"High Level sieht man erst im Winter"

Gespräch6. November 2015, 10:06
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In etwas mehr als zwei Wochen hebt der Weltcup der Skispringer in Klingenthal an. Die Saison ist da aber schon einige Monate alt. Die Österreicher kämpften in diesem Sommer eifriger wett als in den vergangenen. Chefcoach Heinz Kuttin hatte gute Argumente dafür

Wien – Es liegt in der Natur der Sache, dass sich Skispringer und deren Trainer Anfang November schlechtes Wetter wünschen. "Leider", sagt Heinz Kuttin, "wir brauchen das." Gut, der Cheftrainer der Österreicher ließe sich natürlich auch zu "schön, aber kalt" überreden. Schön warm, wie gerade aktuell im Alpenraum angesagt, ist aber ganz schlecht, weil sich bei Temperaturen jenseits der 15 Grad plus keine Eisspuren fräsen, keine Aufsprunghügel mit Schnee präparieren lassen. "Da muss man sehr flexibel sein und schauen, wo etwas geht."

Gegangen, sogar sehr gut, ist es vergangene Woche in Oberstdorf im Oberallgäu, weshalb etwa Vierschanzentourneesieger Stefan Kraft nicht nach Wien kommen konnte, um sich als Aufsteiger des verwichenen Sportjahres ehren zu lassen. Der 22-Jährige fügte sich in das Bild, das sich Kuttin von seinen Elitespringern machen durfte: "Sie sind alle auf einem guten Level. Man hat gleich gesehen, wie die Sprünge aerodynamischer und aktiver werden." Es ist nämlich so, dass der Sprunglauf zwar in Richtung Ganzjahressport tendiert, dass das sommerliche Mattenspringen ganz ähnliche Anforderungen wie das winterliche Schneespringen stellt, dass sich das Gespür der Athleten aber doch verändert, wenn ihnen kalte Luft um die Nase weht.

Geschätzter Sommer

Gegen Ende der Erfolgsära von Cheftrainer Alexander Pointner nahmen die Österreicher den Sommer-Grand-Prix kaum noch wahr. Nachfolger Kuttin schätzt aber diese Serie, "weil der Sommer ein sehr gutes Wettkampftraining bietet". Zudem seien allfällige Regeländerungen mit mehr Praxis leichter nachzuvollziehen, etwa eine gewisse Lockerung der Vorschriften für Anzuggrößen. "99 Prozent springen jetzt mit kürzeren Skiern, aber mehr Körperfläche." Den Weiten ist das zuträglich. Kraft kam etwa zuletzt auf der Schattenbergschanze in Oberstdorf auf 149 Meter, der offizielle Rekord steht dort bei 143,5 Metern. "Es sind aber alle an die 140 Meter gesprungen. Dafür ist die Landegeschwindigkeit jetzt geringer." Weite Sprünge dürften in der kommenden Wintersaison leichter zu stehen sein.

Wo die Österreicher landen können, lässt sich genauer erst beim Weltcupauftakt in zwei Wochen in Klingenthal prognostizieren. Zwar gab es schon im Sommer-GP starke Ergebnisse – Kraft siegt einmal in Almaty (Kasachstan), Gregor Schlierenzauer einmal beim Heimspringen in Hinzenbach – "High Level sieht man erst im Winter", sagt Kuttin. Der Vergleich mit den Slowenen, die vergangene Woche ebenfalls in Oberstdorf übten, stimmte ihn noch etwas zuversichtlicher.

Ziele gibt es auch ohne nordische Weltmeisterschaften und Olympische Spiele bis kommenden März genug. "Im Skispringen gibt es keine Übergangssaison. Wir haben immer drei Höhepunkte, diesmal ist es neben der Tournee und dem Weltcup eben der Kulm."

Der Heimweltmeisterschaft im Skifliegen von 14. bis 16. Jänner in Tauplitz / Bad Mitterndorf geht in Kuttins Wortwahl ein "Wahnsinnsprogramm" voran. Die Österreicher springen zunächst um den achten Tourneesieg en suite. Kuttin wünscht sich, so viele aussichtsreiche Springer wie möglich in die Viererserie zu schicken, die traditionell am Dreikönigstag endet. Eine Woche später wird in Willingen quasi eingeflogen für die Medaillenjagd, die Österreich in beiden Bewerben eine Dekoration bringen soll.

Für sich und die Trainer wünscht sich Kuttin den Gewinn des Nationencups. Es liegt aber in der Natur der Sache, dass sich das viele Skisprungnationen ebenso wünschen wie schlechtes Wetter Anfang November. (Sigi Lützow, 5.11.2015)

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    Heinz Kuttin (44) geht in seinen zweiten Winter als Chefcoach Österreichs.

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