Tenor Mauro Peter über Liedgesang: "Nicht mit halber Stimme singen"

Interview4. November 2015, 17:18
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Am Sonntag startet mit "Salon am Hof" eine neue Konzertreihe rund um den Pianisten Helmut Deutsch, der mit prominenten Sängern Liedprogramme erarbeitet. Den Anfang macht der Tenor Mauro Peter

STANDARD: Herr Peter, was ist denn das Wesen des Lieds?

Peter: Ich gebe einmal die junge, naive Antwort: Ehrlichkeit, Natürlichkeit und Echtheit. Für mich ist das die Essenz.

STANDARD: Worin liegt für Sie die Besonderheit des Liedgesangs?

Peter: Ich finde es wichtig, dass man beim Lied mit der gleichen Stimme singt wie in der Oper, obwohl natürlich das Spektrum nach unten hin, bei den leisen Tönen, viel weiter ist. Aber Lied heißt nicht mit halber Stimme singen. Das wäre fatal und würde der Sache nicht dienen.

STANDARD: Herr Deutsch, wie würden Sie dieselben Fragen beantworten?

Deutsch: Es ist ja oft gesagt worden, dass man im Lied Minidramen hat, kleine Geschichten erzählt usw. Der Unterschied zu Oper und Oratorium ist, dass man als Sänger quasi nackt auf der Bühne steht. Es gibt keine Hilfe durch Beleuchtungseffekte, Kostüm und Bühnenpartner, man ist als Sänger mit dem Pianisten ganz auf sich gestellt. Dafür kann man einen Grad der Perfektion erreichen, der sonst kaum möglich ist.

STANDARD: Was ist für einen jungen Sänger die Motivation, beim Lied einen Schwerpunkt zu setzen?

Peter: Das hat sich so ergeben, seit meinem Debüt bei der Schubertiade in Hohenems 2012, das offenbar gelungen ist.

STANDARD: Was muss jemand, der Lieder singt, unbedingt können?

Deutsch: Bei aller Begeisterung, die viele junge Menschen mitbringen – sie singen das gerne, haben ganz tolle Stimmen -, stelle ich immer wieder fest, dass sie oft Probleme mit Lyrik haben. Ich war sicher kein ganz normaler Bub, als ich mit 15 Heine-Gedichte, Theodor Storm, Eichendorff und Goethe verschlungen habe. Aber ich finde, vielen jungen Sängern geht der Bezug zu den Texten ab. Da, wo es einem das Herz zerreißen muss vor Eifersucht und Trauer, wirkt die Sache oft zu unterkühlt. Loszulassen und die Emotionen wirklich zu zeigen scheint mir für junge Leute schwierig zu sein.

STANDARD: Eine Voraussetzung ist also ein Bezug zur eigenen Emotionalität?

Peter: Absolut. Es ist manchmal nicht so einfach, seine Gefühle zu ergründen, zu ihnen zu stehen und dann auch noch den Mut zu haben, sie auf die Bühne zu bringen. Aber für das Konzert und das Musizieren ist es so viel erfüllender und viel dringlicher.

STANDARD: In der Literatur gibt es den Begriff des "lyrischen Ich", der Stimme in einem Gedicht, die nicht mit dem Autor identisch sein muss. Haben Sie das Gefühl, Sie sprechen als Sie selbst, wenn Sie ein Lied singen?

Peter: Ich versuche das schon. Diese Distanz schaffe ich einfach nicht und will sie auch nicht schaffen. Wenn ich Schuberts Müllerin oder die Winterreise singe, muss ich mir das vor meinem inneren Auge vorstellen, dass wirklich ich das durchlebe. Das ist dann meine Geschichte, die ich in mir finden muss.

Deutsch: Es gibt ja teils berühmte Sänger, die ganz genau das Gegenteil davon predigen. Ich verstehe das nicht, auch wenn einer davon mein Schüler war. Sich als neutraler Betrachter zu positionieren, finde ich seltsam. Es muss natürlich immer eine Kontrolle da sein. Aber wenn es um Emotionalität geht, muss man sich schon selbst einbringen.

STANDARD: Wie kann man denn Entwicklungsmöglichkeiten junger Sänger realistisch einschätzen?

Deutsch: Das ist schon sehr schwer vorauszusehen. Ich gebe gerne zu, dass ich mich ein paar Mal total geirrt habe – nach beiden Richtungen. Manchmal tauchen ehemalige Studierende auf, an die ich mich nur mit Schaudern erinnere – plötzlich sind das ganz große Sänger, und ich kann es nicht fassen. Manche kommen mit 20, und der Knopf geht erst sechs, sieben Jahre später wirklich auf.

STANDARD: Herr Peter, wann wussten Sie, dass es bei Ihnen etwas wird?

Peter: Nach der Aufnahmeprüfung in München habe ich mir gedacht: Aha, da wird wohl schon etwas dran sein. Ein Fehler, den manche machen, ist, dass sie sich nach Erfolgen ausruhen, wenn sie etwa eine Hochschulkarriere machen. Natürlich habe ich die auch gemacht – junge Tenöre sind immer begehrt. Ich fand das schön, aber wollte immer weiter. Es zählt ja nur, wie die Wirkung außerhalb der Hochschule ist. Es lohnt sich, gewissen Problemen nicht aus dem Weg zu gehen und den Finger in die Wunden zu legen.

Deutsch: Man muss für die Sache brennen. Musik ist kein Job, um schnell berühmt und reich zu werden. Das ist vollkommen lächerlich. Wenn man nicht das Gefühl hat, man muss unbedingt Musik machen, dann hat man in dem Beruf nichts verloren. (Daniel Ender, 4.11.2015)

Helmut Deutsch, geboren 1945 in Wien, ist einer der prominentesten "Liedbegleiter" unserer Zeit. 1986 bis 2011 hatte er eine Liedklasse an der Musikhochschule München.

Mauro Peter, geboren 1987 in Luzern, studierte Gesang in München und war Mitglied der Liedklasse von Helmut Deutsch. Seit 2012 ist er ein gefragter Lied- und Opernsänger.

Konzert: 8. 11., 16 Uhr, Grand Salon Park Hyatt Hotel Wien

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Salon am Hof

  • Vielen jungen Sängern gehe der Bezug zu Text und Lyrik ab, meint  der junge Tenor Mauro Peter. Er selbst hat mit 15 begonnen, Gedichte zu verschlingen.
    foto: mauro peter

    Vielen jungen Sängern gehe der Bezug zu Text und Lyrik ab, meint der junge Tenor Mauro Peter. Er selbst hat mit 15 begonnen, Gedichte zu verschlingen.

  • Im Unterschied zur Oper stehe der Sänger beim Lied "quasi nackt auf der Bühne", sagt der Pianist Helmut Deutsch. Dafür könne man einen hohen Grad an Perfektion erreichen.
    foto: shirley suarez

    Im Unterschied zur Oper stehe der Sänger beim Lied "quasi nackt auf der Bühne", sagt der Pianist Helmut Deutsch. Dafür könne man einen hohen Grad an Perfektion erreichen.

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