie sie schreiben.

Standard: Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Ihrer eigenen Schreibweise und Ihrem Kleidungsstil beschreiben?

Pfeifer: Ich hatte früher eine Pop-Punkband. Grundsätzlich breche ich gerne Normen, auch wenn man mir das auf den ersten Blick vielleicht nicht ansieht. Humor und Selbstironie sind mir wichtig. Sowohl Schreib- als auch Kleidungsstil sind davon geprägt.

Standard: Mussten Sie sich überwinden, sich in einem fremden Outfit fotografieren zu lassen? Sie sind ja kein Model.

Pfeifer: Nein, ich finde, Kleidung ist wie ein Film, der sich über die Haut legt. Dieser Film legt Dinge offen, verbirgt aber auch so manches. Städte bestehen aus tausenden, Millionen solcher Filme. In dem Wort Textil kommt ja auch das Wort Text vor. Schlüpft man in ein anderes Gewand, dann ist das so, als ob man Teil eines neuen Films wird. Das macht Spaß!

Standard: In welchen Film sind Sie bei unserem Shooting geschlüpft?

Pfeifer: Ich habe weniger an einen Film als an das Eis Twinni gedacht. Dieses Orange und dieses Grün, Birne-Orange würde ich sagen.

Standard: Würden Sie das privat auch tragen?

Pfeifer: Klar, wenn der Anlass dazu passt, warum nicht?

Judith Nika Pfeifer (40) lebt als Schriftstellerin in Wien. Jüngste Veröffentlichung ist der Lyrikband "manchmal passiert auch minutenlang gar nichts", Berger-Verlag. Auf unserem Bild trägt Pfeifer ein Kleid des Wiener Labels Femme Maison, der Mantel ist von Miu Miu und der BH von Versace.



Sophie Reyer: "Ich war immer die Schildkröte"

foto: lukas gansterer

Standard: Gab es in Ihrem Leben eine Phase, in der Sie sich über das Äußere definierten?

Sophie Reyer: Nein, ich habe immer versucht, das Äußere auszuklammern. Ich war immer die Schildkröte. Ich habe zwar Drehbuch studiert, habe aber keinen besonders ausgeprägten visuellen Sinn.

Standard: Auf unserem Bild zeigen Sie sich ästhetisch mutig.

Reyer: Ich verkleide mich gerne. Ich mag alles Zirkushafte, mag künstlerische Projekte. Im Alltag fehlt mir aber die Zeit, mich mit meinem Äußeren auseinanderzusetzen.

Standard: Definieren Sie in Ihren literarischen Arbeiten Figuren über ihre Optik?

Reyer: Klar, Fragen, ob sich jemand schminkt, und wenn, wie, sind wesentlich. Was jemand trägt, ob jemand Kleidung als Schutz verwendet, das sagt viel über die eigene Verletzlichkeit aus.

Standard: Gibt es so etwas wie einen Schriftsteller-Look?

Reyer: Das Klischee ist dieser typische Berlin- Style. Schiefe Krawatte, riesige Hornbrillen, durchgestylt. Ein durchkomponiertes Outfit. Leider sind das aber meist eher unspannende Menschen.

Standard: Warum ist das so?

Reyer: Weil sie sich nicht um ihre Texte, sondern um ihr Äußeres kümmern. Aber es gibt natürlich auch Ausnahmen wie Elfriede Jelinek oder die Theoretikerin Hélène Cixous, die einen wahnsinnigen Chic haben. Elfriede Gerstl hat sich ja auch sehr für Mode interessiert.

Standard: Wie würden Sie Ihren eigenen Stil beschreiben?

Reyer: Post-Pippilotti-Rist. Ein schräges Durch-den-Wind-Sein. Ich bin ein Flohmarktmensch. Ich lasse mir gerne gebrauchtes Gewand schenken von Menschen, die ich mag. 90 Prozent meiner Kleidung stammen von der Freundin meines Bruders. Sie ist Anwältin. Trage ich ihre Kleidung, habe ich das Gefühl, ich bin mit ihr verbunden. Dasselbe gilt für meine beste Freundin oder meine Mutter.

Sophie Reyer (30) ist eine Grazer Schriftstellerin und Komponistin. Jüngste Veröffentlichung: "Insektizid", Leykam-Verlag. Auf unserem Bild trägt Reyer ein Top und eine Hose von Demna, Armband und Schuhe sind von Vivienne Westwood.



Sabine Gruber: "Ich finde, die Preise sind obszön"

foto: lukas gansterer

Standard: Sie legen viel Wert auf Kleidung.

Sabine Gruber: Das hat wahrscheinlich mit meiner italienischen Sozialisation zu tun. Ich war von Kindesbeinen an mit schönen Auslagen und Kleidern in Berührung. Mir gefielen immer jene Kleidungsstücke am besten, an denen kein Preis stand.

Standard: Das ist schlecht für die Brieftasche.

Gruber: Mein Verhältnis zur Mode ist sehr ambivalent: Auch wenn mir teure Stücke gut gefallen, würde ich sie nie kaufen. Ich finde, die Preise sind obszön, warum sollte man 12.000 Euro für einen Marc-Jacobs-Mantel ausgeben?

Standard: Warum werden hierzulande Bereiche wie Design oder Mode in der Geisteswelt oft abschätzig behandelt?

Gruber: Es ist vermutlich eine Frage der sozialen Einstellung. Würde Mode nicht so viel kosten, hätte ich kein Problem, sie zu tragen. Mode ist zuweilen auch Kunst, manche Preise mögen ja berechtigt sein. Aber als teures, sichtbares Statussymbol lehne ich Mode ab.

Standard: Haben Sie jemals eine Romanfigur erfunden, die sich über ihre Kleidung definiert?

Gruber: Designermöbel haben eine Rolle gespielt, nicht aber Kleidung. In meinen Texten beschreibe ich kaum das Äußerliche von Figuren, ich möchte dem Leser diese Projektionsfläche überlassen.

Standard: Weil Kleidung sehr viel an Bedeutung mittransportiert?

Gruber: Zu viele Kodierungen, zu viele Statussymbole, zu viele ideologische Statements.

Standard: Gibt es so etwas wie einen Schriftstellerinnen-Look?

Gruber: Es gibt einen Hang zu dunklen Farben, zu Schwarz. Die Palette ist aber sehr groß, das Spektrum reicht von extrem gut gekleideten Autorinnen bis zu schlecht gekleideten.

Standard: Wer ist denn besonders gut gekleidet?

Gruber: Da fällt mir sofort Elfriede Jelinek ein. Ansonsten sind es eher die Bestsellerautorinnen, die großen Wert auf ihr Äußeres legen. In der Vip-Lounge auf der Frankfurter Buchmesse sind sie vor Auftritten wesentlich länger in der Maske. Man verkauft nicht nur einen Text, sondern auch sich selbst. Manche Texte haben das auch nötig.

Sabine Gruber (52) lebt als Schriftstellerin in Wien. Ihre jüngste Veröffentlichung ist der Lyrikband "Zu Ende gebaut ist nie", Haymon-Verlag. Auf unserem Bild trägt Gruber einen Jeansanzug der österreichischen Designerin Jana Wieland, Mantel Vivienne Westwood, Schuhe Valentino.



Sandra Gugic: "Will eigene Wirklichkeit schaffen"

foto: lukas gansterer

Standard: Schon einmal eine Romanfigur erfunden, die sich über ihr Äußeres definiert?

Sandra Gugic: In meinem Roman Astronauten gibt es Mara, die die Sachen ihres Vaters trägt. Sie ist 16, das Verhältnis zu ihrem Vater wird dadurch klarer.

Standard: Kann Kleidung der Schlüssel zur Interpretation einer Figur sein?

Gugic: Kleidung kann Stimmungen erzeugen. Wie ist jemand, der immer in einem langen schwarzen Mantel herumläuft? Das ist plakativ, sagt aber etwas aus. Warum mag ich keine geblümten Kleider, keine Rollis?

Standard: Fließt da viel von dem ein, wie Sie selbst mit Kleidung umgehen?

Gugic: In jedes Werk fließt viel vom Autor ein. Aber mir ist wichtig, eine eigene Wirklichkeit zu schaffen. Die Frage ist: Was brauche ich, um diese Wirklichkeit auszustaffieren? Das ist dann zwar eine Geschichte von mir, aber nicht meine Geschichte.

Standard: Was haben Sie selbst für eine Beziehung zur Kleidung?

Gugic: Ich muss mich wohlfühlen. Erst fasse ich Kleidungsstücke an, dann schaue ich sie mir an. Kleidung muss einen unterstützen, darf einen nicht beengen.

Standard: Gibt es so etwas wie einen speziellen Schriftstellerinnen-Stil?

Gugic: Diese absichtliche Unabsichtlichkeit ist sehr charakteristisch. Sehr viele Kolleginnen legen wenig Wert auf Kleidung – wenn doch, sollte sie etwas Individuelles haben. Man mischt zum Beispiel Flohmarktsachen mit einem besonderen Einzelstück.

Standard: Wer ist gut angezogen?

Gugic: Ich liebe es, wie sich William Burroughs angezogen hat – seine Anzüge in Kombination mit seinem verlebten Gesicht. Wenn er ein Schönling gewesen wäre, hätte das sicher nicht so gut gewirkt.

Standard: Über die Optik kann man sich ein Image konstruieren. Wie verlockend ist das?

Gugic: Das finde ich schwierig. Ich verstehe, dass Leser neugierig sind, wie die Person, die den Text geschrieben hat, aussieht. Diesem Bedürfnis muss man wohl nachgeben. Ich versuche das Bild aber so gut als möglich mit dem abzustimmen, womit ich leben kann.

Standard: Was sagen Sie zu unserem Bild?

Gugic: Ich finde es wichtig, dass es ironisch gebrochen ist. Stichwort Adiletten!

Sandra Gugic (39) lebt als Schriftstellerin in Wien. Ihre jüngste Publikation: "Astronauten", C.-H.-Beck-Verlag. Auf unserem Bild trägt sie ein Kleid des Wiener Modeduos Bradaric Ohmae, ein Top von Dior und Adiletten.

(Stephan Hilpold, RONDO, 5.11.2015)

foto: lukas gansterer
Autorin Vea Kaiser, fotografiert von Lukas Gansterer, unter 19 Hockern von Artek.

Fotos: Lukas Gansterer
Styling: Rike Hemedinger

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