"Manifold Garden": Das unmögliche Spiel, das Gehirne verknotet

8. November 2015, 10:00
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Der US-Künstler William Chyr stellt für sein Debütwerk die Regeln der Physik auf den Kopf

Es ist eine abstrakte Welt aus einfachen Formen und Linien. Wie technische Zeichnungen oder Architekturpläne sehen die mal schlichten, mal überwältigend komplexen Konstruktionen aus, die hier scheinbar in der Luft schweben. Und doch ist die Welt von "Manifold Garden" alles andere als simpel. Ein Schritt in den Abgrund – und wenig später landet man wieder an exakt dem Punkt, von dem man losgesprungen ist. Auch die Wanderung in eine x-beliebige Richtung führt wieder zum Ausgangspunkt zurück. Oben ist unten, links ist rechts, Wasserfälle plätschern ohne Anfang und Ende über simple Würfel und endlose Treppenschächte, die architektonisch unmöglich ineinander verschachtelt sind. Auch die Schwerkraft gehorcht eigenen Gesetzen: Was eben noch Decke oder Wand war, wird zum Fußboden und umgekehrt. Es sind Spielewelten, wie sie der Fantasie des berühmten holländischen Künstlers Maurits Cornelis Escher entsprungen sein könnten – und eines seiner Bilder, "Relativity", war lange Zeit Hauptinspiration und Namensgeber des Spieleprojekts des 28-jährigen US-Künstlers William Chyr.

Chyr ist kein Spieleentwickler wie viele andere. Neben seinem Studium der ungewöhnlichen Kombination Wirtschaft und Physik in Chicago und Forschungsmitarbeit in wissenschaftlichen Labors in den USA und Europa arbeitete er auch als Jongleur, Zauberkünstler und Organisator beim Studentenzirkus Le Vorris & Vox. Zu erster internationaler Bekanntheit verhalf ihm allerdings eine andere originelle Nische: Mit riesigen, von naturwissenschaftlichen Zell- und Atommodellen inspirierten Skulpturen aus kunstvoll verknoteten Luftballons brachte es William Chyr zu internationalen Ausstellungen, Stipendien und Designaufträgen.

william chyr

Neo-Entwickler mit Community-Hilfe

Seit 2013 arbeitet er nun an seinem ungewöhnlichen Spiel, das kein "interaktives Kunstwerk", sondern ein origineller First-Person-Puzzler mit starkem Fokus auf ungewöhnlichem und trickreichem Leveldesign werden soll – ein recht radikaler Richtungswechsel und ein Sprung ins kalte Wasser. "Nach einigen Jahren der Arbeit mit Kunst und den Ballons wollte ich einmal etwas Neues versuchen. Ich war ja schon als ‘der Ballon-Typ’ abgestempelt. Ein Freund hat mir von der Independent-Games-Szene erzählt und mir Spiele von Jonathan Blow, Tale of Tales oder Thatgamecompany gezeigt. Zu dieser Zeit war ich schon seit fast zehn Jahren ganz vom Medium Computerspiele weg, daher hat mich diese neue Entwicklung sehr beeindruckt. Spiele kamen mir einfach wieder als unglaublich aufregendes Medium für Kunst vor", so Chyr.

Ungewöhnlich ist die Transparenz, mit der Chyr seine Arbeit am Spiel zugänglich macht: Ein Designblog dokumentiert akribisch jeden einzelnen Entwicklungsschritt, tausende Screenshots zeigen eindrucksvoll das Wachsen des Spiels. Seit kurzem lässt sich der Entwickler auch per Twitch live beim Entwickeln über die Schulter blicken. "Ein Riesenvorteil eines so offenen Designprozesses ist für mich, dass ich Ideen ausprobieren und sofort Feedback bekommen kann. Außerdem kann ich mir so auch bei programmiertechnischen Unklarheiten schnell Unterstützung und Hilfe holen. Ein Nachteil dabei ist eigentlich nur, dass man darauf achten muss, nicht von zu vielen Vorschlägen und vom Feedback überwältigt zu werden."

Erfolgreiches Debüt

Neben seiner Präsenz im Netz hat William Chyr sein noch unfertiges Spiel aber auch zu unzähligen internationalen Festivals und Indie-Games-Events mitgenommen und dort persönlich vorgestellt – eine Vorgehensweise, die sich bezahlt gemacht hat. "2014 war ich auf etwa 14 verschiedenen Events, um ‘Manifold Garden’ vorzustellen – das war enorm anstrengend. Die Leute von Sony sind dort auf mich aufmerksam geworden und haben mich zu ihrem Community-Event ‘Playstation Experience’ eingeladen." Und: "Manifold Garden" wurde prompt für die PlayStation 4 unter Vertrag genommen und wird neben PC auch auf Sonys Konsole erscheinen – das dürfte ein Novum für das Debütspiel eines Neo-Entwicklers sein.

foto: william chyr

Dass "Manifold Garden" aber nur optisch beeindruckend ausfällt und mit Gameplay geizt, ist nicht zu befürchten. "Die Ästhetik ist mir sehr wichtig, aber die Basis sind Gameplay und Spielmechanik. Jedes visuelle Element dient dazu, das Gameplay zu unterstützen, und nicht umgekehrt", so Chyr. "Am spannendsten ist für mich das Leveldesign. Die Puzzles selbst ergeben sich aus der Spielmechanik, aber was ist, wenn ich in diesem Level gerade auf einer Wand stehe, oder an der Decke? Jeder Level besteht so eigentlich aus sechs verschiedenen Levels, die alle ineinander verschränkt sind."

Schon nächstes Jahr soll der innovative Exploration-Puzzler mit seiner faszinierenden Optik für Playstation 4 und PC erscheinen. Chyr sieht sich selbst als kreativen Forscher irgendwo im Grenzgebiet zwischen Kunst und Wissenschaft. "Spiele sind ein fantastisches Medium, um in dieser Grauzone zu experimentieren", so der Entwickler. "Und das Schöne ist, dass nicht nur das Spiele selbst, sondern auch sein Entstehungsprozess diese zwei auf den ersten Blick unterschiedlichen Gebiete zusammenbringt." (Rainer Sigl, 8.11.2015)

"Manifold Garden" soll 2016 für PS4, Windows-PC, Mac und Linux erscheinen.

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    bild: manifold garden
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